Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Sprüche in Prosa.

Deßwegen sind Bücher willkommen, die uns sowohl das neuEmpirisch-Aufgefundene als die neubeliebten Methoden darlegen.

In der Mineralogie ist dieß höchst nöthig, wo die Crystallo-graphie so große Forderungen macht, und wo die Chemie dasEinzelne näher zu bestimmen und das Ganze zu ordnen unter-nimmt. Zwei willkommene: Leonhard und Cleaveland.

Wenn wir das, was wir wissen, nach anderer Methode oderwohl gar in fremder Sprache dargelegt finden, so erhält es einensonderbaren Reiz der Neuheit und frischen Ansehens.

Wenn zwei Meister derselben Kunst in ihrem Vertrag voneinander differiren, so liegt wahrscheinlicherweise das unauflös-liche Problem in der Mitte zwischen beiden.

Die Geognosie des Herrn dÄubuisson de Voisins, übersetztvom Herrn Wiemann, wie sie mir zu Handen kommt, fördertmich in diesem Augenblicke auf vielfache Weise, ob sie mich gleichim Hauptsinne betrübt: denn hier ist die Geognosie, welche docheigentlich auf der lebendigen Ansicht der Weltoberfläche ruhensollte, aller Anschauung beraubt, und nicht einmal in Begriffeverwandelt, sondern auf Nomenclatur zurückgeführt, in welcherletzten Rücksicht sie freilich einem jeden und auch mir förderlichund nützlich ist.

Die Kreise des Wahren berühren sich unmittelbar, aber inden Jntermundien hat der Irrthum Raum genug sich zu ergehenund zu walten.

Die Natur bekümmert sich nicht um irgend einen Irrthum;sie selbst kann nicht anders als ewig recht handeln, unbekümmert,was daraus erfolgen möge.

Natur hat zu nichts gesetzmäßige Fähigkeit, was sie nicht ge-legentlich ausführte und zu Tage brächte.

Nicht allein der freie Stoff, sondern auch das Derbe undDichte drängt sich zur Gestalt; ganze Massen sind von Naturund Grund aus krystallinisch; in einer gleichgültigen, formlosenMasse entsteht durch stöchiometrische Annäherung und Ueberein-andergreifen die porphyrartige Erscheinung, welche durch alleFormationen durchgeht.

Die Mineralienhändler beklagen sich, daß sich die Liebha-berei zu ihrer Waare in Deutschland vermindere, und geben dereindringlichen Crystallographie die Schuld. Es mag seyn; jedochin einiger Zeit wird gerade das Bestreben, die Gestalt genauer

zu erkennen, auch den Handel wieder beleben, ja gewisse Exem-plare kostbarer machen.

Crystallographie so wie Stöchiometrie vollendet auch denOryctognosten; ich aber finde, daß man seit einiger Zeit in derLehrmethode geirrt hat. Lehrbücher zu Vorlesungen und zugleichzum Selbstgebrauch, vielleicht gar als Theile zu einer wissen-schaftlichen Encyclopädie, sind nicht zu billigen; der Verlegerkann sie bestellen, der Schüler nicht wünschen.

Lehrbücher sollen anlockend seyn; das werden sie nur, wennsie die heiterste, zugänglichste Seite des Wissens und der Wissen-schaft darbieten.

Alle Männer vom Fach sind darin sehr übel dran, daß ihnennicht erlaubt ist, das Unnütze zu ignoriren.

„Wir gestehn lieber unsre moralischen Irrthümer, Fehlerund Gebrechen, als unsre wissenschaftlichen."

Das kommt daher, weil das Gewissen demüthig ist und sichsogar in der Beschämung gefällt; der Verstand aber ist hochmllthig,und ein abgenöthigter Widerruf bringt ihn in Verzweiflung.

Aus diesem Grunde geschieht auch, daß offenbarte Wahrhei-ten , erst im Stillen zugestanden, sich nach und nach verbreiten,bis dasjenige, was man hartnäckig geläugnet hat, endlich alsetwas ganz Natürliches erscheinen mag.

Unwissende werfen Fragen auf, welche von Wissenden vortausend Jahren schon beantwortet sind.

Cartesius schrieb sein Buch cke Ustüoäo einigemale um, undwie es jetzt liegt, kann es uns doch nichts helfen. Jeder, der eineZeit lang auf dem redlichen Forschen verharrt, muß seine Me-thode irgend einmal umändern.

Das neunzehnte Jahrhundert hat alle Ursache hierauf zuachten.

So ganz leere Worte, wie die von der Decomposition undPolarisation des Lichts, müssen aus der Physik hinaus, wennetwas aus ihr werden soll. Doch wäre es möglich, ja es istwahrscheinlich, daß diese Gespenster noch bis in die zweite Hälftedes Jahrhunderts hinüber spuken.