Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
JPEG-Download
 

Noten und Abhandlungen zum wesi-östlichen Tivan.

339

Sturm das Land verwüsten, traf nicht ein, und der Schah ^selbst konnte gegen den allgemeinen Unwillen des Hofes und der iStadt seinen Liebling nicht retten. Dieser floh. Auch in ent- ^fernter Provinz schützte ihn nur der entschiedene Charakter eines !freundlichen Statthalters. Die Ehre der Astrologie kann jedoch ?gerettet werden, wenn man annimmt, daß die Zusammenkunftso vieler Planeten in Einem Zeichen auf die Zukunft von Dschen-gis Chan hindeute, welcher in Persien mehr Verwüstung anrich- ^tete als irgend ein Sturmwind hätte bewirken können. l

Aisami.

Stiitt 1180. ^

Ein zarter, hochbegabter Geist, der, wenn Firdusi die !sämmtlichen Heldenüberlieferungen erschöpfte, nunmehr die lieb- !lichsten Wechselwirkungen innigster Liebe zum Stoffe seiner Ge- !dichte wählt. Medschnun und Leila, Chosru und Schirm, Lie- !bespaare, führt er vor; durch Ahnung, Geschick, Natur, Ge- ^wohnheit, Neigung, Leidenschaft für einander bestimmt, sich ientschieden gewogen; dann aber durch Grille, Eigensinn, Zufall, iNöthigung und Zwang getrennt, eben so wunderlich wieder zu- !sammengeführt und am Ende doch wieder auf eine oder die an- !dere Weise weggerissen und geschieden. !

Aus diesen Stoffen und ihrer Behandlung erwächst die Er- !regung einer ideellen Sehnsucht. Befriedigung finden wir nir- !gends. Die Anmuth ist groß, die Mannichfaltigkeit unendlich, i

Auch in feinen andern, unmittelbar moralischem Zweck ge- ^widmeten Gedichten athmet gleiche liebenswürdige Klarheit. Was !auch dem Menschen Zweideutiges begegnen mag, führt er jeder- !zeit wieder an's Praktische heran und findet in einem sittlichen >Thun allen Räthseln die beste Auslösung.

Uebrigens führt er, seinem ruhigen Geschäft gemäß, einruhiges Leben unter den Seldschugiden und wird in seiner Vater-stadt Gendsche begraben. i

DschM-r--din Aumi. !

Stirbt 1262. !

Er begleitet seinen Vater, der wegen Verdrießlichkeiten mit !dem Sultan sich von Balch hinweg begiebt, auf dem langenReisezug. Unterwegs nach Mecca treffen sie Attar, der einBuch göttlicher Geheimnisse dem Jünglinge verehrt und ihn zuheiligen Studien entzündet.

Hiebei ist so viel zu bemerken: daß der eigentliche Dichter die !Herrlichkeit der Welt in sich aufzunehmen berufen ist, und deßhalb !immer eher zu loben als zu tadeln geneigt seyn wird. Daraus ^folgt, daß er den würdigsten Gegenstand aufzufinden sucht, und zwenn er alles durchgegangen, endlich sein Talent am liebsten zuPreis und Verherrlichung Gottes anwendet. Besonders aberliegt dieses Bedürfniß dem Orientalen am nächsten, weil erimmer dem Ueberschwenglichen zustrebt und solches bei Betrach-tung der Gottheit in größter Fülle gewahr zu werden glaubt, sowie ihm denn bei jeder Ausführung niemand UebertriebenheitSchuld geben darf.

Schon der sogenannte Mahometanische Rosenkranz, wodurchder Name Allah mit neunundneunzig Eigenschaften verherrlichtwird, ist eine solche Lob- und Preislitanei. Bejahende, ver-neinende Eigenschaften bezeichnen das unbegreiflichste Wesen; derAnbeter staunt, ergiebt und beruhigt sich. Und wenn der welt-liche Dichter die ihm vorschwebenden Vollkommenheiten an vor-zügliche Personen verwendet, so flüchtet sich der Gottergebene indas unpersönliche Wesen, das von Ewigkeit her alles durchdringt.

So flüchtete sich Attar vom Hofe zur Beschaulichkeit, undDschelLl-ed-d!n, ein reiner Jüngling, der sich so eben auch vomFürsten und der Hauptstadt entfernte, war um desto eher zutiefern Studien zu entzünden.

Nun zieht er mit seinem Vater, nach vollbrachten Wallfahr-ten, durch Kleinasien; sie bleiben zu Jconium. Dort lehren sie,werden verfolgt, vertrieben, wieder eingesetzt, und liegen da-selbst, mit einem ihrer treusten Lehrgenossen, begraben. Indessenhatte Dschengis Chan Persien erobert, ohne den ruhigen Ortihres Aufenthaltes zu berühren.

Nach obiger Darstellung wird man diesem großen Geistenicht verargen, wenn er sich in's Abstruse gewendet. Seine Werkesehen etwas bunt aus, Geschichtchen, Mährchen, Parabeln, Le-genden, Anekdoten, Beispiele, Probleme behandelt er, um einegeheimnißvolle Lehre eingängig zu machen, von der er selbst keinedeutliche Rechenschaft zu geben weiß. Unterricht und Erhebungist sein Zweck, im Ganzen aber sucht er durch die Einheitslehrealle Sehnsucht wo nicht zu erfüllen doch aufzulösen, und anzu-deuten, daß im göttlichen Wesen zuletzt alles untertauche undsich verkläre.

Zaadi.

Snrbt 1221, alt 102 Jahre.

.Gebürtig von Schiras, studirt er zu Bagdad, wird als Iüng-ling durch Liebesunglück zum unstäten Leben eines Derwisch be-stimmt. Wallfahrtet fünfzehnmal nach Mekka, gelangt auf seinenWanderungen nach Indien und Kleinasien, ja als Gefangenerder Kreuzfahrer in's Westland. Er übersteht wundersame Aben-theuer, erwirbt aber schöne Länder- und Menschenkenntniß. Nachdreißig Jahren zieht er sich zurück, bearbeitet seine Werke, undmacht sie bekannt. Er lebt und webt in einer großen Erfahrungs-breite und ist reich an Anekdoten, die er mit Sprüchen und Versenausschmückt. Leser und Hörer zu unterrichten ist sein entschiede-ner Zweck.

Sehr eingezogen in Schiras, erlebt er das hundert und zweiteJahr und wird daselbst begraben. Dschengis'Nachkommen hattenIran zum eignenReiche gebildet, inwelchem sich ruhig wohnenließ.

Hafis.

Stirbt 1388.

Wer sich noch, aus der Hälfte des vorigen Jahrhunderts,erinnert, wie unter den Protestanten Deutschland's nicht alleinGeistliche, sondern auch wohl Laien gefunden wurden, welchemit den heiligen Schriften sich dergestalt bekannt gemacht, daß