Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Sprüche in Prosa.

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geehrt, gesucht werden; sondern um seines individuellen Da-seyns willen. Am besten kleidet die Eitelkeit deßhalb eine frivoleSchone.

Ein lebhafter Mann, unwillig über das Betragen einesFrauenzimmers, ruft aus: „Ich möchte sie heirathen, nur umsie prügeln zu dürfen."

Man hat sich auf eine dringend-liebevolle und anmuthigeWeise beklagt, daß ich meine Gedanken über auswärtige Litera-turen lieber mittheile als über die unsrige; und es ist doch ganznatürlich. Die Fremden erfahren entweder nicht, was ich vonihnen sage, sie kümmern sich nicht darum, oder lassen sich's ge-fallen. Man ist nicht unhöflich in die Ferne. Aber in der Nähesoll nian, wie in guter Gesellschaft, nichts Verletzendes vorbrin-gen, und doch wird jede Mißbilligung als eine Verletzung ange-sehen.

Classisch ist das Gesunde, Romantisch das Kranke.

Ovid blieb classisch auch im Exil: er sucht sein Unglück nichtin sich, sondern in seiner Entfernung von der Hauptstadt derWelt.

DasRomantifche ist schon in feinen Abgrund verlaufen, dasGräßlichste der neuern Productionen ist kaum noch gesunkenerzu denken.

Engländer und Franzosen haben uns darin überboten. Kör-per, die bei Leibesleben verfaulen und sich in detaillirter Betrach-tung ihres Verwesens erbauen; Todte, die zum Verderben an-derer am Leben bleiben und ihren Tod am Lebendigen ernähren— dahin sind unsere Producenten gelangt.

Im Alterthum spuken dergleichen Erscheinungen nur vorwie seltene Krankheitsfälle, bei den Neueren sind sie endemischund epidemisch geworden.

Die Literatur verdirbt sich nur in dem Maaße als die Men-schen verdorbener werden.

Was ist das für eine Zeit, wo man die Begrabenen benei-den muß!

Das Wahre, Gute und Vortreffliche ist einfach und sich im-mer gleich, wie es auch erscheine. Das Irren aber, das denTadel hervorruft, ist höchst mannichfaltig, in sich selbst verschie-den; und nicht allein gegen das Gute und Wahre, sondern auchgegen sich selbst kämpfend, mit sich selbst in Widerspruch. Dahermüssen in jeder Literatur die Ausdrücke des Tadels die Wortedes Lobes überwiegen.

Bei den Griechen, deren Poesie und Rhetorik einfach undpositiv war, erscheint die Billigung öfter als die Mißbilligung;bei den Lateinern hingegen ist es umgekehrt, und je mehr sichPoesie und Redekunst verdirbt, destomehr wird der Tadel wach-sen und das Lob sich zusammenziehen.

Es giebt empirische Enthusiasten, die, obgleich mit Recht,an neuen guten Producten, aber mit einer Ekstase sich erweisen,als wenn sonst in der Welt nichts Vorzügliches zu sehen gewesenwäre.

Sakontala. Hier erscheint der Dichter in seiner höchstenFunction; als Repräsentant des natürlichsten Zustandes, derfeinsten Lebensweise, des reinsten sittlichen Bestrebens, der wür-digsten Majestät und der ernstesten Gottesverehrung wagt er sichin gemeine und lächerliche Gegensätze.

Heinrich der Vierte, von Shakspeare. Wenn allesverloren wäre was je dieser Art geschrieben zu uns gekommen,so könnte man Poesie und Rhetorik daraus vollkommen wieder-herstellen.

Eulenspiegel. Alle Hauptspäße des Buches beruhendaraus, daß alle Menschen figürlich sprechen und Eulenspiegeles eigentlich nimmt.

Mythologie — Uuxe äe Organes. Beim Uebersetzenmuß man bis an's Unübersetzliche herangehen, alsdann wird manaber erst die fremde Nation und die fremde Sprache gewahr.

Ueber die wichtigsten Angelegenheiten des Gefühls wie derVernunft, der Erfahrung wie des Nachdenkens, soll man nurmündlich verhandeln. Das ausgesprochene Wort ist sogleich todt,wenn es nicht durch ein folgendes dem Hörer gemäßes am Lebenerhalten wird. Man merke nur auf ein geselliges Gespräch!Gelangt das Wort nicht schon todt zu dem Hörer, so ermordet eres alsogleich durch Widerspruch, Bestimmen, Bedingen, Ablen-ken, Abspringen, und wie die tausendfältigen Unarten des Un-terhaltens auch heißen mögen. Mit dem Geschriebenen ist esnoch schlimmer. Niemand mag lesen als das, woran er schoneinigermaßen gewöhnt ist; das Bekannte, das Gewohnte verlangter unter veränderter Form. Doch hat das Geschriebene den Vor-theil, daß es dauert und die Zeit abwarten kann, wo ihm zuwirken gegönnt ist.

Vernünftiges »nd Unvernünftiges haben gleichen Widerspruchzu erleiden.