258
Sprüche in Prosa.
möchte wohl nichts vorgekommen seyn, aber der große Mannhat wahrscheinlich vorempfunden, daß die Technik zuletzt in derKunst verderblich werden müsse.
Bei Gelegenheit der Berlinischen Vorbilder für Fabricantenkam zur Sprache: ob so großer Auswand auf die höchste Ausfüh-rung der Blätter wäre nöthig gewesen? Wobei sich ergab, daßgerade den talentvollen jungen Künstler und Handwerker dieAusführung am meisten reizt , und daß er durch Beachtung undNachbildung derselben erst befähigt wird, das Ganze und denWerth der Formen zu begreifen.
Ein edler Philosoph sprach von der Baukunst als einer er-starrten Musik, und mußte dagegen manches Kopfschüttelngewahr werden. Wir glauben diesen schönen Gedanken nichtbesser nochmals einzuführen, als wenn wir die Architektur eineverstummte Tonkunst nennen.
Man denke sich den Orpheus, der, als ihm ein großer wüsterBauplatz angewiesen war, sich weislich an dem schicklichsten Ortniedersetzte und durch die belebenden Töne seiner Leier den ge-räumigen Marktplatz um sich her bildete. Die von kräftig gebie-tenden, freundlich lockenden Tönen schnell ergriffenen, aus ihrermassenhaften Ganzheit gerissenen Felssteine mußten, indem siesich enthusiastisch herbei bewegten, sich kunst- und handwerksge-mäß gestalten, um sich sodann in rhythmischen Schichten undWänden gebührend hinzuordnen. Und so mag sich Straße zuStraße anfügen! An Wohlschützenden Mauern wird's auchnicht fehlen.
Die Töne verhallen, aber die Harmonie bleibt. Die Bür-ger einer solchen Stadt wandeln und weben zwischen ewigenMelodien, der Geist kann nicht sinken, die Thätigkeit nicht ein-schlafen, das Auge übernimmt Function, Gebühr und Pflicht desOhres, und die Bürger am gemeinsten Tage fühlen sich in einemideellen Zustand; ohne Reflexion, ohne nach dem Ursprung zufragen, werden sie des höchsten sittlichen und religiösen Genussestheilhaftig. Man gewöhne sich, in Sanct Peter auf und ab zugehen, und man wird ein Analogon desjenigen empfinden, waswir auszusprechen gewagt.
Dagegen in einer schlecht gebauten Stadt, wo der Zufall mitleidigem Besen die Häuser zusammenkehrte, lebt der Bürgerunbewußt in der Wüste eines düstern Zustandes; dem fremdenEintretenden jedoch ist es zu Muthe, als wenn er Dudelsack,Pfeifen und Schellentrommeln hörte und sich bereiten müßte,Bärentänzen und Affensprllngen beizuwohnen.
Naivetät und Humor.
Die Kunst ist ein ernsthaftes Geschäft, am ernsthaftesten, wennsie sich mit edlen, heiligen Gegenständen beschäftigt; der Künstleraber steht über der Kunst und dem Gegenstände: über jener, daer sie zu seinen Zwecken braucht, über diesem, weil er ihn nacheigner Weise behandelt.
Die bildende Kunst ist auf das Sichtbare angewiesen, aufdie äußere Erscheinung des Natürlichen. Das rein Natürliche,in sofern es sittlich-gefällig ist, nennen wir naiv. Naive Gegen-stände sind also das Gebiet der Kunst, die ein sittlicher Ausdruckdes Natürlichen seyn soll. Gegenstände, die nach beiden Seitenhinweisen, sind die günstigsten.
Das Naive als natürlich ist mit dem Wirklichen verschwistert.Das Wirkliche ohne sittlichen Bezug nennen wir gemein.
Die Kunst an und für sich selbst ist edel, deßhalb fürchtet sichder Künstler nicht vor dem Gemeinen. Ja indem er es aufnimmt,ist es schon geadelt, und so sehen wir die größten Künstler mitKühnheit ihr Majestätsrecht ausüben.
In jedem Künstler liegt ein Keim von Verwegenheit, ohneden kein Talent denkbar ist, und dieser wird besonders rege, wennman den Fähigen einschränken und zu einseitigen Zwecken dingenund brauchen will.
Raphael ist unter den neuern Künstlern auch hier wohl derreinste. Er ist durchaus naiv, das Wirkliche kommt bei ihmnicht zum Streit niit dem Sittlichen oder gar Heiligen. DerTeppich, worauf die Anbetung der Könige abgebildet ist, eineüberschwenglich herrliche Composition, zeigt, von dem ältestenanbetenden Fürsten bis zu den Mohren und Affen, die sich aufden Kameelen mit Aepfeln ergötzen, eine ganze Welt. Hier durfteder heilige Joseph auch ganz naiv charakterisirt werden als Pfle-gevater, der sich über die eingekommenen Geschenke freut.
Auf den heiligen Joseph überhaupt haben es die Künstlerabgesehen. Die Byzantiner, denen man nicht nachsagen kann,daß sie überflüssigen Humor anbrächten, stellen doch bei der Ge-burt den Heiligen immer verdrießlich vor. Das Kind liegt inder Krippe, die Thiere schauen hinein, verwundert, statt ihrestrockenen Futters ein lebendiges, himmlisch-anmuthiges Geschöpfzu finden. Engel verehren den Ankömmling, die Mutter sitzt stilldabei; St. Joseph aber sitzt abgewendet, und kehrt unmuthig denKopf nach der sonderbaren Scene.
Der Humor ist eins der Elemente des Genies, aber, sobalder vorwaltet, nur ein Surrogat desselben; er begleitet die ab-nehmende Kunst, zerstört, vernichtet sie zuletzt.
Hierüber kann eine Arbeit anmuthig aufklären, die wir vor-bereiten: sämmtliche Künstler nämlich, die uns schon von somanchen Seiten bekannt sind, ausschließlich von der ethischenzu betrachten, aus den Gegenständen und der Behandlung ihrerWerke zu entwickeln, was Zeit und Ort, Naüon und Lehrmeister,was eigne, unzerstörliche Individualität beigetragen, sich zu demzu bilden, was sie wurden, sie bei dem zu erhalten, was sie waren.