Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Noten und Abhandlungen zum west-östlichen Diva».

Auch im Orient finden wir gar frühe Docnmente einer be-deutenden Weltausbildung. Sollten auch unsere heiligen Bücherspäter in Schriften verfaßt seyn, so sind doch die Anlässe dazuals Ueberlieferungen uralt, und können nicht dankbar genugbeachtet werden. Wie vieles mußte nicht auch in dem mittlernOrient, wie wir Persien und seine Umgebungen nennen dürfen,jeden Augenblick entstehen, und sich trotz aller Verwüstung undZersplitterung erhalten! Denn wenn es zu höherer Ausbildunggroßer Landstrecken dienlich ist, daß solche nicht Einem Herrn !unterworfen, sondern unter mehrere getheilt seyen, so ist derselbeZustand gleichfalls der Erhaltung nütze, weil das, was an demeinen Ort zu Grunde geht, an dein andern fortbestehen, wasaus dieser Ecke vertrieben wird, sich in jene flüchten kann.

Auf solche Weise müssen, ungeachtet aller Zerstörung undVerwüstung, sich manche Abschriften aus frühem Zeiten erhal-ten haben, die man von Epoche zu Epoche theils abgeschrieben,theils erneuert. So finden wir daß unter Jesdedschird, demletzten Sassaniden, eine Reichsgeschichte verfaßt worden, wahr-scheinlich aus alten Chroniken zusammengestellt, dergleichen sich ^schon Ahasverus in dem Buche Esther bei schlaflosen Nächten vor- ^lesen läßt. Copien jenes Werkes, welches Bastan Namehbetitelt war, erhielten sich: denn vierhundert Jahre später wird ,unter Mansur I., aus demHause der Samaniden, eine Bearbei- ^tung desselben vorgenommen, bleibt aber unvollendet und die ^Dynastie wird von den Gasnewiden verschlungen. Mahmudjedoch, genanntes Stammes zweiter Beherrscher, ist von gleichemTriebe belebt, und vertheilt sieben Abtheilungen des BastanNameh unter sieben Hofdichter. Es gelingt Ansari, seinen Herrnam meisten zu befriedigen, er wird zum Dichterkönig ernanntund beauftragt, das Ganze zu bearbeiten. Er aber, bequem undklug genug, weiß das Geschäft zu verspäten und mochte sich imStillen umthun, ob er nicht jemand fände, dem es zu übertra-gen wäre.

Firdusi.

Starb 1030.

Die wichtige Epoche Persischer Dichtkunst, die wir nun errei-chen, giebt uns zur Betrachtung Anlaß, wie große Weltereignissenur alsdann sich entwickeln, wenn gewisse Neigungen, Begriffe,Vorsätze hie und da, ohne Zusammenhang, einzeln ausgesäet, sichbewegen und im Stillen fortwachsen, bis endlich früher oderspäter ein allgemeines Zusammenwirken hervortritt. In diesemSinne ist es merkwürdig genug, daß zu gleicher Zeit, als einmächtiger Fürst auf die Wiederherstellung einer Volks- undStammesliteratur bedacht war, ein Gärtnersohn zu Tus gleich-falls ein Exemplar des Bastan Nameh sich zueignete und daseingeborene schöne Talent solchen Studien eifrig widmete.

In Absicht über den dortigen Statthalter, wegen irgend einerBedrängniß, zu klagen, bcgiebt er sich nach Hofe, ist lange ver-gebens bemüht, zu Ansari durchzudringen, um durch dessen Für-sprache seinen Zweck zu erreichen. Endlich macht eine glückliche,gehaltvolle Reimzeile, aus dem Stegreife gesprochen, ihn demDichterkönige bekannt, welcher, Vertrauen zu seinem Talentefassend, ihn empfiehlt und ihm den Auftrag des großen Werkesverschafft. Firdusi beginnt das Schah Nameh unter günstigen

Umständen; er wird im Anfange theilweis hinlänglich belohnt,nach dreißigjähriger Arbeit hingegen entspricht das königliche Ge-schenk seiner Erwartung keineswegs. Erbittert verläßt er denHof und stirbt, eben da der König seiner mit Gunst abermalsgedenkt. Mahmud überlebt ihn kaum ein Jahr, innerhalb wel-ches der alte Essedi, Firdusi's Meister, das Schah Nameh völligzu Ende schreibt.

Dieses Werk ist ein wichtiges, ernstes, mythisch-historisches! Nationalfundament, worin das Herkommen, das Daseyn, dieWirkung alter Helden aufbewahrt wird. Es bezieht sich auffrühere und spätere Vergangenheit, deßhalb das eigentlich Ge-schichtliche zuletzt mehr hervortritt, die frühern Fabeln jedochmanche uralte Traditionswahrheit verhüllt überliesern.

Firdusi scheint überhaupt zu einem solchen Werke sich vor-trefflich dadurch zu qualificiren, daß er leidenschaftlich am Alten,ächt Rationellen, festgehalten und auch, in Absicht auf Sprache,frühe Reinigkeit und Tüchtigkeit zu erreichen gesucht, wie er dennArabische Worte verbannt und das alte Pehlewi zu beachten be-^ müht war.

! Lnweri.

j Sterbt I1S2.

Er studirt zu Tus, einer wegen bedeutender Lehranstaltenberühmten, ja sogar wegen Ueberbildung verdächtigen Stadt;und als er, an der Thüre des Colleginms sitzend, einen, mitGefolge und Prunk, vorbeireitenden Großen erblickt, zu seinergroßen Verwunderung aber hört, daß es ein Hofdichter sey, ent-schließt er sich, zu gleicher Höhe des Glücks zu gelangen. Einübernacht geschriebenes Gedicht, wodurch er sich die Gunst desFürsten erwirbt, ist uns übrig geblieben.

Aus diesem und aus mehreren Poesien, die uns mitgetheiltworden, blickt ein heiterer Geist hervor, begabt mit unendlicher! Umsicht und scharfem, glücklichem Durchschauen, er beherrscht! einen unübersehbaren Stoff. Er lebt in der Gegenwart, undwie er vom Schüler sogleich zum Hofmann übergeht, wird er-eilt freier Enkomiast, und findet, daß kein besser Handwerk sey, alsmitlebende Menschen durch Lob zu ergötzen. Fürsten, Besire,edle und schöne Frauen, Dichter und Musiker schmückt er mitseinem Preis, und weiß auf einen jeden etwas Zierliches aus dembreiten Weltvorrathe anzuwenden.

Wir können daher nicht billig finden, daß man ihm die Ver-hältnisse, in denen er gelebt und sein Talent genutzt, nach so vielhundert Jahren, zum Verbrechen macht. Was sollt' aus demDichter werden, wenn es nicht hohe, mächtige, kluge, thätige,schöne und geschickte Menschen gäbe, an deren Vorzügen er sichauferbauen kann? An ihnen, wie die Rebe am Ulmenbaum,wie Epheu an der Mauer, rankt er sich hinauf, Auge und Sinnzu erquicken. Sollte man einen Juwelier schelten, der die Edel-gesteine beider Indien zum herrlichen Schmuck trefflicher Men-schen zu verwenden sein Leben zubringt? Sollte man von ihmverlangen, daß er das freilich sehr nützliche Geschäft eines Straßen-pflasterers übernehme?

So gut aber unser Dichter mit der Erde stand, ward ihmder Himmel verderblich. Eine bedeutende, das Volk aufregendeWeissagung, als werde an einem gewissen Tage ein ungeheurer