Sprüche in Prosa.
247
Erblickliches nachahmte, sondern sich einen solchen in den Sinnfaßte, wie Zeus selbst erscheinen würde, wenn er unsern Augenbegegnen möchte.
Man kann den Idealisten alter und neuer Zeit nicht ver-argen, wenn sie so lebhaft auf Beherzigung des Einen dringen,woher alles entspringt und worauf alles wieder zurückzuführenwäre. Denn freilich ist das belebende und ordnende Princip inder Erscheinung dergestalt bedrängt, daß es sich kaum zu rettenweiß. Allein wir verkürzen uns an der andern Seite wieder,wenn wir das Formende und die höhere Form selbst in eine vorunserm äußern und innern Sinn verschwindende Einheit zurück-drängen.
Wir Menschen sind auf Ausdehnung und Bewegung ange-wiesen; diese beiden allgemeinen Formen sind es, in welchen sichalle übrigen Formen, besonders die sinnlichen, offenbaren.Eine geistige Form wird aber keineswegs verkürzt, wenn sie inder Erscheinung hervortritt, vorausgesetzt, daß ihr Hervortreteneine wahre Zeugung, eine wahre Fortpflanzung sey. Das Ge-zeugte ist nicht geringer als das Zeugende, ja es ist der Vortheillebendiger Zeugung, daß das Gezeugte vortrefflicher seyn kannals das Zeugende.
Dieses weiter auszuführen und vollkommen anschaulich, jawas mehr ist, durchaus praktisch zu machen, würde von wich-tigem Belang seyn. Eine umständliche folgerechte Ausführungaber möchte den Hörern übergroße Aufmerksamkeit zumuthen.
Was einem angehört, wird man nicht los, und wenn man eswegwürfe.
Die neueste Philosophie unserer westlichen Nachbarn giebtein Zeugniß, daß der Mensch, er gebärde sich, wie er wolle, undso auch ganze Nationen, immer wieder zum Angebornen zurück-kehre. Und wie wollte das anders seyn, da ja dieses seineNatur und Lebensweise bestimmt?
Die Franzosen haben dem Materialismus entsagt und denUranfängen etwas mehr Geist und Leben zuerkannt; sie habensich vom Sensualismus losgemacht und den Tiefen der mensch-lichen Natur eine Entwickelung aus sich selbst zugestanden; sielassen in ihr eine produktive Kraft gelten und suchen nicht alleKunst aus Nachahmung eines gewahrgewordenen Aeußern zuerklären. In solchen Richtungen mögen sie beharren!
Eine eklektische Philosophie kann es nicht geben, wohl abereklektische Philosophen.
Ein Eklektiker aber ist ein jeder, der aus dem, was ihn um-giebt, aus dem, was sich um ihn ereignet, sich dasjenige aneignet,was seiner Natur gemäß ist; und in diesem Sinne gilt alles,was Bildung und Fortschreitung heißt, theoretisch oder praktischgenommen.
-
Zwei eklektische Philosophen könnten demnach die größtenWidersacher werden, wenn sie, antagonistisch geboren, jeder vonseiner Seite sich aus allen überlieferten Philosophien dasjenigeaneignete, was ihm gemäß wäre. Sehe man doch nur um sichher, so wird man immer finden, daß jeder Mensch auf dieseWeise verfährt und deßhalb nicht begreift, warum er Andere nichtzu seiner Meinung bekehren kann. ^
Sogar ist es selten, daß jemand im höchsten Alter sich selbsthistorisch wird, und daß ihm die Mitlebenden historisch werden,so daß er mit niemanden mehr controvertiren mag noch kann.
Besieht man es genauer, so findet sich, daß dem Geschicht-schreiber selbst die Geschichte nicht leicht historisch wird: denn derjedesmalige Schreiber schreibt immer nur so, als wenn er damalsselbst dabei gewesen wäre; nicht aber was vormals war unddamals bewegte. Der Chronikenschreiber selbst deutet nur mehroder weniger auf die Beschränktheit, auf die Eigenheiten seinerStadt, seines Klosters wie seines Zeitalters.
Verschiedene Sprüche der Alten, die man sich öfters zuwiederholen Pflegt, hatten eine ganz andere Bedeutung, als manihnen in späteren Zeiten geben möchte.
Das Wort: es solle kein mit der Geometrie Unbekannter,der Geometrie Fremder, in die Schule des Philosophen treten,heißt nicht etwa: man solle ein Mathematiker seyn, uni einWeltweiser zu werden.
Geometrie ist hier in ihren ersten Elementen gedacht, wiesie uns im Euklid vorliegt, und wie wir sie einen jeden Anfängerbeginnen lassen. Alsdann aber ist sie die vollkommenste Vorbe-reitung, ja Einleitung in die Philosophie.
Wenn der Knabe zu begreifen anfängt, daß einem sichtbarenPunkte ein unsichtbarer vorhergehen müsse, daß der nächste Wegzwischen zwei Punkten schon als Linie gedacht werde, ehe sie mitdem Bleistift auf's Papier gezogen wird, so fühlt er einen gewissenStolz, ein Behagen. Und nicht mit Unrecht, denn ihm ist dieQuelle alles Denkens aufgeschlossen, Idee und Verwirklichtes,potentiu st uctii, ist ihm klar geworden; der Philosoph entdecktihm nichts Neues, dem Geometer war von seiner Seite derGrund alles Denkens ausgegangen.