Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Sprüche in Prosa. 253

Die Lehre von dem Gebrauch der correspondirenden Winkelist, genau besehen, darin eingeschlossen.

Das Thier wird durch seine Organe belehrt; der Mensch be-lehrt die seinigen und beherrscht sie.

Anaxagoras lehrt, daß alle Thiere die thätige Vernunft ha-ben, aber nicht die leidende, die gleichsam der Dolmetscher desVerstandes ist.

JüdischesWesen. Energie der Grund von allem. Un-mittelbare Zwecke. Keiner, auch nur der kleinste, geringste Jude,der nicht entschiedenes Bestreben verriethe, und zwar ein irdi-sches, zeitliches, augenblickliches.

Judensprache hat etwas Pathetisches.

Alle unmittelbare Aufforderung zum Ideellen ist bedenklich,besonders an die Weiblein. Wie es auch sey, umgiebt sich dereinzelne bedeutende Mann mit einem mehr oder weniger religiös-mvralisch - ästhetischen Serail.

Jede große Idee, die als ein Evangelium in die Welt tritt,wird dem stockenden pedantischen Volke ein Aergerniß und einemViel-, aber Leichtgebildeten eine Thorheit.

Eine jede Idee tritt als ein fremder Gast in die Erscheinung,und wie sie sich zu realisiren beginnt, ist sie kaum von Phantasieund Phantasterei zu unterscheiden.

Dieß ist es, was man Ideologie im guten und bösen Sinnegenannt hat, und warum der Ideolog den lebhaft wirkendenpraktischen Tagesmenschen so sehr zuwider war.

Man kann die Nützlichkeit einer Idee anerkennen, und dochnicht recht verstehen, sie vollkommen zu nutzen.

„Ich glaube einen Gott!" Dieß ist ein schönes, löblichesWort; aber Gott anerkennen, wo und wie er sich offenbare, dasist eigentlich die Seligkeit auf Erden.

Keppler sagte: „Mein höchster Wunsch ist, den Gott, denich im Aeußern überall finde, auch innerlich, innerhalb meinergleichermaßen gewahr zu werden." Der edle Mann fühlte, sichnicht bewußt, daß eben in dem Augenblicke das Göttliche in

ihm mit dem Göttlichen des Universums in genauester Verbin-dung stand.

Den theologischen Beweis vom Daseyn Gottes hat die kriti-sche Vernunft beseitigt; wir lassen es uns gefallen. Was abernicht als Beweis gilt, soll uns als Gefühl gelten, und wirrufendaher von der Brontotheologie bis zur Niphotheologie alle der-gleichen frommen Bemühungen wieder heran. Sollten wir imBlitz, Donner und Sturm nicht die Nähe einer übergewältiget!Macht, im Blüthenduft und lauen Luftsäuseln nicht ein liebevollsich annäherndes Wesen empfinden dürfen?

Frage.

Was ist Prädestination?

Antwort.

Gott ist mächtiger und weiser als wir; darum macht er esmit uns nach seinem Gefallen.

Apokryph». Wichtig wäre es das hierüber historisch schonBekannte nochmals zusammenzufassen und zu zeigen, daß geradejene apokryphischen Schriften, mit denen die Gemeinden schondie ersten Jahrhunderte unserer Aera überschwemmt wurden,und woran unser Kanon noch jetzt leidet, die eigentliche Ursachesind, warum das Christenthum in keinem Momente der politi-schen und Kirchengeschichte in seiner ganzen Schönheit und Rein-heit hervortreten konnte.

Das unheilbare Uebel dieser religiösen Streitigkeiten bestehtdarin, daß der eine Theil aus Mährchen und leere Worte dashöchste Interesse der Menschheit zurückführen will, der andereaber es da zu begründen denkt, wo sich niemand beruhigt.

Toleranz sollte eigentlich nureine vorübergehende Gesinnungseyn; sie muß zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen.

Glaube, Liebe, Hoffnung fühlten einst in ruhiger, geselligerStunde einen plastischen Trieb in ihrer Natur, sie befleißigtensich zusammen und schufen ein liebliches Gebilde, eine Pandoraim höhern Sinne, die Geduld.

„Ich bin über die Wurzeln des Baums gestolpert, den ichgepflanzt hatte." Das muß ein alter Forstmann gewesen seyn,der dieß gesagt hat.

Ein Blatt vom Winde Hingetrieben, sieht öfters einem Vogelgleich.