Sprüche in Prosa. 261
In der wahren Kunst giebt es keine Vorschule, Wohl aberVorbereitungen; die beste jedoch ist die Theilnahme des geringstenSchülers am Geschäft des Meisters. Aus Farbenreibern sindtreffliche Maler hervorgegangen.
Ein Anderes ist die Nachäffung, zu welcher die natürlicheallgemeine Thätigkeit des Menschen durch einen bedeutendenKünstler, der das Schwere mit Leichtigkeit vollbringt, zufälligangeregt wird.
Der junge Künstler geselle sich Sonn- und Feiertags zu denTänzen der Landleute, er merke sich die natürliche Bewegungund gebe der Bauerdirne das Gewand einer Nymphe, demBanerburschen ein paar Ohren wo nicht gar Bocksfüße. Wenner die Natur recht ergreift und den Gestalten einen ediern freiernAnstand zu geben weiß, so begreift kein Mensch, wo er's herhat, und jedermann schwört, er hätte es von der Antike ge-nommen.
Ferner, wenn sich Seiltänzer und Kunstreiter einfinden,versäume er nicht auf diese genau zu achten. Das Uebertriebene,Falsche, Handwerksmäßige lehne er ab, aber er lerne auffassen,welcher unendlichen Zierlichkeit der menschliche Körper fähig ist.
Der junge Künstler versäume die Thiergestalten nicht, vonPferden und Hunden suche er sich den Hauptbegriff zu gewinnen;auch wilden fremden Geschöpfen erweise er seine Aufmerksamkeitund Achtung.
Bon der Nothwendigkeit, daß der bildende Künstler Studiennach der Natur mache, und von dem Werthe derselben überhauptsind wir genugsam überzeugt; allein wir läugnen nicht, daß esuns öfters betrübt, wenn wir den Mißbrauch eines so löblichenStrcbens gewahr werden.
Nach unserer Ueberzeugung sollte der junge Künstler wenigoder gar keine Studien nach der Natur beginnen, wobei er nichtzugleich dächte, wie er jedes Blatt zu einem Ganzen abrunden,wie er diese Einzelnheit, in ein angenehmes Bild verwandelt, ineinen Rahmen eingeschlossen, dem Liebhaber und Kenner gefälliganbieten möge.
Es steht manches Schöne isolirt in der Welt, doch der Geistist es, der Verknüpfungen zu entdecken und dadurch Kunstwerkehervorzubringen hat. Die Blume gewinnt erst ihren Reizdurch das Jnsect, das ihr anhängt, durch den Thautropfen, dersie beseuchtet, durch das Gefäß, woraus sie allenfalls ihre letzteNahrung zieht. Kein Busch, kein Baum, dem man nicht durchdie Nachbarschaft eines Felsens, einer Quelle Bedeutung geben,durch eine mäßige einfache Ferne größern Reiz verleihen könnte.
So ist es mit menschlichen Figuren und so mit Thieren aller Artbeschaffen.
Der Vortheil, den sich der junge Künstler hiedurch verschafft,ist gar mannichfaltig. Er lernt denken, das Passende gehörigzusammenbinden, und wenn er auf diese Weise geistreich com-ponirt, wird es ihm zuletzt auch an dem, was man Erfindungnennt, an dem Entwickeln des Mannichfaltigen aus dem Ein-zelnen, keineswcges fehlen können.
Thut er nun hierin der eigentlichen Kunstpädagogik wahrhaftGenüge, so hat er noch nebenher den großen, nicht zu verachtendenGewinn, daß er lernt, verkäufliche, dem Liebhaber anmuthige undliebliche Blätter hervorzubringen.
Eine solche Arbeit braucht nicht im höchsten Grade ausgeführtund vollendet zu seyn; wenn sie gut gesehen, gedacht und fertigist, so ist sie für den Liebhaber oft reizender, als ein größeres aus-geführtes Werk.
Beschaue doch jeder junge Künstler seine Studien im Bll-chelchen und im Portefeuille, und überlege, wie viele Blätter erdavon auf jene Weise genießbar und wünschenswerth hätte machenkönnen.
Es ist nicht die Rede vom Höheren, wovon man wohl auchsprechen könnte, sondern es soll nur als Warnung gesagt seyn,die von einem Abwege zurückruft und auf's Höhere hindeutet.
Versuche es doch der Künstler nur ein halb Jahr praktisch,und setze weder Kohle noch Pinsel an, ohne Intention, einenvorliegenden Naturgegenstand als Bild abzuschließen. Hat erangebornes Talent, so wird sich's bald offenbaren, welche Ab-sicht wir bei diesen Andeutungen im Sinne hegten.
Wenn ich jüngere deutsche Maler, sogar solche, die sich eineZeit lang in Italien aufgehalten, befrage: warum sie doch,besonders in ihren Landschaften, so widerwärtige grelle Töne demAuge darstellen und vor aller Harmonie zu fliehen scheinen? sogeben sie wohl ganz dreist und getrost zur Antwort: sie sähen dieNatur genau auf solche Weise.
Kant hat uns aufmerksam gemacht, daß es eine Critik derVernunft gebe, daß dieses höchste Vermögen, was der Menschbesitzt, Ursache habe, über sich selbst zu wachen. Wie großenVortheil uns diese Stimme gebracht, möge jeder an sich selbstgeprüft haben. Ich aber möchte in eben dem Sinne die Aus-gabe stellen, daß eine Critik der Sinne nöthig sey, wenn die