Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Sprüche in Prosa.

227

Ich schweige zu vielem still; denn ich mag die Menschennicht irre machen, und bin Wohl zufrieden, wenn sie sich freuen,da wo ich mich ärgere.

Alles, was unsern Geist befreit, ohne uns die Herrschaft überuns selbst zu geben, ist verderblich.

Das Was des Kunstwerks interessirt die Menschen mehrals das Wie; jenes können sie einzeln ergreifen, dieses im Gan-zen nicht fassen. Daher kommt das Herausheben von Stellen,wobei zuletzt, wenn man wohl aufmerkt, die Wirkung der To-talität auch nicht ausbleibt, aber jedem unbewußt.

Die Frage: Woher hat's der Dichter? geht auch nurauf's Was, vom Wie erfährt dabei niemand etwas.

Einbildungskraft wird nur durch Kunst, besonders durchPoesie geregelt. Es ist nichts fürchterlicher als Einbildungskraftohne Geschmack.

Das Manierirte ist ein verfehltes Ideelle, ein subjectivirtesIdeelle; daher fehlt ihm das Geistreiche nicht leicht.

Der Philolog ist angewiesen auf die Congruenz des Geschrie-benüberlieferten. Ein Manuskript liegt zum Grunde, es findensich in demselben wirkliche Lücken, Schreibfehler, die eine Lückeim Sinne machen, und was sonst alles an einem Manuskriptezu tadeln seyn mag. Nun findet sich eine zweite Abschrift, einedritte; die Vergleichung derselben bewirkt immer mehr, das Ver-ständige und Vernünftige der Ueberlieferung gewahr zu werden.Ja er geht weiter und verlangt von seinem innern Sinn, daßderselbe ohne äußere Hülfsmittel die Congruenz des Abgehandel-ten immer besser zu begreifen und darzustellen wisse. Weil nunhiezu ein besonderer Tact, eine besondere Vertiefung in seinenabgeschiedenen Autor nöthig und ein gewisser Grad von Er-findungskraft gefordert wird, so kann man dem Philologen nichtverdenken, wenn er sich auch ein Urtheil bei Geschmackssachenzutraut, welches ihm jedoch nicht immer gelingen wird.

Der Dichter ist angewiesen auf Darstellung. Das höchstederselben ist, wenn sie mit der Wirklichkeit wetteifert, d. h. wennihre Schilderungen durch den Geist dergestalt lebendig sind, daßsie als gegenwärtig für jedermann gelten können. Auf ihremhöchsten Gipfel scheint die Poesie ganz äußerlich; je mehr sie sichin's Innere zurückzieht, ist sie auf dem Wege zu sinken. Die-jenige, die nur das Innere darstellt, ohne es durch ein Aeußereszu verkörpern, oder ohne das Aeußere durch das Innere durch-fühlen zu lassen, sind beides die letzten Stufen, von welchen aussie in's gemeine Leben Hineintritt.

Die Redekunst ist angewiesen auf alle Vortheile der Poesie,auf alle ihre Rechte; sie bemächtigt sich derselben und mißbrauchtsie, um gewisse äußere, sittliche oder unsittliche, augenblicklicheVortheile im bürgerlichen Leben zu erreichen.

Ein in natürlicher Wahrheit und Großheit, obgleich wild undunbehaglich ausgebildetes Talent ist Lord Byron, und deßwegenkaum ein anderes ihm vergleichbar.

Eigentlichster Werth der sogenannten Volkslieder ist der, daßihre Motive unmittelbar von der Natur genommen sind. DiesesVortheils aber könnte der gebildete Dichter sich auch bedienen,wenn er es verstünde.

Hiebei aber haben jene imnier das voraus, daß natürlicheMenschen sich besser auf den Lakonismus verstehen als eigentlichGebildete.

Shakspeare ist für aufkeimende Talente gefährlich zu lesen;er nöthigt sie, ihn zu reproduciren, und sie bilden sich ein, sichselbst zu produciren.

Ueber Geschichte kann niemand urtheilen, als wer an sich selbstGeschichte erlebt hat. So geht es ganzen Nationen. Die Deut-schen können erst über Literatur urtheilen, seitdem sie selbst eineLiteratur haben.

Man ist nur eigentlich lebendig, wenn man sich des Wohl-wollens andrer sreut.

Frömmigkeit ist kein Zweck, sondern ein Mittel, um durchdie reinste Gemüthsruhe zur höchsten Cultur zu gelangen.

Deßwegen läßt sich bemerken, daß diejenigen, welche Fröm-migkeit als Zweck und Ziel aufstecken, meistens Heuchler werden.

! „Wenn man alt ist, muß man mehr thun, als da man jung! war."

Erfüllte Pflicht empfindet sich immer noch als Schuld, weili man sich nie ganz genug gethan.

Die Mängel erkennt nur der Lieblose; deßhalb, um sie ein-zusehen, muß man auch liebloswerden, aber nicht mehr als hiezunöthig ist.