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Sprüche In Prosa.
Zur Verewigung des Irrthums tragen die Werke besondersbei, die encyklopädisch das Wahre und Falsche des Tages über-liefern. Hier kann die Wissenschaft nicht bearbeitet werden, son-dern was man weiß, glaubt, wähnt, wird aufgenommen; deß-wegen sehen solche Werke nach fünfzig Jahren gar wunderlich aus.
Zuerst belehre man sich selbst, dann wird man Belehrungvon Andern empfangen.
Theorien sind gewöhnlich Uebereilungen eines ungeduldigenVerstandes, der die Phänomene gern los seyn möchte und anihrer Stelle deßwegen Bilder, Begriffe, ja oft nur Worte ein-schiebt. Man ahnet, man sieht auch wohl, daß es nur ein Behelfist; liebt sich nicht aber Leidenschaft und Parteigeist jederzeit Be-helfe? Und mit Recht, da sie ihrer so sehr bedürfen.
Unsere Zustände schreiben wir bald Gott, bald dem Teufelzu, und fehlen ein- wie das anderem»!: in uns selbst liegt dasRäthsel, die wir Ausgeburt zweier Welten sind. Mit der Farbegeht's eben so; bald sucht man sie im Lichte, bald draußen imWeltall, und kann sie gerade da nicht finden, wo sie zu Hause ist.
Es wird eine Zeit kommen, wo man eine pathologische Expe-rimentalphysik vorträgt und alle jene Spiegelfechtereien an'sTageslicht bringt, welche den Verstand hintergehen, sich eineUeberzeugung erschleichen, und, was das Schlimmste daran ist,durchaus jeden praktischen Fortschritt verhindern. Die Phänomenemüssen ein- für allemal aus der düstern empirisch-mechanisch-dogmatischen Marterkammer vor die Jury des gemeinen Men-schenverstandes gebracht werden.
Daß Newton bei seinen prismatischen Versuchen die Oeffnungso klein als möglich nahm, um eine Linie zum Lichtstrahl bequemzu symbolisiren, hat eine unheilbare Verirrnng über die Weltgebracht, an der vielleicht noch Jahrhunderte leiden.
Durch dieses kleine Löchlein ward Malus zu einer aben-teuerlichen Theorie getrieben, und wäre Seeb eck nicht so um-sichtig, so mußte er verhindert werden, den Urgrund dieserErscheinungen, die entoptischen Figuren und Farben, zu ent-decken.
Was aber das Allersonderbarste ist: der Mensch, wenn er auchden Grund des Irrthums aufdeckt, wird den Irrthum selbst deß-halb doch nicht los. Mehrere Engländer, besonders Dr. Reade,sprechen gegen Newton leidenschaftlich aus: „das prismatischeBild sey keineswegs das Sonnenbild, sondern das Bild der Oeff-nung unseres Fensterladens, mit Farbensäumen geschmückt; imPrismatischen Bilde gebe es kein ursprünglich Grün, dieses ent-stehe durch das Uebereinandergreifen des Blauen und Gelben, sodaß ein schwarzer Streif eben so gut als ein weißer in Farbenaufgelöst scheinen könne, wenn man hier von Auflösen reden
wolle." Genug, alles, was wir seit vielen Jahren dargethanhaben, legt dieser gute Beobachter gleichfalls vor. Nun aber läßtihn die fixe Idee einer diversen Refrangibilität nicht los, dochkehrt er sie um und ist wo möglich noch befangener als sein großerMeister. Anstatt durch diese neue Ansicht begeistert aus jenemChrysalidenzustande sich herauszureißen, sucht er die schon erwach-senen und entfalteten Glieder auf's neue in die alten Puppenschalenunterzubringen.
Das unmittelbare Gewahrwcrden der Urphänomene versetztuns in eine Art von Angst, wir fühlen unsere Unzulänglichkeit;nur durch das ewige Spiel der Empirie belebt erfreuen sie uns.
Der Magnet ist ein Urphänomen, das man nur aussprechendarf, um es erklärt zu haben; dadurch wird es denn auch einSymbol für alles klebrige, wofür wir keine Worte noch Namenzu suchen brauchen.
Alles Lebendige bildet eine Atmosphäre um sich her.
Die außerordentlichen Männer des sechzehnten und siebzehn-ten Jahrhunderts waren selbst Akademien, wie Humboldt zuunserer Zeit. Als nun das Wissen so ungeheuer überhand nahm,thaten sich Privatleute zusammen, um, was den Einzelnen un-möglich wird, vereinigt zu leisten. Von Ministern, Fürsten undKönigen hielten sie sich fern. Wie suchte nicht das Französischestille Conventikel die Herrschaft Richelieu's abzulehnen! wie ver-hinderte der englische Oxforder und Londoner Verein den Einflußder Lieblinge Carls des Zweiten!
Da es aber einmal geschehen war, und die Wissenschaften sichals ein Staatsglied im Staatskörper fühlten, einen Rang beiProcessionen und andern Feierlichkeiten erhielten, war bald derhöhere Zweck aus den Augen verloren; man stellte seine Personvor, und die Wissenschaften hatten auch Mäntelchen um undKäppchen auf. In meiner Geschichte der Farbenlehre habe ichdergleichen weitläufig angeführt. Was aber geschrieben steht, essteht deßwegen da, damit es immerfort erfüllt werde.
Die Natur auffassen und sie unmittelbar benutzen, ist wenigMenschen gegeben; zwischen Erkenntniß und Gebrauch erfinde»sie sich gern ein Luftgespinnst, das sie sorgfältig ausbilden,und darüber den Gegenstand zugleich mit der Benutzung ver-gessen.
Eben so begreift man nicht leicht, daß in der großen Naturdas geschieht, was auch im kleinsten Cirkel vorgeht. Dringt esihnen die Erfahrung auf, so lassen sie sich's zuletzt gefallen.Spreu von geriebenem Bernstein angezogen, steht mit dem un-geheuersten Donnerwetter in Verwandtschaft, ja ist eine und ebendieselbe Erscheinung. Dieses Mikromegische gestehen wir auchin einigen andern Fällen zu, bald aber verläßt uns der reine