Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Note» und Abhandlungen zum west-östllche» Diva».

selbst zurück, sondern außer sich hinaus in's unbedingte Freieführen und tragen. Gerade das Entgegengesetzte wollte Maho-met bewirken. Man sehe, wie er die Ueberlieferungen des altenTestaments und die Ereignisse patriarchalischer Familien, diefreilich auch auf einem unbedingten Glauben an Gott, einemunwandelbaren Gehorsam und also gleichfalls auf einem Islamberuhen, in Legenden zu verwandeln weiß, mit kluger Ausführ-lichkeit den Glauben an Gott, Vertrauen und Gehorsam immermehr anszusprechen und einzuschärfen versteht; wobei er sich dennmanches Mährchenhafte, obgleich immer zu seinen Zweckendienlich, zu erlauben Pflegt. Bewundernswürdig ist er, wennman in diesem Sinne die Begebenheiten Noah's, Abraham's,Joseph's betrachtet und beurtheilt.

Caliphen.

Um aber in unsern eigensten Kreis zurückzukehren, wieder-holen wir, daß die Sassaniden bei vierhundert Jahre regierten,vielleicht zuletzt nicht mit früherer Kraft und Glanz; doch hättensie sich wohl noch eine Weile erhalten, wäre die Macht der Ara-ber nicht dergestalt gewachsen, daß ihr zu widerstehen kein älteresReich im Stande war. Schon unter Omar, bald nach Maho-met, ging jene Dynastie zu Grunde, welche die AltpersischeReligion gehegt und einen seltenen Grad der Cultur ver-breitet hatte.

Die Araber stürmten sogleich auf alle Bücher los, nach ihrerAnsicht nur überflüssige oder schädliche Schreibereien; sie zer-störten alle Denkmale der Literatur, so daß kaum die geringstenBruchstücke zu uns gelangen konnten. Die sogleich eingeführteArabische Sprache verhinderte jede Wiederherstellung dessen, wasnationell heißen konnte. Doch auch hier überwog die Bildungdes Ueberwundenen nach und nach die Roheit des Ueberwin-ders, und die Mahometanischen Sieger gefielen sich in der Pracht-liebe , den angenehmen Sitten und den dichterischen Resten derBesiegten. Daher bleibt noch immer, als die glänzendste Epocheberühmt die Zeit, wo die Barmekiden Einfluß hatten zu Bag-dad. Diese, von Balch abstammend, nicht sowohl selbst Möncheals Patrone und Beschützer großer Klöster und Bildungsanstal-ten, bewahrten unter sich das heilige Feuer der Dicht- undRedekunst, und behaupteten durch ihre Weltklugheit und Cha-raktergröße einen hohen Rang auch in der politischen Sphäre.Die Zeit der Barmekiden heißt daher sprichwörtlich: eine Zeitlocalen, lebendigen Wesens und Wirkens, von der man, wennsie vorüber ist, nur hoffen kann, daß sie erst nach geraumenJahren an fremden Orten unter ähnlichen Umständen vielleichtwieder aufquellen werde.

Aber auch das Caliphat war von kurzer Dauer; das unge-heure Reich erhielt sich kaum vierhundert Jahre; die entfernterenStatthalter machten sich nach und nach mehr und mehr unab-hängig, indem sieden Caliphen, als eine geistliche, Titel undPfründen spendende Macht, allenfalls gelten ließen.

Fortlei tcude Lein erkling.

Physisch-klimatische Einwirkung auf Bildung menschlicherGestalt und körperlicher Eigenschaften längnet niemand, aberman denkt nicht immer daran, daß Regiernngsform eben aucheinen moralisch-klimatischen Zustand hervorbringe, worin dieCharaktere auf verschiedene Weise sich ausbilden. Von der Mengereden wir nicht, sondern von bedeutenden, ausgezeichneten Ge-stalten.

In der Republik bilden sich große, glückliche, ruhig-reinthätige Charaktere; steigert sie sich zur Aristokratie, so entstehenwürdige, conseqnente, tüchtige, im Befehlen und Gehorchen be-wundernswürdige Männer. Geräth ein Staat in Anarchie,sogleich thun sich verwegene, kühne, sittcnverachtende Menschenhervor, augenblicklich gewaltsam wirkend, bis zum Entsetzen,alle Mäßigung verbannend. Die Despotie dagegen schafft großeCharaktere; kluge, ruhige Uebersicht, strenge Thätigkeit, Festig-keit, Entschlossenheit, alles Eigenschaften, die man braucht umden Despoten zu dienen, entwickeln sich in fähigen Geistern undverschaffen ihnen die ersten Stellen des Staats, wo sie sich zuHerrschern ausbilden. Solche erwuchsen unter Alexander demGroßen, nach dessen frühzeitigem Tode seine Generale sogleichals Könige dastanden. Auf die Caliphen häufte sich ein unge-heures Reich, das sie durch Statthalter mußten regieren lassen,deren Macht und Selbstständigkeit gedieh, indem die Kraft derobersten Herrscher abnahm. Ein solcher trefflicher Mann, derein eigenes Reich sich zu gründen und zu verdienen wußte, istderjenige, von dem wir nun zu reden haben, um den Grund derneueren persischen Dichtkunst und ihre bedeutenden Lebensanfängekennen zu lernen.

Mahmud von Gasna.

Mahmud, dessen Vater im Gebirge gegen Indien ein star-kes Reich gegründet hatte, indessen die Caliphen in der Flächedes Euphrat's zur Nichtigkeit versanken, setzte die Thätigkeit sei-nes Vorgängers fort und machte sich berühmt wie Alexanderund Friedrich. Er läßt den Caliphen als eine Art geistlicherMacht gelten, die man wohl, zu eigenem Vortheil, einiger-maßen anerkennen mag; doch erweitert er erst sein Reich um sichher, dringt sodann auf Indien los, mit großer Kraft und be-sondern: Glück. Als eifrigster Mahometaner beweist er sichunermüdlich und streng in Ausbreitung seines Glaubens undZerstörung des Götzendienstes. Der Glaube an den einigenGott wirkt immer geisterhebend, indem er den Menschen auf dieEinheit seines eignen Innern zurückweist. Näher steht derNationalprophete, der nur Anhänglichkeit und Förmlichkeitenfordert und eine Religion auszubreiten befiehlt, die, wie einejede, zu unendlichen Auslegungen und Mißdeutungen dem Ser-ien- und Parteigeist Raum läßt und demnngeachtet immer die-selbige bleibt.

Eine solche einfache Gottesverehrung mußte mit dem indi-schen Götzendienste im herbsten Widerspruch stehen, Gegenwir-! kung und Kampf, ja blutige Vernichtungskriege hervorrufen,! wobei sich der Eifer des Zerstörens und Bekehrens noch durch^ Gewinn unendlicher Schätze erhöht fühlte. Ungeheure, fratzen-1 hafte Bilder, deren hohler Körper mit Gold und Juwelen