Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
JPEG-Download
 

25L

Sprüche in Prosa.

Ein schäbiges Kameel trägt immer noch die Lasten vieler Esel.

Weiß denn der Sperling, wie's dem Storch zu Muthe sey?

Wo Lampen brennen, giebt's Oelflecken, wo Kerzen brennen,giebt's Schnuppen; die Himmelslichter allein erleuchten rein undohne Makel.

Wer das erste Knopfloch verfehlt, kommt mit dem Zuknö-pfen nicht zu Rande.

Ein gebranntes Kind scheut das Feuer, ein oft versengterGreis scheut sich zu wärmen.

Die gegenwärtige Welt ist nicht werth, daß wir etwas fürsie thun: denn die bestehende kann in dem Augenblick abscheiden.Für die vergangene und künftige müssen wir arbeiten; für jene,daß wir ihr Verdienst anerkennen, für diese, daß wir ihrenWerth zu erhöhen suchen.

Frage sich doch jeder, mit welchem Organ er allenfalls ,inseine Zeit einwirken kann und wird.

Denke nur niemand, daß man aus ihn als den Heiland ge-wartet habe.

Charakter im Großen und Kleinen ist, daß der Mensch dem-jenigen eine stete Folge giebt, dessen er sich fähig fühlt.

Wer thätig seyn will und muß, hat nur das Gehörige desAugenblicks zu bedenken, und so kommt er ohne Weitläufigkeithindurch. Das ist der Vortheil der Frauen, wenn sie ihn ver-stehen.

Der Augenblick ist eine Art von Publicum: man muß ihnbetrügen, daß er glaube, man thue was, dann läßt er uns ge-währen und im Geheimen fortführen, worüber seine Enkel er-staunen müssen.

Menschen, die ihre Kenntnisse an die Stelle der Einsicht setzen.

In einigen Staaten ist in Folge der erlebten heftigen Bewe-gungen fast in allen Richtungen eine gewisse Uebertreibung imUnterrichtswesen eingetreten, dessen Schädlichkeit in der Folgeallgemeiner wird eingesehen werden, aber jetzt schon von tüchti-gen, redlichen Vorstehern vollkommen anerkannt ist. Treffliche

Männer leben in einer Art von Verzweiflung, daß sie dasjenige,was sie amts- und vorschriftsmäßig lehren und überliefern müs-sen, für unnütz und schädlich halten.

Es ist nichts trauriger anzusehen als das unvermittelte Stre-ben in's Unbedingte in dieser durchaus bedingten Welt; es er-scheint im Jahr 1830 vielleicht ungehöriger als je.

Vor der Revolution war Alles Bestreben, nachher ver-wandelte sich Alles in Forderung.

Ob eine Nation reif werden könne, ist eine wunderliche Frage.Ich beantworte sie mit Ja, wenn alle Männer als dreißigjähriggeboren werden könnten. Da aber die Jugend vorlaut, das Alteraber kleinlaut ewig seyn wird, so ist der eigentlich reife Mannimmer zwischen beiden geklemmt und wird sich auf eine wunder-liche Weise behelfen und durchheften müssen.

Was von Seiten der Monarchen in die Zeitungen gedrucktwird, nimmt sich nicht gut aus: denn die Macht soll handelnund nicht reden. Was die Liberalen vorbringen, läßt sich immerlesen: denn der Uebermächtigte, weil er nicht handeln kann, magsich wenigstens redend äußern. „Laßt sie singen, wenn sie nurbezahlen!" sagte Mazarin, als man ihm die Spottlieder auf eineneue Steuer vorlegte.

Wenn man einige Monate die Zeitungen nicht gelesen hat,und man lieft sie alsdann zusammen, so zeigt sich erst, wie vielZeit man mit diesen Papieren verdirbt. Die Welt war immerin Parteien getheilt, besonders ist sie es jetzt, und während jedeszweifelhaften Zustandes kirrt der Zeitungsschreiber eine oder dieandere Partei mehr oder weniger, und nährt die innere Neigungund Abneigung von Tag zu Tag, bis zuletzt Entscheidung ein-tritt und das Geschehene wie eine Gottheit angestaunt wird.

Welcher Gewinn wäre es für's Leben, wenn man dieß frühergewahr würde, zeitig erführe, daß man mit seiner Schönen niebesser steht, als wenn man seinen Rivalen lobt. Alsdann gehtihr das Herz auf, jede Sorge euch zu verletzen, die Furcht euchzu verlieren ist verschwunden; sie macht euch zum Vertrautenund ihr überzeugt euch mit Freuden, daß ihr es seyd, dem dieFrucht des Baumes gehört, wenn ihr guten Humor genug habt,andern die abfallenden Blätter zu überlassen.

Für die vorzüglichste Frau wird diejenige gehalten, welche ihrenKindern den Vater, wenn er abgeht, zu ersetzen im Stande ist.

Eitelkeit ist eine persönliche Ruhmsucht; man will nicht we-gen seiner Eigenschaften, seiner Verdienste, Thaten geschätzt,