Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Noten.

179

Gegend verirrt, zuletzt im freundlichen Thal ein herrliches Ge-bäude antrifft, das auf Wohnung von frommen geheimnißvollenMännern deutet. Er findet daselbst zwölf Ritter, welche nachüberstaudenem sturmvollem Leben, wo Mühe, Leiden und Ge-fahr sich andrängten, endlich hier zu wohnen und Gott im Stillenzu dienen, Verpflichtung übernommen. Ein dreizehnter, den siefür ihren Obern erkennen, ist eben im Begriff, von ihnen zuscheiden, auf welche Art, bleibt verborgen; doch hatte er in denletzten Tagen seinen Lebenslauf zu erzählen angefangen, wovondem neu angekommenen geistlichen Bruder eine kurze Andeutung,bei guter Aufnahme, zu Theil wird. Eine geheimnißvolle Nacht-erscheinung festlicher Jünglinge, deren Fackeln bei eiligem Laufden Garten erhellen, macht den Beschluß.

Um nun die weitere Absicht, ja den Plan im Allgemeinen,und somit auch den Zweck des Gedichtes zu bekennen, eröffne ich,daß der Leser durch eine Art von ideellem Montserrat geführtwerden und, nachdem er durch die verschiedenen Regionender Berge, Felsen und Klippenhöhen seinen Weg genommen,gelegentlich wieder auf weite und glückliche Ebenen gelangensollte. Einen jeden der Rittermönche würde man in seinerWohnung besucht und durch Anschauung klimatischer undnationaler Verschiedenheiten erfahren haben, daß die treff-lichsten Männer von allen Enden der Erde sich hier versammelnmögen, wo jeder von ihnen Gott auf seine eigenste Weise imStillen verehre.

Der mit Bruder Marcus hernmwandelnde Leser oder Zu-hörer wäre gewahr geworden, daß die verschiedensten Denk- undEmpfindungsweisen, welche in dem Menschen durch Atmosphäre,Landstrich, Völkerschaft, Bedürfniß, Gewohnheit entwickelt oderihm eingedrückt werden, sich hier am Orte in ausgezeichnetenIndividuen darzustellen und die Begier nach höchster Ausbildung,obgleich einzeln unvollkommen, durch Zusammenleben würdigauszusprechen berufen seyen.

Damit dieses aber möglich werde, haben sie sich um einenMann versammelt, der den Namen Humanus führt; wozusie sich nicht entschlossen hätten, ohne sämmtlich eine Aehnlichkeit,eine Annäherung zu ihin zu fühlen. Dieser Vermittler nun willunvermuthet von ihnen scheiden, und sie vernehmen, so betäubtals erbaut, die Geschichte seiner vergangnen Zustände. Dieseerzählt jedoch nicht er allein, sondern jeder von den Zwölfen,mit denen er sämmtlich im Laufe der Zeiten in Berührung ge-

kommen, kann von einem Theil dieses großen LebenswandelsNachricht und Auskunft geben.

Hier würde sich dann gefunden haben, daß jede besondereReligion einen Moment ihrer höchsten Blüthe und Frucht er-reiche, worin sie jenem obern Führer und Vermittler sich ange-näht, ja sich mit ihm vollkommen vereinigt. Diese Epochen solltenin jenen zwölf Repräsentanten verkörpert und fixirt erscheinen,so daß man jede Anerkennung Gottes und der Tugend, sie zeigesich auch in noch so wunderbarer Gestalt, doch immer allerEhren, aller Liebe würdig müßte gefunden haben. Und nunkonnte nach langem Zusammenleben Humanus gar wohl vonihnen scheiden, weil sein Geist sich in ihnen Allen verkörpert,Allen angehörig, keines eigenen irdischen Gewandes Mehrbedarf.

Wenn nun nach diesem Entwurf der Hörer, der Theilnehmer,durch alle Länder und Zeiten im Geiste geführt, überall das Er-freulichste, was die Liebe Gottes und der Menschen unter somancherlei Gestalten hervorbringt, erfahren; so sollte daraus dieangenehmste Empfindung entspringen, indem weder Abweichung,Mißbrauch, noch Entstellung, wodurch jede Religion in gewissenEpochen verhaßt wird, zur Erscheinung gekommen wäre.

Ereignet sich nun diese ganze Handlung in der Charwoche,ist das Hauptkennzeichen dieser Gesellschaft ein Kreuz, mit Rosenumwunden; so läßt sich leicht voraussehen, daß die durch denOstertag besiegelte ewige Dauer erhöhter menschlicher Zuständeauch hier bei dem Scheiden des Humanus sich tröstlich würdeoffenbaret haben.

Damit aber ein so schöner Bund nicht ohne Haupt und Mit-telsperson bleibe, wird durch wunderbare Schickung und Offen-barung der arme Pilgrim Bruder Marcus in die hohe Stelleeingesetzt, der ohne ausgebreitete Umsicht, ohne Streben nachUnerreichbarem, durch Demuth, Ergebenheit, treue Thätigkeitim frommen Kreise, gar wohl verdient, einer wohlwollendenGesellschaft, so lange sie auf der Erde verweilt, vorzustehen.

Wäre dieses Gedicht vor dreißig Jahren, wo es ersonnen undangefangen worden, vollendet erschienen, so wäre es der Zeiteinigermaßen vorgeeilt. Auch gegenwärtig, obgleich seit jenerEpoche die Ideen sich erweitert, die Gefühle gereinigt, die An-sichten aufgeklärt haben, würde man das nun allgemein Aner-kannte im poetischen Kleide vielleicht gerne sehen, und sich daranin den Gesinnungen befestigen, in welchen ganz allein der Mensch,aus seinem eigenen Montserrat, Glück und Ruhe finden kann.