Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Sprüche in Prosa.

263

Was man Motive nennt, sind also eigentlich Phänomene desMenschengeistes, die sich wiederholt haben und wiederholen wer-den, und die der Dichter nur als historische nachweist.

Ein dramatisches Werk zu verfassen, dazu gehört Genie.Am Ende soll die Empfindung, in der Mitte die Vernunft,am Anfang der Verstand vorwalten, und alles gleichmäßigdurch eine lebhafte, klare Einbildungskraft vorgetragen werden.

Ueber Uaturuiiffen schuft.

Einzelne Betrachtungen und Aphorismen.

I.

Wenn ein Wissen reis ist, Wissenschaft zu werden, so mußnothwendig eine Crise entstehen: denn es wird die Differenzoffenbar zwischen denen, die das Einzelne trennen und getrenntdarstellen, und solchen, die das Allgemeine im Auge haben undgern das Besondere an - und einfügen möchten. Wie nun aberdie wissenschaftliche, ideelle, umgreifendere Behandlung sich mehrund mehr Freunde, Gönner und Mitarbeiter wirbt, so bleibtauf der höheren Stufe jene Trennung zwar nicht so entschieden,aber doch genugsam merklich.

Diejenigen, welche ich Universalist en nennen möchte,sind überzeugt und stellen sich vor: daß alles überall, obgleichmit unendlichen Abweichungen und Mannigfaltigkeiten, vorhan-den und vielleicht auch zu finden sey; die andern, die ich Singu-lar i st e n benennen will, gestehen den Hauptpunkt im Allgemeinenzu, ja sie beobachten, bestimmen und lehren hiernach; aber immerwollen sie Ausnahmen finden, da wo der ganze Typus nichtausgesprochen ist, und darin haben sie recht. Ihr Fehler aberist nur, daß sie die Grundgestalt verkennen, wo sie sich verhüllt,und läugnen, wenn sie sich verbirgt. Da nun beide Vorstellungs-weisen ursprünglich sind und sich einander ewig gegenüberstehenwerden, ohne sich zu vereinigen oder aufzuheben, so hüte manja sich vor aller Controvers und stelle seine Ueberzeugung klarund nackt hin.

So wiederhole ich die meinige: daß man auf diesen höherenStufen nicht wissen kann, sondern thun muß; so wie an einemSpiele wenig zu wissen und alles zu leisten ist. Die Natur hatuns das Schachbrett gegeben, aus dem wir nicht hinaus wirkenkönnen, noch wollen; sie hat uns die Steine geschnitzt, derenWerth, Bewegung und Vermögen nach und nach bekannt wer-den; nun ist es an uns, Züge zu thun, von denen wir uns Ge-winn versprechen; dieß versucht nun ein jeder auf seine Weiseund läßt sich nicht gern einreden. Mag das also geschehen, und ^beobachten wir nur vor allem genau: wie nah oder fern ein jeder jvon uns stehe, und vertragen uns sodann vorzüglich mit denje- !nigen, die sich zu der Seite bekennen, zu der wir uns halten. !Ferner bedenke man, daß man immer mit einem unauflöslichen ,Problem zu thun habe, und erweise sich frisch und treu, alles zu !beachten, was irgend auf eine Art zur Sprache konimt, am !

> meisten dasjenige, was uns widerstrebt: denn dadurch wird manam ersten das Problematische gewahr, welches zwar in den Ge-genständen selbst, mehr aber noch in den Menschen liegt. Ichbin nicht gewiß, ob ich in diesem so wohl bearbeiteten Felde per-sönlich weiter wirke, doch behalte ich mir vor, auf diese oder jeneWendung des Studiums, auf diese oder jene Schritte der Ein-zelnen aufmerksam zu seyn und aufmerksam zu machen.

^ Allein kann der Mensch nicht wohl bestehen, daher schlägt ersich gern zu einer Partei, weil er da, wenn auch nicht Ruhe,^ doch Beruhigung und Sicherheit findet.

Es giebt wohl zu diesem oder jenem Geschäft von Naturunzulängliche Menschen; Uebereilung und Dünkel jedoch sindgefährliche Dämonen, die den Fähigsten unzulänglich machen, alleWirkung zum Stocken bringen, freie Fortschritte lähmen. Dießgilt von weltlichen Dingen, besonders auch von Wissenschaften.

! Im Reich der Natur waltet Bewegung und That, im! Reich der Freiheit Anlage und Willen. Bewegung ist ewigund tritt bei jeder günstigen Bedingung unwiderstehlich in die! Erscheinung. Anlagen entwickeln sich zwar auch naturgemäß,! müssen aber erst durch den Willen geübt und nach und nach ge-steigert werden. Deßwegen ist man des freiwilligen Willens sogewiß nicht als der selbstständigen That; diese thut sich selbst, eraber wird gethan: denn er muß, um vollkommen zu werden undzu wirken, sich im Sittlichen dem Gewissen, das nicht irrt, im! Kunstreichen aber der Regel fügen, die nirgends ausgesprochenj ist. Das Gewissen bedarf keines Ahnherrn, mit ihm ist allesgegeben; es hat nur mit der innern eignen Welt zu thun. DasGenie bedürfte auch keine Regel, wäre sich selbst genug, gäbe sichselbst die Regel; da es aber nach außen wirkt, so ist es vielfachbedingt, durch Stoff und Zeit, und an beiden muß es nothwen-dig irre werden: deßwegen es mit allem, was eine Kunst ist,mit dem Regiment, wie mit Gedicht, Statue und Gemälde,durchaus so wunderlich und unsicher aussieht.

Es ist eine schlimme Sache, die doch manchem Beobachterbegegnet, mit einer Anschauung sogleich eine Folgerung zu ver-knüpfen und beide für gleichgeltend zu achten.

Die Geschichte der Wissenschaften zeigt uns bei allem, wasfür dieselben geschieht, gewisse Epochen, die bald schneller, baldlangsamer aus einander folgen. Eine bedeutende Ansicht, neuoder erneut, wird ausgesprochen; sie wird anerkannt, früher oderspäter; es finden sich Mitarbeiter; das Resultat geht in die Schülerüber; es wird gelehrt und fortgepflanzt, und wir bemerken leider,daß es gar nicht darauf ankommt, ob die Ansicht wahr oderfalsch sey; beides macht denselben Gang, beides wird zuletzt einePhrase, beides prägt sich als todtes Wort dem Gedächtniß ein.