Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Sprüche in Prosa. 259

Die Kunst ist eine Vermittlerin des Unaussprechlichen; darum ^scheint es eine Thorheit, sie wieder durch Worte vermitteln zuwollen. Doch indem wir uns darin bemühen, findet sich für denVerstand so mancher Gewinn, der dem ausübenden Vermögenauch wieder zu Gute kommt.

Aphorismen.

Freunden und Gegnern zur Beherzigung.

Wer gegenwärtig über Kunst schreiben oder gar streiten will,der sollte einige Ahnung haben von dem, was die Philosophie inunsern Tagen geleistet hat und zu leisten fortfährt.

Wer einem Autor Dunkelheit vorwerfen will, sollte erst seineigenes Innere beschauen, ob es denn da auch recht hell ist. Inder Dämmerung wird eine sehr deutliche Schrift unlesbar.

Wer streiten will, muß sich hüten, bei dieser GelegenheitSachen zu sagen, die ihm niemand streitig macht.

Wer Maximen bestreiten will, sollte fähig sehn, sie recht klaraufzustellen und innerhalb dieser Klarheit zu kämpfen, damit ernicht in den Fall gerathe mit felbstgefchaffenen Luftbildern zufechten.

Die Dunkelheit gewisser Maximen ist nur relativ. Nichtalles ist dem Hörenden deutlich zu machen, was dem Ausübendeneinleuchtet.

Ein Künstler, der schätzbare Arbeiten verfertiget, ist nichtimmer im Stande, von eignen oder fremden. Werken Rechen-schaft zu geben.

Natur und Idee läßt sich nicht trennen, ohne daß die Kunst,so wie das Leben, zerstört werde.

Wenn Künstler von Natur sprechen, subintelligiren sie immerdie Idee, ohne sich's deutlich bewußt zu seyn.

Eben so geht's allen, die ausschließlich die Erfahrung anprei-sen; sie bedenken nicht, daß die Erfahrung nur die Hälfte derErfahrung ist.

Erst hört man von Natur und Nachahmung derselben, dannsoll es eine schöne Natur geben. Man soll wählen; doch wohldas Beste! und woran soll man's erkennen? nach welcher Norm

soll man wählen? und wo ist denn die Norm? doch wohl nichtauch in der Natur?

Und gesetzt, der Gegenstand wäre gegeben, der schönste Baumim Walde, der in seiner Art als vollkommen auch vom Försteranerkannt würde. Nun, um den Baum in ein Bild zu verwan-deln, gehe ich um ihn herum und suche mir die schönste Seite.Ich trete weit genug weg, um ihn völlig zu übersehen; ich warteein günstiges Licht ab, und nun soll von dem Naturbaum nochvwl auf das Papier übergegangen seyn!

Der Laie mag das glauben; der Künstler, hinter den Cou-lissen seines Handwerks, sollte aufgeklärter seyn.

Gerade das, was ungebildeten Menschen am Kunstwerk alsNatur ausfällt, das ist nicht Natur (von außen), sondern derMensch (Natur von innen).

Wir wissen von keiner Welt, als in Bezug auf den Men-schen; wir wollen keine Kunst, als die ein Abdruck dieses Be-zugs ist.

Wer zuerst im Bilde auf seinen Horizont die Zielpunkte desmannichfaltigen Spiels wagrechter Linien bannte, erfand dasPrincip der Perspective.

Wer zuerst aus der Systole und Diastole, zu der die Retinagebildet ist, aus dieser Synkrisis und Diakrisis, mit Plato zusprechen, die Farbenharmonie entwickelte, der hat die Principiendes Colorits entdeckt.

Suchet in euch, so werdet ihr alles finden, und erfreuet euch,wenn da draußen, wie ihr es immer heißen möget, eine Naturliegt, die Ja und Amen zu allem sagt, was ihr in euch selbstgefunden habt.

Gar vieles kann lange erfunden, entdeckt seyn, und es wirktnicht auf die Welt; es kann wirken und doch nicht bemerkt wer-den ; wirken und nicht in's Allgemeine greifen: deßwegen jedeGeschichte der Erfindung sich mit den wunderbarsten Räthselnherumschlägt.

Es ist so schwer, etwas von Mustern zu lernen, als von derNatur.

Die Form will so gut verdaut seyn, als der Stoff, ja sie ver-daut sich viel schwerer.