Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Sprüche In Prosa.

237

Die Menschen sind wie das rothe Meer: der Stab hat siekaum auseinander gehalten, gleich hinterdrein fließen sie wiederzusammen.

Pflicht des Historikers: das Wahre vom Falschen, das Ge-wisse vorn Ungewissen, das Zweifelhafte vom Verwerflichen zuunterscheiden.

Eine Chronik schreibt nur derjenige, dem die Gegenwartwichtig ist.

Die Gedanken kommen wieder, die Ueberzeugungen pflanzensich fort, die Zustände gehen unwiederbringlich vorüber.

„Unter allen Völkerschaften haben die Griechen den Traumdes Lebens am schönsten geträumt."

Uebersetzer sind als geschäftige Kuppler anzusehen, die unseine halbverschleierte Schöne als höchst liebenswürdig anpreisen;sie erregen eine unwiderstehliche Neigung nach dem Original.

Das Alterthum setzen wir gern über uns, aber die Nach-welt nicht. Nur ein Vater neidet seinem Sohn nicht dasTalent.

Sich subordiniren ist überhaupt keine Kunst; aber in abstei-gender Linie, in der Descendenz, etwas über sich erkennen, wasunter einem steht!

Unser ganzes Kunststück besteht darin, daß wir unsere Exi-stenz aufgeben, um zu existiren.

Alles, was wir treiben und thun, ist ein Abmüden; wohldem, der nicht müde wird.

„Hoffnung ist die zweite Seele der Unglücklichen."

ent un vrni recommsnesur."

Es giebt im Menschen auch ein Dienenwollendes; daher dieLützvnleris der Franzosen eine Servale.

„Im Theater wird durch die Belustigung des Gesichts undGehörs die Reflexion sehr eingeschränkt."

Erfahrung kann sich in's Unendliche erweitern, Theorie nichtin eben dem Sinne sich reinigen und vollkommener werden.Jener steht das Universum nach allen Richtungen offen, diesebleibt innerhalb der Gränze der menschlichen Fähigkeiten einge-schlossen. Deßhalb müssen alle Vorstellungsarten wiederkehren,und der wunderliche Fall tritt ein, daß bei erweiterter Erfah-rung eine bornirte Theorie wieder Gunst erwerben kann.

Es ist immer dieselbe Welt, die der Betrachtung offen steht,die immerfort angeschaut oder geahnet wird, und es sind immerdieselben Menschen, die im Wahren oder Falschen leben, imletzten bequemer als im ersten.

Die Wahrheit widerspricht unserer Natur, der Irrthumnicht, und zwar aus einem sehr einfachen Grunde: die Wahr-heit fordert, daß wir uns für beschränkt erkennen sollen; derIrrthum schmeichelt uns, wir seyen auf ein oder die andereWeise unbegränzt.

Es ist nun schon bald zwanzig Jahre, daß die Deutschensämmtlich transscendiren. Wenn sie es einmal gewahr werden,müssen sie sich wunderlich vorkommen.

Daß Menschen dasjenige noch zu können glauben, was siegekonnt haben, ist natürlich genug; daß andere zu vermögenglauben, was sie nie vermochten, ist wohl seltsam, abernicht selten.

Zu allen Zeiten sind es nur die Individuen, welche für dieWissenschaft gewirkt, nicht das Zeitalter. Das Zeitalter war's,das den Sokrates durch Gift hinrichtete; das Zeitalter, dasHussen verbrannte; die Zeitalter sind sich immer gleich ge-blieben.

Das ist die wahre Symbolik, wo das Besondere das Allge-meinere repräsentirt, nicht als Traum und Schatten, sondernals lebendig augenblickliche Offenbarung des Unerforschlichen.

Alles Ideelle, sobald es vom Realen gefordert wird, zehrtendlich dieses und sich selbst auf. So der Credit (Papiergeld)das Silber und sich selbst.

Die Meisterschaft gilt oft für Egoismus.

Sobald die guten Werke und das Verdienstliche derselbenaufhören, sogleich tritt die Sentimentalität dafür ein, bei denProtestanten.