Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Nvtcn und Abhandlungen zum west-östlichen Divan.

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ausgefüllt erfunden ward, schlug man in Stücke und sendete sie,geviertheilt, verschiedene Schwellen Mahometanischer Heilorte zupflastern. Noch jetzt sind die Indischen Ungeheuer jedem reinenGefühle verhaßt; wie gräßlich mögen sie den bildlosen Mahonie- !taner angeschaut haben! !

Nicht ganz am unrechten Orte wird hier die Bemerkungstehen, daß der ursprüngliche Werth einer jeden Religion erstnach Verlauf von Jahrhunderten aus ihren Folgen beurtheiltwerden kann. Die Jüdische Religion wird immer einen gewissenstarren Eigensinn, dabei aber auch freien Klugsinn und leben-dige Thätigkeit verbreiten; die Mahometanische läßt ihren Be-kenner nicht aus einer dumpfen Beschränktheit heraus, indemsie, keine schweren Pflichten fordernd, ihm innerhalb derselbenalles Wünschenswerthe verleiht und zugleich, durch Aussicht aufdie Zukunft, Tapferkeit und Religionspatriotismus einflößt underhält.

Die Indische Lehre taugte von Haus aus nichts, so wie denngegenwärtig ihre vielen tausend Götter, und zwar nicht etwauntergeordnete, sondern alle gleich unbedingt mächtige Götter,die Zufälligkeiten des Lebens nur noch mehr verwirren, den Un-sinn jeder Leidenschaft fördern und die Verrücktheit des Lasters,als die höchste Stufe der Heiligkeit und Seligkeit, begünstigen.

Auch selbst eine reinere Vielgötterei, wie die der Griechenund Römer, mußte doch zuletzt auf falschem Wege ihre Bekennerund sich selbst verlieren. Dagegen gebührt der Christlichen dashöchste Lob, deren reiner, edler Ursprung sich immerfort dadurchbethätigt, daß nach den größten Verirrungen, in welche sie derdunkle Mensch hinein zog, eh' man sich's versieht, sie sich in ihrerersten lieblichen Eigenthümlichkeit, als Mission, als Hausgenossen-und Brüderschaft, zu Erquickung des sittlichen Menschenbedürf-nisses, immer wieder hervorthut.

Billigen wir nun den Eifer des Götzenstürmers Mahmud,so gönnen wir ihm die zu gleicher Zeit gewonnenen unendlichenSchätze, und verehren besonders in ihm den Stifter PersischerDichtkunst und höherer Cultur. Er, selbst aus Persischem Stamme,ließ sich nicht etwa in die Beschränktheit der Araber hineinziehen,er fühlte gar wohl, daß der schönste Grund und Boden für Reli-gion in der Nationalität zu finden sey; diese ruhet auf der Poesie,die uns älteste Geschichte in fabelhaften Bildern überliefert, nachund nach sodann in's Klare hervortritt und ohne Sprung dieVergangenheit an die Gegenwart heranführt.

Unter diesen Betrachtungen gelangen wir also in das zehnteJahrhundert unserer Zeitrechnung. Man werfe einen Blick aufdie höhere Bildung, die sich dem Orient, ungeachtet der aus-schließenden Religion, immerfort aufdrang. Hier sammelten sich,fast wider Willen der wilden und schwachen Beherrscher, dieNeste Griechischer und Römischer Verdienste und so vieler geist-reichen Christen, deren Eigenthum aus der Kirche ausgestoßenworden, weil auch diese, wie der Islam, auf Eingläubigkeit losarbeiten mußte.

Doch zwei große Verzweigungen des menschlichen Wissensund Wirkens gelangten zu einer freiern Thätigkeit.

Die Medicin sollte die Gebrechen des Microcosmus heilen,und die Sternkunde dasjenige dolmetschen, womit uns für dieZukunft der Himmel schmeicheln oder bedrohen möchte; jenemußte der Natur, diese der Mathematik huldigen, und so warenbeide wohl empfohlen und versorgt.

Die Geschäftsführung sodann unter despotische» Regenten

Goethe, Werke. I.

blieb, auch bei größter Aufmerksamkeit und Genauigkeit, immergefahrvoll, und ein Canzleiverwandter bedurfte so viel Muth, sichin den Divan zu bewegen, als ein Held znr Schlacht; einer war! nicht sicherer, seinen Herd wieder zu sehen, als der andere.

! Reisende Handelsleute brachten immer neuen Zuwachs anSchätzen und Kenntnissen herbei, das Innere des Landes, vomEuphrat bis zuni Indus, bot eine eigne Welt von Gegenständendar. Eine Masse wider einander streitender Völkerschaften, ver-triebene, vertreibende Herrscher stellten überraschenden Wechselvon Sieg zur Knechtschaft, von Obergewalt zur Dienstbarkeitnur gar zu oft vor Augen, und ließen geistreiche Männer überdie tranmartige Vergänglichkeit irdischer Dinge die traurigstenBetrachtungen anstellen.

Dieses alles und noch weit mehr, im weitesten Umfange un-endlicher Zersplitterung und augenblicklicher Wiederherstellung,sollte man vor Augen haben, um billig gegen die folgendenDichter, besonders gegen die Persischen zu seyn; denn jedermannwird eingestehen, daß die geschilderten Zustände keineswegs fürein Element gelten können, worin der Dichter sich nähren, er-wachsen und gedeihen dürfte. Deßwegen sey uns erlaubt, schondas edle Verdienst der Persischen Dichter des ersten Zeitalters alsproblematisch anzusprechen. Auch diese darf man nicht nach demHöchsten messen, man muß ihnen manches zugeben, indem mansie lieft, manches verzeihen, wenn man sie gelesen hat.

Dichterkönige.

Viele Dichter versammelten sich an Mahmud's Hofe, manspricht von vierhundcrten, die daselbst ihr Wesen getrieben. Undwie nun alles im Orient sich unterordnen, sich höheren Gebotenfügen muß, so bestellte ihnen auch der Fürst einen Dichterfürsten,der sie prüfen, beurtheilen, sie zu Arbeiten, jedem Talent ge-mäß, aufmuntern sollte. Diese Stelle hat man als eine dervorzüglichsten am Hofe zu betrachten: er war Minister allerwissenschaftlichen, historisch-poetischen Geschäfte; durch ihn wur-den die Gunstbezeigungen seinen Untergebenen zu Theil, undwenn er den Hof begleitete, geschah es in so großem Gefolge, inso stattlichem Aufzuge, daß man ihn wohl für einen Vesir haltenkonnte.

Ueberlieferungen.

Wenn der Mensch daran denken soll, von Ereignissen, dieihn zunächst betreffen, künftigen Geschlechtern Nachricht zu hin-terlassen, so gehört dazu ein gewisses Behagen an der Gegen-wart , ein Gefühl von dem hohen Werthe derselben. Zuerst alsobefestigt er im Gedächtniß, was er von Vätern vernommen,und überliefert solches in fabelhaften Umhüllungen; denn münd-liche Ueberlieferung wird immer mährchenhaft wachsen. Ist aberdie Schrift erfunden, ergreift die Schreibseligkeit ein Volk vordem andern, so entstehen alsdann Chroniken, welche den poeti-schen Rhythmus behalten, wenn die Poesie der Einbildungskraftund des Gefühls längst verschwunden ist. Die späteste Zeit ver-sorgt uns mit ausführlichen Denkschriften, Selbstbiographienunter mancherlei Gestalten.

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