Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Note» und Abhandlungen zum west-östlichen Diva».

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Mahomet.

Da wir bei unseren Betrachtungen vorn Standpunkte derPoesie entweder ausgehen oder doch auf denselben zurückkehren,so wird es unsern Zwecken angemessen seyn, von genanntemaußerordentlichen Manne vorerst zu erzählen, wie er heftig be-hauptet und betheuert: er sey Prophet und nicht Poet, und daherauch sein Koran als göttliches Gesetz und nicht etwa als mensch-liches Buch, zum Unterricht oder zum Vergnügen, anzusehen.Wollen wir nun den Unterschied zwischen Poeten und Prophetennäher andeuten, so sagen wir: beide sind von einem Gott er-griffen und befeuert, der Poet aber vergeudet die ihm verlieheneGabe im Genusi, um Genuß hervorzubringen, Ehre durch dasHervorgebrachte zu erlangen, allenfalls ein bequemes Leben;alle übrigen Zwecke versäumt er, sucht mannichfaltig zu seyn,sich in Gesinnung und Darstellung gränzenlos zu zeigen. DerProphet hingegen sieht nur auf einen einzigen bestimmten Zweck;solchen zu erlangen, bedient er sich der einfachsten Mittel. Irgendeine Lehre will er verkünden und, wie um eine Standarte, durchsie und um sie die Völker versammeln. Hiezu bedarf es nur,daß die Welt glaube; er muß also eintönig werden und bleiben;denn das Mannichfaltige glaubt man nicht, man erkennt es.

Der ganze Inhalt des Korans, um mit wenigem viel zusagen, findet sich zu Anfang der zweiten Sure und lautet folgen-dermaßen: „Es ist kein Zweifel in diesem Buch. Es ist eineUnterrichtung der Frommen, welche die Geheimnisse des Glau-bens für wahr halten, die bestimmten Zeiten des Gebetsbeobachten und von demjenigen, was wir ihnen verliehen haben,Almosen austheilen; und welche der Offenbarung glauben,die den Propheten vor dir herabgesandt worden, und gewisseVersicherung des zukünftigen Lebens haben, diese werden vonihrem Herrn geleitet und sollen glücklich und selig seyn. DieUngläubigen betreffend, wird es ihnen gleichviel seyn, ob dn sievermahnest oder nicht vermahnest; sie werden doch nicht glauben.Gott hat ihre Herzen und Ohren versiegelt. Eine Dunkelheitbedecket ihr Gesicht und sie werden eine schwere Strafe leiden."

Und so wiederholt sich der Koran Sure für Sure. Glaubenund Unglauben theilen sich in Oberes und Unteres; Himmelund Hölle sind den Bekennern und Läugnern zugedacht. NähereBestimmung des Gebotenen und Verbotenen, fabelhafte Ge-schichten Jüdischer und Christlicher Religion, Amplification en allerArt, gränzenlose Tautologien und Wiederholungen bilden denKörper dieses heiligen Buches, das uns, so oft wir auch darangehen, immer von neuem anwidert, dann aber anzieht, in Er-staunen setzt und am Ende Verehrung abnöthigt.

Worin es daher jedem Geschichtsforscher von der größtenWichtigkeit bleiben muß, sprechen wir aus mit den Worten einesvorzüglichen Mannes: „Die Hauptabsicht des Korans scheintdiese gewesen zu seyn, die Bekenner der drei verschiedenen, indem volkreichen Arabien damals herrschenden Religionen, diemeistenthcils vermischt unter einander in den Tag hinein lebtenund ohne Hirten und Wegweiser herum irrten, indem der größteTheil Götzendiener und die übrigen entweder Juden oder Christeneines höchst irrigen und ketzerischen Glaubens waren, in der Er-kenntniß und Verehrung des einigen, ewigen und unsichtbarenGottes, durch dessen Allmacht alle Dinge geschaffen sind, unddie, so es nicht sind, geschaffen werden können, des allerhöchstenHerrschers, Richters und Herrn aller Herren, unter der Be-

