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Sprüche in Prosa.
Es ist so gewiß als wunderbar, daß Wahrheit und Irrthumaus einer Quelle entstehen; deßwegen man oft dem Irrthumnicht schaden darf, weil man zugleich der Wahrheit schadet.
Die Wahrheit gehört dem Menschen, der Irrthum der Zeitan. Deßwegen sagte man von einem außerordentlichen Manne:
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Jedermann hat seine Eigenheiten und kann sie nicht los wer-den; und doch geht mancher an seinen Eigenheiten, oft an denunschuldigsten, zu Grunde.
Wer sich nicht zu viel dünkt, ist viel mehr als er glaubt.
In Kunst und Wissenschaft so wie im Thun und Handelnkommt alles darauf an, daß die Objecte rein aufgefaßt und ihrerNatur gemäß behandelt werden.
Wenn verständige, sinnige Personen im Alter die Wissen-schaft gering schätzen, so kommt es nur daher, daß sie von ihrund von sich zu viel gefordert haben.
Ich bedaure die Menschen, welche von der Vergänglichkeit derDinge viel Wesens machen und sich in Betrachtung irdischer Nich-tigkeit verlieren: sind wir ja eben deßhalb da, um das Vergäng-liche unvergänglich zu machen; das kann ja nur dadurch ge-schehen , wenn man beides zu schätzen weiß.
Was die Franzosen lournurs nennen, ist eine zur Anmuthgemilderte Anmaßung. Man sieht daraus, daß die Deutschenkeine Tournure haben können: ihre Anmaßung ist hart undherb, ihre Anmuth mild und demüthig; das eine schließt dasandere aus und sind nicht zu verbinden.
Einen Regenbogen, der eine Viertelstunde steht, sieht mannicht mehr an.
Es begegnete und geschieht mir noch, daß ein Werk bildenderKunst mir beim ersten Anblick mißfällt, weil ich ihm nicht ge-wachsen bin; ahn' ich aber ein Verdienst daran, so such' ich ihmbeizukommen, und dann fehlt es nicht an den erfreulichsten Ent-deckungen; an den Dingen werd' ich neue Eigenschaften und anmir neue Fähigkeiten gewahr.
Der Glaube ist ein häuslich, heimlich Capital, wie es öffent-liche Spar- und Hülsscassen giebt, woraus man, in Tagen der
Roth, Einzelnen ihr Bedürfniß reicht; hier nimmt der Gläu-bige sich seine Zinsen im Stillen selbst.
Der eigentliche Obscurantismus ist nicht, daß man die Aus-breitung des Wahren, Klaren, Nützlichen hindert, sondern daßman das Falsche in Cours bringt.
Indem ich mich zeither mit der Lebensgeschichte wenig undviel bedeutender Menschen anhaltender beschäftigte, kam ich aufden Gedanken: es möchten sich wohl die einen in dem Welt-gewebe als Zettel, die andern als Einschlag betrachten lassen;jene gäben eigentlich die Breite des Gewebes an, diese dessenHalt, Festigkeit, vielleicht auch mit Zuthat irgend eines Gebildes.Die Scheere der Parze hingegen bestimmt die Länge, dem sichdenn das Uebrige alles zusammen unterwerfen muß. Weiterwollen wir das Gleichniß nicht verfolgen.
Auch Bücher haben ihr Erlebtes, das ihnen nicht entzogenwerden kann.
Wer nie sein Brod mit Thränen aß,
Wer nicht die kummervollen NächteAuf seinem Bette weinend saß,
Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte.
Diese tiefschmerzlichen Zeilen wiederholte sich eine höchst voll-kommene, angebetete Königin in der grausamsten Verbannung,zu gränzenlosem Elend verwiesen. Sie befreundete sich mit demBuche, das diese Worte und noch manche schmerzliche Erfahrungüberliefert, und zog daraus einen peinlichen Trost; wer dürftediese schon in die Ewigkeit sich erstreckende Wirkung wohl jemalsverkümmern?
Mit dem größten Entzücken sieht man im Apollosaal derVilla Aldobrandini zu Frascati, auf welche glückliche Weise Do-minichin die Ovidischen Metamorphosen mit der schicklichstenOertlichkeit umgiebt; dabei nun erinnert man sich gern, daß dieglücklichsten Ereignisse doppelt selig empfunden werden, wennsie uns in herrlicher Gegend gegönnt waren, ja, daß gleich-gültige Momente durch würdige Localität zu hoher Bedeutunggesteigert wurden. '
Maynräuschlein nannte man im siebzehnten Jahrhun-dert gar ausdrucksvoll die Geliebte.
Liebes gewaschenes Seelchen ist der verliebteste Aus-druck auf Hiodensee.
Das Wahre ist eine Fackel, aber eine ungeheure; deßwegensuchen wir alle nur blinzend so daran vorbei zu kommen, inFurcht sogar uns zu verbrennen.