Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Sprüche in Prosa.

Denn sie sind eigentlich Coinpendien des Lebens; sie bringendie äußern und innern Erfahrungen in's Allgemeine, in einenZusammenhang.

Das Interesse an ihnen wird im Grunde nur in einer beson-dern Welt. in der wissenschaftlichen, erregt; denn daß man auchdie übrige Welt dazu beruft und ihr davon Notiz giebt, wie esin der neuern Zeit geschieht, ist ein Mißbrauch und bringt mehrSchaden als Nutzen.

Nur durch eine erhöhte Praxis sollten die Wissenschaften aufdie äußere Welt wirken: denn eigentlich sind sie alle esoterisch undkönnen nur durch Verbessern irgend eines Thuns exoterisch wer-den. Alle übrige Theilnahme führt zu nichts.

Die Wissenschaften, auch in ihrem innern Kreise betrachtet,werden mit augenblicklichem jedesmaligem Interesse behandelt.Ein starker Anstoß, besonders von etwas Neuem und Unerhör-tem oder wenigstens mächtig Gefördertem, erregt eine allgemeineTheilnahme, die Jahre lang dauern kann, und die besonders inden letzten Zeiten sehr fruchtbar geworden ist.

Ein bedeutendes Factum, ein geniales Aper?» beschäftigteine sehr große Anzahl Menschen, erst nur um es zu kennen,dann um es zu erkennen, dann es zn bearbeiten und weiter zuführen.

Die Menge fragt bei einer jeden neuen bedeutenden Erschei-nung, was sie nutze, und sie hat nicht unrecht; denn sie kann bloßdurch den Nutzen den Werth einer Sache gewahr werden.

Die wahren Weisen fragen, wie sich die Sache verhalte insich selbst und zu andern Dingen, unbekümmert um den Nutzen,d. h. um die Anwendung auf das Bekannte und zum LebenNothwendige, welche ganz andere Geister, scharfsinnige, lebens-lustige, technisch geübte und gewandte schon finden werden.

Die Afterweisen suchen von jeder neiren Entdeckung nur sogeschwind als möglich für sich einigen Vortheil zu ziehe», indemsie einen eitlen Ruhm bald in Fortpflanzung, bald in Vermeh-rung, bald in Verbesserung, geschwinder Besitznahme, vielleichtgar durch Präoccupation zu erwerben trachten und durch solcheUnreifheiten die wahre Wissenschaft unsicher machen und ver-wirren, ja ihre schönste Folge, die praktische Blüthe derselben,offenbar verkümmern.

Das schädlichste Vorurtheil ist, daß irgend eine Art Natur-untersuchung mit dem Bann belegt werden könnte.

Jeder Forscher muß sich durchaus ansehen als einer, der zueiner Jury berufen ist. Er hat nur darauf zu achten, in wiefernder Vertrag vollständig sey und durch klare Belege auseinander-gesetzt. Er faßt hiernach seine Ueberzeugung zusammen und giebtseine Stimme, es sey nun, daß seine Meinung mit der des Re-ferenten übereintrefse oder nicht.

Dabei bleibt er eben so beruhigt, wenn ihm die Majoritätbeistimmt, als wenn er sich in der Minorität befindet; denn erhat das Seinige gethan, er hat seine Ueberzeugung ausgesprochen,er ist nicht Herr über die Geister noch über die Gemüther.

In der wissenschaftlichen Welt haben aber diese Gesinnungenniemals gelten wollen; durchaus ist es auf Herrschen und Be-herrschen angesehen; und weil sehr wenige Menschen eigentlichselbstständig sind, so zieht die Menge den Einzelnen nach sich.

Die Geschichte der Philosophie, der Wissenschaften, der Re-ligion, alles zeigt, daß die Meinungen massenweis sich verbrei-ten, immer aber diejenige den Vorrang gewinnt, welche faß-licher, d. h. dem menschlichen Geiste in seinem gemeinen Zustandegemäß und bequem ist. Ja derjenige, der sich in höherem Sinneausgebildet, kann immer voraussetzen, daß er die Majoritätgegen sich habe.

Wäre die Natur in ihren leblosen Anfängen nicht so gründ-lich stereometrisch, wie wollte sie zuletzt zum unberechenbarenund unermeßlichen Leben gelangen?

Der Mensch an sich selbst, in so fern er sich seiner gesundenSinne bedient, ist der größte und genaueste physicalische Apparat,den es geben kann, und das ist eben das größte Unheil der neuernPhysik, daß man die Experimente gleichsam vom Menschen ab-gesondert hat, und bloß in dem, was künstliche Instrumentezeigen, die Natur erkennen, ja was sie leisten kann, dadurch be-schränken und beweisen will.

Eben so ist es mit dem Berechnen. Es ist vieles wahr,was sich nicht berechnen läßt, so wie sehr vieles, was sich nichtbis zum entschiedenen Experiment bringen läßt.

Dafür steht ja aber der Mensch so hoch, daß sich das sonst Un-darstellbare in ihm darstellt. Was ist denn eine Saite und allemechanische Theilung derselben gegen das Ohr des Musikers?Ja man kann sagen, was sind die elementarischen Erscheinungender Natur selbst gegen den Menschen, der sie alle erst bändigen undmvdificiren muß, um sie sich einigermaßen assimiliren zu können?