stätigung gewisser Gesetze und den äußerlichen Zeichen gewisserCeremonien, theils von alter und theils von neuer Einsetzung,und die durch Vorstellung sowohl zeitlicher als ewiger Be-lohnungen und Strafen eingeschärft wurden, zu vereinigen undsie alle zu dem Gehorsam des Mahomet, als des Propheten undGesandten Gottes, zu bringen, der nach den wiederholten Erin-nerungen, Verheißungen und Drohungen der vorigen Zeitenendlich Gottes wahre Religion auf Erden durch Gewalt derWaffen fortpflanzen und bestätigen sollte, um sowohl für denHohenpriester, Bischof oder Papst in geistlichen als auch höchstenPrinzen in weltlichen Dingen erkannt zu werden."

Behält man diese Ansicht fest im Auge, so kann man esdem Muselmann nicht verargen, wenn er die Zeit vor Mahometdie Zeit der Unwissenheit benennt, und völlig überzeugt ist,daß mit dem Islam Erleuchtung und Weisheit erst beginne.Der Styl des Korans ist, seinem Inhalt und Zweck gemäß,streng, groß, furchtbar, stelleiuveis wahrhaft erhaben; so treibtein Keil den andern, und darf sich über die große Wirksamkeitdes Buches niemand verwundern. Weßhalb es denn auch vonden ächten Verehrern für unerschaffen und mit Gott gleich ewigerklärt wurde. Demungeachtet aber fanden sich gute Köpfe,die eine bessere Dicht- und Schreibart der Vorzeit anerkanntenund behaupteten: daß, wenn es Gott nicht gefallen hätte, durchMahomet auf einmal seinen Willen und eine entschieden gesetz-liche Bildung zu offenbaren, die Araber nach und nach von selbsteine solche Stufe, und eine noch höhere würden erstiegen undreinere Begriffe in einer reinen Sprache entwickelt haben.

Andere, verwegener, behaupteten, Mahomet habe ihreSprache und Literatur verdorben, so daß sie sich niemals wiedererholen werde. Der verwegenste jedoch, ein geistvoller Dichter,war kühn genug zu versichern: alles, was Mahomet gesagt habe,wollte er auch gesagt haben, und besser, ja er sammelte sogareine Anzahl Sectirer um sich her. Man bezeichnete ihn deß-halb mit dem Spottnamen Motanabbi, unter welchem wirihn kennen, welches so viel heißt als: einer der gern den Pro-pheten spielen möchte.

Ob nun gleich die Muselmännische Critik selbst an dem Koranmanches Bedenken findet, indem Stellen, die man früher ausdemselben angeführt, gegenwärtig nicht mehr darin zu findensind, andere, sich widersprechend, einander aufheben, undwas dergleichen bei allen schriftlichen Ueberlieferungen nicht zuvermeidende Mängel sind; so wird doch dieses Buch für ewigeZeiten höchst wirksam verbleiben, indem es durchaus praktischund den Bedürfnissen einer Nation gemäß versaßt worden,welche ihren Ruhm auf alte Ueberlieferungen gründet und anherkömmlichen Sitten festhält.

In seiner Abneigung gegen Poesie erscheint Mahomet auchhöchst consequent, indem er alle Mährchen verbietet. DieseSpiele einer leichtfertigen Einbildungskraft, die vom Wirklichenbis zum Unmöglichen hin- und wiederschwebt, und das Un-wahrscheinliche als ein Wahrhaftes und Zweifelloses vorträgt,waren der Orientalischen Sinnlichkeit, einer weichen Ruheund bequemem Müßiggang höchst angemessen. Diese Lustge-bilde, über einem wunderlichen Boden schwankend, hatten sichzur Zeit der Sassaniden in's Unendliche vermehrt, wie sie unsTausend und Eine Nacht, an einen losen Faden gereiht, alsBeispiele darlegt. Ihr eigentlicher Charakter ist, daß sie keinensittlichen Zweck haben, und daher den Menschen nicht auf sich