Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Sprüche in Prosa.

267

Man nehme das nicht übel. Eben dasjenige, was niemandzugiebt, niemand hören will, muß desto öfter wiederholt werden.

Wir leben innerhalb der abgeleiteten Erscheinungen und wis-sen keineswegs, wie wir zur Urfrage kommen sollen.

In Wissenschaften, so wie auch sonst, wenn Einer sich überdas Ganze verbreiten will, bleibt zur Vollständigkeit am Endenichts übrig, als Wahrheit für Irrthum, Irrthum für Wahrheitgeltend zu machen. Er kann nicht alles selbst untersuchen, mußsich an Ueberlieferung halten, und, wenn er ein Amt haben will,den Meinungen seiner Gönner fröhnen. Mögen sich die sämmt-lichen «endemischen Lehrer hiernach prüfen.

Wer ein Phänomen vor Augen hat, denkt schon oft drüberhinaus; wer nur davon erzählen hört, denkt gar nichts.

Man erkundige sich um's Phänomen, nehme es so genau da-mit als möglich, und sehe, wie weit man in der Einsicht und inpraktischer Anwendung damit kommen kann, und lasse das Pro-blem ruhig liegen. Umgekehrt handeln die Physiker: sie gehengerade auf's Problem los, und verwickeln sich unterwegs in soviel Schwierigkeiten, daß ihnen zuletzt jede Aussicht verschwindet.

Deßhalb hat die Petersburger Academic auf ihre Preisfragekeine Antwort erhalten; auch der verlängerte Termin wird nichtshelfen. Sie sollte jetzt den Preis verdoppeln und ihn demjeni-gen versprechen, der sehr klar und deutlich vor Augen legte:warum keine Antwort eingegangen ist und warumsie nicht erfolgen konnte. Wer dieß vermöchte, hätte jenenPreis wohl verdient.

Da seit einiger Zeit meiner Farbenlehre mehr nachgefragtwird, machen sich frisch illuminirte Tafeln nöthig. Indem ichnun dieses kleine Geschäft besorge, muß ich lächeln, welche un-sägliche Mühe ich mir gegeben, das Vernünftige sowohl als dasAbsurde palpabel zu machen. Nach und nach wird man beideserfassen und anerkennen.

Der Newtonische Irrthum steht so nett im Conversations -Lexikon, daß man die Octavseite nur auswendig lernen darf, umdie Farbe für's ganze Leben los zu seyn.

Nicht, gar nicht grübeln wir nach dem Dämonischen;Des Vaters Ueberlieferung, die mit uns erwuchs,Bewahren wir, und Kluges ficht uns gar nicht an,

Und wär' es auch von großen Geistern offenbart.

Euripides Bacchä.

Autorität. Ohne sie kann der Mensch nicht existiren,und doch bringt sie eben so viel Irrthum als Wahrheit mit sich;sie verewigt im Einzelnen, was einzeln vorübergehen sollte,lehnt ab und läßt vorübergehen, was festgehalten werden sollte,und ist hauptsächlich Ursache, daß die Menschheit nicht vom Fleckekommt.

Aus dem Größten wie aus dem Kleinsten (nur durch künst-liche Mittel dem Menschen zu vergegenwärtigen) geht die Meta-physik der Erscheinungen hervor; in der Mitte liegt das Beson-dere, unsern Sinnen Angemessene, worauf ich angewiesen bin,deßhalb aber die Begabten von Herzen segne, die jene Regionenzu mir heranbringen.

Da diejenigen, welche wissenschaftliche Versuche anstellen,selten wissen, was sie eigentlich wollen und was dabei herauskom-men soll, so verfolgen sie ihren Weg meistentheils mit großemEifer; bald aber, da eigentlich nichts Entschiedenes entstehen will,lassen sie die Unternehmung fahren und suchen sie sogar Andernverdächtig zu machen.

Nachdem man in der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahr-hunderts dem Microscop so unendlich viel schuldig geworden war,so suchte man zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts dasselbegeringschätzig zu behandeln.

Nachdem mau in der neuern Zeit die meteorologischenBeobachtungen auf den höchsten Grad der Genauigkeit getriebenhatte, so will man sie nunmehr aus den nördlichen Gegendenverbannen und will sie nur dem Beobachter unter den Tropenzugestehen.

Ward man doch auch des Sexualsystems, das im höhernSinne genommen so großen Werth hat, überdrüssig und wolltees verbannt wissen; und geht es doch mit der alten Kunstgeschichteeben so, in der man seit fünfzig Jahren sich gewissenhaft zu übenund die Unterschiede der auf einander folgenden Zeiten einzusehensich aus das genaueste bestrebt hat. Das soll nun alles vergebensgewesen und alles auf einander Folgende als identisch und un-unterscheidbar anzusehen seyn.

Nach unserm Rath bleibe jeder auf dem eingeschlagenen Wegeund lasse sich ja nicht durch Autorität imponiren, durch allge-meine Uebereinstimmung bedrängen und durch Mode hinreißen.

III.

Wissenschaften entfernen sich im Ganzen immer vom Lebenund kehren nur durch einen Umweg wieder dahin zurück.