Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Note».

Er schildert einzelne Beschwerlichkeiten des Augenblicks, dieihn peinlich anfechten, aber in Gedanken an die entfernten Ge-liebten frohmüthig überstanden werden.

Und Altar des lieblichsten DanksWird ihm des gefürchteten GipfelsSchneebehangner Scheitel,

Den mit GeisterreihenKränzten ahnende Völker.

Ein wichtiger, völlig ideell, ja phantastisch erscheinenderPunkt, über dessen Realität der Dichter schon manchen Zweifelerleben mußte, wovon aber ein sehr erfreuliches Document nochin seinen Händen ist.

Ich stand wirklich am zehnten December in der Mittags-stunde, gränzenlosen Schnee überschauend, auf dem Gipfel desBrockens, zwischen jenen ahnungsvollen Granitklippen, übermir den vollkommen klarsten Himmel, von welchem herab dieSonne gewaltsam brannte, so daß in der Wolle des Ueberrocksder bekannte branstige Geruch erregt ward. Unter mir sah ichein unbewegliches Wogenmeer nach allen Seiten die Gegendüberdecken und nur durch höhere und tiefere Lage der Wolken-schichten die darunter befindlichen Berge und Thäler andeuten.

Die herrliche Erscheinung farbiger Schatten, bei untergehen-der Sonne, ist in meinem Entwurf der Farbenlehre im 75sten 8.umständlich beschrieben.

Du stehst mit unerforschtem BusenGeheimnißvoll offenbarUeber der erstaunten Welt,

Und schaust aus WolkenAuf ihre Reiche und Herrlichkeit,

Die du aus den Adern deiner BrllderNeben dir wässerst.

Hier ist leise auf den Bergbau gedeutet. Der unerforschteBusen des Hauptgipfels wird den Adern seiner Brüder entgegen-gesehn Die Metalladern sind gemeint, aus welchen die Reicheder Welt und ihre Herrlichkeit gewässert werden.

Eine vorläufige Anschauung dieser wichtigen Gefchäftsthätig-keit sich zu verschaffen, welches ihm auch gelang, veranlaßte zumTheil das seltsame Unternehmen, wovon das gegenwärtige Ge-dicht allerdings mysteriöse, schwer zu deutende Spuren enthält.

Das Thema desselben wäre also wohl folgendermaßen aus-zusprechen: der Dichter, in doppelter Absicht, ein unmittelbaresAnschauen des Bergbaues zu gewinnen und einen jungen, äußersthypochondrischen Selbstqnäler zu besuchen und aufzurichten, be-dient sich der Gelegenheit, daß engverbundene Freunde zurWinterjagdlust ausziehn, um sich von ihnen auf kurze Zeit zutrennen.

So wie sie die rauhe Witterung nicht achten, unternimmter, nach seiner Seite hin, jenen einsamen wunderlichen Ritt.Es glückt ihm nicht nur seine Wünsche erfüllt zu sehen, sondernauch durch eine ganz eigene Reihe von Anlässen, Wanderungenund Zufälligkeiten auf den beschneiten Brockengipfel zu gelangen.Von dem, was ihm während dieser Zeit durch den Sinn ge-zogen, schreibt er zuletzt kurz, fragmentarisch, geheimnißvoll, im

Sinn und Ton des ganzen Unternehmens, kaum geregelte rhyth-mische Zeilen.

Durch einen ziemlichen Umweg schließt er sich wieder an dieBrüder der Jagd, theilt ihre tagtäglichen heroischen Freuden,um Nachts, in Gegenwart einer Prasselnden Kaminflamme, siedurch Erzählung seiner wunderlichen Abenteuer zu ergötzen undzu rühren.

Mein werther Commentator wird hieraus mit eigenem Ver-gnügen ersehen, wie er so vollkommen zum Verständniß desGedichtes gelangt sey, als es ohne die Kenntniß der besondersvorwaltenden Umstände möglich gewesen; er findet mich an keinerStelle mit ihm in Widerstreit, und wenn das Reelle hie und dadas Ideelle einigermaßen zu beschränken scheint, so wird dochdieses wieder erfreulich gehoben und in's rechte Licht gestellt, weiles auf einer wirklichen, doch würdigen Base emporgehoben wor-den. Giebt man nun aber dem Erklärer zu, daß er nicht geradebeschränkt seyn soll, alles, was er vorträgt, aus dem Gedicht zuentwickeln, sondern daß er uns Freude macht, wenn er manchesverwandte Gute und Schöne an dem Gedicht entwickelt, so darfman diese kleine, gehaltreiche Arbeit durchaus billigen und mitDank erkennen.

Ueber das Fragment:

Die Geheimnisse.

18tk,

Eine Gesellschaft studirender Jünglinge, in einer der erstenStädte Rorddeutschlands, haben ihren freundschaftlichen Zu-sauunenkünsten eine gewisse Form gegeben, so daß sie erst eindichterisches Werk vorlesen, sodann über dasselbe ihre Meinungenwechselseitig eröffnend, gesellige Stunden nützlich hinbringen.Derselbe Verein hat auch meinem Gedichte:

Die Geheimnisse

überschrieben, seine Aufmerksamkeit gewidmet, sich darüber be-sprochen, und als die Meinungen nicht zu vereinigen gewesen,den Entschluß gefaßt, bei mir anzufragen, inwiefern es thunlichsey diese Räthsel aufzuklären; wobei sie mir zugleich eine garwohl haltbare Meinung mitgetheilt, worin die meisten mit ein-ander übereingekommen. Da ich nun in dem Antrage und derArt desselben so viel guten Willen, Sinn und Anstand finde;so will ich hieraus um so lieber eine Erklärung geben, als jenesräthselhafte Product die Auslegungsgabe schon manches Lesersbeschäftigt hat, und ich in meinen schriftstellerischen Bekenntnissenwohl sobald an die Epoche nicht gelangen möchte, wo diese Ar-beit veranlaßt und sogleich auf einmal in so kurzer Zeit auf denPunkt gebracht worden, wie man sie kennt, alsdann aber unter-brochen, und nie wieder vorgenommen wurde; es war in derMitte der achtziger Jahre.

Ich darf voraussetzen, daß jenes Gedicht selbst dem Leserbekannt sey, doch will ich davon folgendes erwähnen: Man er-innert sich, daß ein junger Ordensgeistlicher, in einer gebirgigen