Sprüche in Prosa.
239
Die Deutschen sollten in einem Zeiträume von dreißigJahren das Wort Gemiith nicht aussprechen, dann würde nachund nach Gemüth sich wieder erzeugen; jetzt heißt es nur: Nach-sicht mit Schwächen, eignen und fremden.
Die Vorurtheile der Menschen beruhen auf dem jedesmali-gen Charakter der Menschen; daher sind sie, mit dem Zustandinnig vereinigt, ganz unüberwindlich. Weder Evidenz, nochVerstand, noch Vernunft haben den mindesten Einfluß darauf.
Charaktere machen oft die Schwäche zum Gesetz. Welt-kenner haben gesagt: „Die Klugheit ist unüberwindlich, hinterwelcher sich die Furcht versteckt." Schwache Menschen habenoft revolutionäre Gesinnungen: sie meinen, es wäre ihnen wohl,wenn sie nicht regiert würden, und fühlen nicht, daß sie wedersich noch Andere regieren können.
In eben dem Falle sind die neuern deutschen Künstler: denZweig der Kunst, den sie nicht besitzen, erklären sie für schädlich,und daher wegzuhauen.
Der Menschenverstand wird mit dem gesunden Menschenrein geboren, entwickelt sich aus sich selbst und offenbart sichdurch ein entschiedenes Gewahrwerden und Anerkennen desNothwendigen und Nützlichen. Praktische Männer und Frauenbedienen sich dessen mit Sicherheit. Wo er mangelt, halten beideGeschlechter, was sie begehren, für nothwendig, und für nützlich,was ihnen gefällt.
Alle Menschen, wie sie zur Freiheit gelangen, machen ihreFehler gelten: die Starken das.Uebertreiben, die Schwachen dasVernachlässigen.
Der Kampf des Alten, Bestehenden, Beharrenden, mitEntwickelung, Aus- und Umbildung ist immer derselbe. Ausaller Ordnung entsteht zuletzt Pedanterie; um diese los zu wer-den, zerstört man jene, und es geht eine Zeit hin, bis man ge-wahr wird, daß man wieder Ordnung machen müsse. Classi-cismus und Romanticismus, Jnnungszwang und Gewerbs-freiheit, Festhalten und Zersplittern des Grundbodens, es istimmer derselbe Conflict, der zuletzt wieder einen neuen erzeugt.Der größte Verstand des Regierenden wäre daher, diesen Kampfso zu mäßigen, daß er ohne Untergang der einen Seite sich in'sGleiche stellte; dieß ist aber den Menschen nicht gegeben, und Gottscheint es auch nicht zu wollen.
Welche Erziehungsart ist für die beste zu halten? Antwort:die der Hydrioten. Als Insulaner und Seefahrer nehmen sieihre Knaben gleich mit zu Schiffe und lassen sie im Diensteherankrabeln. Wie sie etwas leisten, haben sie Theil am Ge-winn; und so kümmern sie sich schon um Handel, Tausch und
Beute, und es bilden sich die tüchtigsten Küsten- und Seefahrer,die klügsten Handelsleute und verwegensten Piraten. Aus einersolchen Masse können denn freilich Helden hervortreten, die denverderblichen Brander mit eigener Hand an das Admiralschiff derfeindlichen Flotte festklammern.
Alles Vortreffliche beschränkt uns für einen Augenblick, in-dem wir uns demselben nicht gewachsen fühlen; nur in sofernwir es nachher in unsere Cultur aufnehmen, es unsern Geist-und Gemüthskräften aneignen, wird es uns lieb und werth.
Kein Wunder, daß wir uns alle mehr oder weniger im Mittel-mäßigen gefallen, weil es uns in Ruhe läßt; es giebt das behag-liche Gefühl, als wenn man mit seines Gleichen umginge.
Das Gemeine muß man nicht rügen; denn das bleibt sichewig gleich.
Wir können einem Widerspruch in uns selbst nicht entgehen;wir müssen ihn auszugleichen suchen. Wenn uns Andere wider-sprechen, das geht uns nichts an, das ist ihre Sache.
Es ist so viel gleichzeitig Tüchtiges und Treffliches auf derWelt, aber es berührt sich nicht.
Welche Regierung die beste seh? Diejenige, die uns lehrt, unsselbst zu regieren.
Dociren kannst du Tüchtiger freilich nicht, es ist, wie dasPredigen, durch unsern Zustand geboten, wahrhaft nützlich,wenn Conversation und Katechisation sich anschließen, wie esauch ursprünglich gehalten wurde. Lehren aber kannst du undwirst du, das ist: wenn That dem Urtheil, Urtheil der Thatzum Leben hilft.
Gegen die drei Einheiten ist nichts zu sagen, wenn dasSujet sehr einfach ist; gelegentlich aber werden dreimal dreiEinheiten, glücklich verschlungen, eine sehr angenehme Wirkungthun.
Wenn die Männer sich mit den Weibern schleppen, so werdensie so gleichsam abgesponnen wie ein Wocken.
Es kann wohl seyn, daß der Mensch durch öffentliches undhäusliches Geschick zu Zeiten gräßlich gedroschen wird; alleindas rücksichtlose Schicksal, wenn es die reichen Garben trifft,zerknittert nur das Stroh, die Körner aber spüren nichts davon