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Sprüche in Prosa.
Was NUN die Menschen gesetzt haben, das will nicht passen,es mag recht oder unrecht seyn; was aber die Götter setzen, dasist immer am Platz, recht oder unrecht.
Ich aber will zeigen, daß die bekannten Künste der Menschennatürlichen Begebenheiten gleich sind, die offenbar oder geheimvorgehen.
Von der Art ist die Weissagekunst. Sie erkennt aus demOffenbaren das Verborgene, aus dem Gegenwärtigen das Zu-künftige, aus d-m Todten das Lebendige, und den Sinn desSinnlosen.
So erkennt der Unterrichtete immer recht die Natur desMenschen; und der Ununterrichtete sieht sie bald so, bald so an,und jeder ahmt sie nach seiner Weise nach.
Wenn ein Mann mit einem Weibe zusammentrifft und einKnabe entsteht, so wird aus etwas Bekanntem ein Unbekanntes.Dagegen wenn der dunkle Geist des Knaben die deutlichen Dingein sich aufnimmt, so wird er zum Mann, und lernt aus demGegenwärtigen das Zukünftige erkennen.
Das Unsterbliche ist nicht dem sterblichen Lebenden zu ver-gleichen, und doch ist auch das bloß Lebende verständig. Soweiß der Magen recht gut, wenn er hungert und durstet.
So verhält sich die Wahrsagekunst zur menschlichen Natur.Und beide sind dem Einsichtsvollen immer recht; dem Beschränk-ten aber erscheinen sie bald so, bald so.
In der Schmiede erweicht man das Eisen, indem mandas Feuer anbläs't und dem Stäbe seine überflüssige Nahrungnimmt; ist er aber rein geworden, dann schlägt man ihn undzwingt ihn, und durch die Nahrung eines fremden Wassers wirder wieder stark. Das widerfährt auch dem Menschen von seinemLehrer.
Da wir überzeugt sind, daß derjenige, der die intcllectuelleWelt beschaut und des wahrhaften Jutellects Schönheit gewahrwird, auch wohl ihren Vater, der über allen Sinn erhaben ist,bemerken könne: so versuchen wir denn nach Kräften einzusehen,und für uns selbst auszudrücken — in sofern sich dergleichendeutlich machen läßt — auf welche Weise wir die Schönheit desGeistes und der Welt anzuschauen vermögen.
Nehmet an daher: zwei steinerne Massen seyen neben ein-ander gestellt, deren eine roh und ohne künstliche Bearbeitung
geblieben, die andere aber durch die Kunst zur Statue, einermenschlichen oder göttlichen, ausgebildet worden. Wäre es eine«.sittliche, so möchte sie eine Grazie oder Muse vorstellen; wärees eine menschliche, so dürfte es nicht ein besonderer Mensch seyn,vielmehr irgend einer, den die Kunst aus allem Schönen ver-sammelte.
Euch wird aber der Stein, der durch die Kunst zur schönenGestalt gebracht worden, alsobald schön erscheinen; doch nichtweil er Stein ist — denn sonst würde die andere Masse gleichfallsfür schön gelten — sondern daher, daß er eine Gestalt hat, welchedie Kunst ihm ertheilte.
Die Materie aber hatte eine solche Gestalt nicht, sonderndiese war in dem Ersinnenden früher, als sie zum Stein gelangte.Sie war jedoch in dem Künstler nicht, weil er Augen und Händehatte, sondern weil er mit der Kunst begabt war.
Also war in der Kunst noch eine weit größere Schönheit;denn nicht die Gestalt, die in der Kunst ruhet, gelangt in denStein, sondern dorten bleibt sie, und es gehet indessen eine an-dere geringere hervor, die nicht rein in sich selbst verharret, nochauch wie sie der Künstler wünschte, sondern in sofern der Stoffder Kunst gehorchte.
Wenn aber die Kunst dasjenige, was sie ist und besitzt, auchhervorbringt, und das Schöne nach der Vernunft hervorbringt,nach welcher sie immer handelt, so ist diese fürwahr diejenige,die mehr und wahrer eine größere und trefflichere Schönheit derKunst besitzt, vollkommener als alles, was nach außen hervortritt.
Denn indem die Form, in die Materie hervorschreitend,schon ausgedehnt wird, so wird sie schwächer als jene, welche inEinem verharret. Denn was in sich eine Entfernung erduldet,tritt von sich selbst weg: Stärke von Stärke, Wärme von Wärme,Kraft von Kraft; so auch Schönheit von Schönheit. Dahermuß das Wirkende trefflicher seyn als das Gewirkte. Dennnicht die Urmusik macht den Musiker, sondern die Musik, unddie übersinnliche Musik bringt die Musik in sinnlichem Ton hervor.
Wollte aber jemand die Künste verachten, weil sie der Naturnachahmen, so läßt sich daraus antworten, daß die Naturen auchmanches Andere nachahmen; daß ferner die Künste nicht dasgeradezu nachahmen, was man mit Augen siehet, sondern aufjenes Vernünftige zurückgehen, aus welchem die Natur bestehetund wornach sie handelt.
Ferner bringen auch die Künste vieles aus sich selbst hervor,und fügen anderseits manches hinzu, was der Natur an Voll-kommenheit abgehet, indem sie die Schönheit in sich selbst haben.So konnte Phidias den Gott bilden, ob er gleich nichts sinnlich