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Sprüche in Prosa.
Kunst überhaupt, besonders die deutsche, irgend wieder sich er-holen und in einem erfreulichen Lebensschritt vorwärts gehensolle.
Der znr Vernunft geborne Mensch bedarf noch großer Bil-dung, sie mag sich ihm nun durch Sorgfalt der Eltern undErzieher, durch friedliches Beispiel, oder durch strenge Erfahrungnach und nach offenbaren. Ebenso wird zwar der angehendeKünstler, aber nicht der vollendete geboren; sein Auge kommefrisch auf die Welt, er habe glücklichen Blick für Gestalt, Pro-portion, Bewegung; aber für höhere Composition, für Haltung,Licht, Schatten, Farben kann ihm die natürliche Anlage fehlen,ohne daß er es gewahr wird.
Ist er nun nicht geneigt, von höher ausgebildeten Künstlernder Vor- und Mitzeit das zu lernen, was ihm fehlt, um eigent-licher Künstler zu seyn, so wird er im falschen Begriff von be-wahrter Originalität hinter sich selbst zurückbleiben; denn nichtallein das, was mit uns geboren ist, sondern auch das, was wirerwerben können, gehört uns an und wir sind es.
Lciitsches Theater.
Das Wort Schule, wie man es in der Geschichte der bilden-den Kunst nimmt, wo man von einer Florentinischen, Römi-schen und Venetianischen Schule spricht, wird sich künftighinnicht mehr auf das deutsche Theater anwenden lassen. Es istein Ausdruck, dessen man sich vor dreißig, vierzig Jahren viel-leicht noch bedienen konnte, wo unter beschränkteren Umständensich eine natur-und kunstgemäße Ausbildung noch denken ließ;denn genau gesehen gilt auch in der bildenden Kunst das WortSchule nur von den Anfängen; denn sobald sie treffliche Männerhervorgebracht hat, wirkt sie alsobald in die Weite. Florenzbeweist seinen Einfluß über Frankreich und Spanien; Nieder-länder und Deutsche lernen von den Jtaliänern und erwerbensich mehr Freiheit in Geist und Sinn, anstatt daß die Südländervon ihnen eine glücklichere Technik und die genaueste Ausführungvon Norden her gewinnen.
Das deutsche Theater befindet sich in der Schlußepoche, woeine allgemeine Bildung dergestalt verbreitet ist, daß sie keinemeinzelnen Orte mehr angehören, von keinem besondern Punktemehr ausgehen kann.
Der Grund aller theatralischen Kunst, wie einer jeden an-dern, ist das Wahre, das Naturgemäße. Je bedeutender diesesist, auf je höherem Punkte Dichter und Schauspieler es zufassen verstehen, eines desto Hähern Ranges wird sich die Bühnezu rühmen haben. Hiebei gereicht es Deutschland zu einemgroßen Gewinn, daß der Vertrag trefflicher Dichtung allge-meiner geworden ist und auch außerhalb des Theaters sich ver-breitet hat.
Auf der Recitation ruht alle Declamation und Mimik. Danun beim Vorlesen jene ganz allein zu beachten und zu üben ist,so wird offenbar, daß Vorlesungen die Schule des Wahrenund Natürlichen bleiben müssen, wenn Männer, die ein solchesGeschäft übernehmen, von dem Werth, von der Würde ihresBerufs durchdrungen sind.
Shakspeare und Calderon haben solchen Vorlesungen einenglänzenden Eingang gewährt; jedoch bedenke man immer dabei,ob nicht hier gerade das imposante Fremde, das bis zum Un-wahren gesteigerte Talent, der deutschen Ausbildung schädlichwerden müsse!
Eigenthümlichkeit des Ausdrucks ist Anfang und Ende allerKunst. Nun hat aber eine jede Nation eine von dem allge-meinen Eigenthümlichen der Menschheit abweichende besondereEigenheit, die uns zwar anfänglich widerstreben mag, aberzuletzt, wenn wir's uns gefallen ließen, wenn wir uns derselbenhingäben, unsre eigene charakteristische Natur zu überwältigenund zu erdrücken vermöchte.
Wie viel Falsches Shakspeare und besonders Calderon überuns gebracht, wie diese zwei großen Lichter des poetischen Him-mels für uns zu Irrlichtern geworden, mögen die Literatoren derFolgezeit historisch bemerken.
Eine völlige Gleichstellung mit dem spanischen Theater kannich nirgends billigen. Der herrliche Calderon hat so viel Con-ventionelles, daß einem redlichen Beobachter schwer wird, dasgroße Talent des Dichters durch die Theateretiquette durchzu-erkennen. Und bringt man so etwas irgend einem Publicum,so setzt man bei demselben immer guten Willen voraus, daß esgeneigt sey, auch das Weltfremde zuzugeben, sich an ausländi-schem Sinn, Ton und Rhythmus zu ergötzen, und aus dem, wasihm eigentlich gemäß ist, eine Zeit lang herauszugehen.
Einen wundersamen Anblick geben des Aristoteles Frag-mente des Tractats über die Dichtkunst. Wenn man dasTheater in- und auswendig kennt, wie unser einer, der einenbedeutenden Theil des Lebens auf diese Kunst verwendet undselbst viel darin gearbeitet hat, so sieht man erst, daß man sichvor allen Dingen mit der philosophischen Denkart des Mannesbekannt machen müßte, um zu begreifen, wie er diese Kunst-erscheinung angesehen habe; außerdem verwirrt er unser Stu-dium nur, wie denn die moderne Poetik das Alleränßerlichsteseiner Lehre nur zu ihrem Verderben anwendet und ange-wendet hat.
Des tragischen Dichters Aufgabe und Thun ist nichts anders,als ein psychisch-sittliches Phänomen, in einem faßlichen Expe-riment dargestellt, in der Vergangenheit nachzuweisen.