Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Sprüche in Prosa.

265

Naturgeist, und der Dämon der Künstelei bemächtigt sich unserund weiß sich überall geltend zu machen.

Die Natur hat sich so viel Freiheit vorbehalten, daß wir mitWissen und Wissenschaft ihr nicht durchgängig beikommen, odersie in die Enge treiben können.

Mit den Irrthümern der Zeit ist schwer sich abzufinden:widerstrebt man ihnen, so steht man allein; läßt man sich davonbefangen, so hat man auch weder Ehre noch Freude davon.

II.

In New-Uork sind neunzig verschiedene christliche Confessio-nen, von welchen jede aus ihre Art Gott und den Herrn be-kennt, ohne weiter aneinander irre zu werden. In der Natur-sorschung, ja in jeder Forschung, müssen wir es soweit bringen;denn was will das heißen, daß jedermann von Liberalität sprichtund den Andern hindern will nach seiner Weise zu denken undsich auszusprechen!

Der eingeborenste Begriff, der nothwendigste, von Ursach'und Wirkung wird in der Anwendung die Veranlassung zuunzähligen sich immer wiederholenden Irrthümern.

Ein großer Fehler, den wir begehen, ist, die Ursache der Wir-kung immer nahe zu denken, wie die Senne dem Pfeil, den siefortschnellt; und doch können wir ihn nicht vermeiden, weil Ur-sache und Wirkung immer zusammengedacht und also im Geisteangenähert werden.

Die nächsten faßlichen Ursachen sind greiflich, und eben deß-halb am begreiflichsten; weßhalb wir uns gern als mechanischdenken, was höherer Art ist.

Das Zurückführen der Wirkung auf die Ursache ist bloß einhistorisches Verfahren, z. B. die Wirkung, daß ein Mensch ge-tödtet, auf die Ursache der losgefeuerten Büchse.

Der Granit verwittert auch sehr gern in Kugel- und Ei-form ; man hat daher keineswegs nöthig, die in Norddeutschlandhäufig gefundenen Blöcke, solcher Gestalten wegen, als im Wasserhin - und hergeschoben und durch Stoßen und Wälzen enteckt undentkantet zu denken.

FallnndStoß. Dadurch die Bewegung der Weltkörpererklären zu wollen, ist eigentlich ein versteckter Anthropomor-phismus , es ist des Wanderers Gang über Feld. Der aufge-

hobene Fuß sinkt nieder, der zurückgebliebene strebt vorwärtsund fällt; und immer so fort, vorn Ausgehen bis zum Ankommen.

Wie wäre es, wenn man auf demselben Wege den Vergleichvon dem Schrittschuhfahren hernähme? wo das Vorwärtsbringendem zurückbleibenden Fuße zukommt, indem er zugleich die Ob-liegenheit übernimmt, noch eine solche Anregung zu geben, daßsein nunmehriger Hintermann auch wieder eine Zeit lang sichvorwärts zu bewegen die Bestimmung erhält.

Jnduction habe ich mir nie selbst erlaubt; wollte sie ein An-derer gegen mich gebrauchen, so wußt' ich solche sogleich abzu-lehnen.

Mittheilung durch Analogien halt' ich für so nützlich als ange-nehm; der analoge Fall will sich nicht aufdringen, nichts bewei-sen; er stellt sich einem andern entgegen, ohne sich mit ihm zuverbinden. Mehrere analoge Fälle vereinigen sich nicht zu ge-schlossenen Reihen, sie sind wie gute Gesellschaft, die immermehr anregt als giebt.

Irren heißt, sich in einem Zustande befinden, als wenn dasWahre gar nicht wäre; den Irrthum sich und Andern entdecken,heißt rückwärts erfinden.

Man sagt gar gehörig: das Phänomen ist eine Folge ohneGrund, eine Wirkung ohne Ursache. Es fällt dem Menschenso schwer Grund und Ursache zu finden, weil sie so einfach sind,daß sie sich dem Blick verbergen.

Was hat man sich nicht nnt dem Granit beschäftigt! manhat ihn mit in die neueren Epochen herangezogen, und doch ent-steht keiner mehr vor unsern Augen. Geschäh' es im tiefstenMeeresgrunde, so hätten wir keine Kenntniß davon.

Kein Phänomen erklärt sich an und aus sich selbst; nur vielezusammen überschaut, methodisch geordnet, geben zuletzt etwas,was für Theorie gelten könnte.

Bei Erweiterung des Wissens macht sich von Zeit zu Zeiteine Umordnung nöthig; sie geschieht meistens nach neuernMaximen, bleibt aber immer provisorisch.

Männer vom Fach bleiben im Zusammenhange; dem Lieb-haber dagegen wird es schwerer, wenn er die Nothwendigkeitfühlt nachzufolgen.