Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Noten und Abhandlungen zum west-östlichen Divan.

sie, als lebendige Concordanz, von allen Sprüchen, wo und inwelchem Zusammenhange sie zu finden, Rechenschaft zu gebensich geübt haben, die Hauptstellen aber auswendig wußten undsolche zu irgend einer Anwendung immerfort bereit hielten; derwird zugleich gestehen, daß für solche Männer eine große Bil-dung daraus erwachsen mußte, weil das Gedächtniß, immer mitwürdigen Gegenständen beschäftigt, dem Gefühl, dem Urtheilreinen Stoff zu Genuß und Behandlung aufbewahrte. Mannannte sie bibelfest, und ein solcher Beiname gab eine vorzüg-liche Würde und unzweideutige Empfehlung.

Das, was nun bei uns Christen aus natürlicher Anlage undgutem Willen entsprang, war bei den Mohametanern Pflicht:denn indem es einem solchen Glaubensgenossen zum größtenVerdienst gereichte, Abschriften des Korans selbst zu vervielfältigenoder vervielfältigen zu lassen, so war es kein geringeres, denselbenauswendig zu lernen, um bei jedem Anlaß die gehörigen Stellenanführen, Erbauung befördern, Streitigkeit schlichten zu können.Man benannte solche Personen mit dem Ehrentitel Hasis, unddieser ist unserm Dichter als bezeichnender Hauptname geblieben.

Nun ward, gar bald nach seinem Ursprünge, der Koran einGegenstand der unendlichsten Auslegungen, gab Gelegenheit zuden spitzfindigsten Subtilitäten und, indem er die Sinnesweiseeines jeden aufregte, entstanden gränzenlos abweichende Mei-nungen, verrückte Combinationen, ja die unvernünftigsten Be-ziehungen aller Art wurden versucht, so daß der eigentlich geist-reiche, verständige Mann eifrig bemüht seyn mußte, um nurwieder auf den Grund des reinen, guten Textes zurück zu gelan-gen. Daher finden wir denn auch in der Geschichte des IslamAuslegung, Anwendung und Gebrauch oft bewundernswürdig.

Zu einer solchen Gewandtheit war das schönste dichterischeTalent erzogen und herangebildet; ihm gehörte der ganze Ko-ran, und was für Religionsgebäude man darauf gegründet, warihm kein Räthsel. Er sagt selbst:

„Durch den Koran hab' ich alles,

Was mir je gelang, gemacht."

Als Derwisch, Sofi, Scheich lehrte er in seinem GeburtsorteSchiras, auf welchen er sich beschränkte, wohl gelitten und ge-schätzt von der Familie Mosaffer und ihren Beziehungen. Erbeschäftigte sich mit theologischen und grammatikalischen Arbeiten,und versammelte eine große Anzahl Schüler um sich her.

Mit solchen ernsten Studien, mit einem wirklichen Lehramtestehen seine Gedichte völlig im Widerspruch, der sich wohl dadurchheben läßt, wenn man sagt: daß der Dichter nicht geradezu allesdenken und leben müsse, was er ausspricht, am wenigsten der-jenige, der in späterer Zeit in verwickelte Zustände geräth, woer sich immer der rhetorischen Verstellung nähern und dasjenigevortragen wird, was seine Zeitgenossen gerne hören. Dieß scheintuns bei Hasis durchaus der Fall. Denn wie ein Mährchener-zähler auch nicht an die Zaubereien glaubt, die er vorspiegelt,sondern sie nur auf's beste zu beleben und auszustatten gedenkt,damit seine Zuhörer sich daran ergötzen, eben so wenig brauchtgerade der lyrische Dichter dasjenige alles selbst auszuüben, wo-mit er hohe und geringe Leser und Sänger ergötzt und beschmei-chelt. Auch scheint unser Dichter keinen großen Werth auf seineso leicht hinfließenden Lieder gelegt zu haben, denn seine Schülersammelten sie erst nach seinem Tode.

Nur wenig sagen wir von diesen Dichtungen, weil man siegenießen, sich damit in Einklang setzen sollte. Aus ihnen strömteine sortquellende, mäßige Lebendigkeit. Im Engen genügsam,froh und klug, von der Fülle der Welt seinen Theil dahin neh-mend, in die Geheimnisse der Gottheit von fern hineinblickend,dagegen aber auch einmal Religionsübnng und Sinnenlnst ab-lehnend, eins wie das andere; wie denn überhaupt diese Dicht-art, was sie auch zu befördern und zu lehren scheint, durchauseine skeptische Beweglichkeit behalten muß.

D schaun.

' Stirbt 1402, alt 82 Jahre.

Dschami faßt die ganze Ernte der bisherigen Bemühungenzusammen und zieht die Summe der religiösen, philosophischen,wissenschaftlichen, Prosaisch-Poetischen Cultur. Er hat einen gro-ßen Vortheil, dreiundzwanzig Jahre nach Hasis' Tode geboren zuwerden und als Jüngling abermals ein ganz freies Feld vor sichzu finden. Die größte Klarheit und Besonnenheit ist sein Eigen-thum. Nun versucht und leistet er alles, erscheint sinnlich undübersinnlich zugleich; die Herrlichkeit der wirklichen und Dichter-welt liegt vor ihm, er bewegt sich zwischen beiden. Die Mystikkonnte ihn nicht anmuthen; weil er aber ohne dieselbe den Kreisdes National-Jnteresses nicht ausgefüllt hätte, so giebt er histo-risch Rechenschaft von allen den Thorheiten, durch welche, stnfen-weis, der in seinem irdischen Wesen befangene Mensch sich derGottheit unmittelbar anzunähern und sich zuletzt mit ihr zu ver-einigen gedenkt; da denn doch zuletzt nur widernatürliche undwidergeistige, grasse Gestalten zum Vorscheine kommen. Dennwas thut der Mystiker anders, als daß er sich an Problemen vor-beischleicht, oder sie weiter schiebt, wenn es sich thun läßt?

Uebersicht.

Man hat aus der sehr schicklich-geregelten Folge der siebenersten Römischen Könige schließen wollen, daß diese Geschichteklüglich und absichtlich erfunden sey, welches wir dahin gestelltseyn lassen; dagegen aber bemerken, daß die sieben Dichter,welche von dem Perser für die ersten gehalten werden, und inner-halb eines Zeitraums von fünfhundert Jahren nach und nacherschienen, wirklich ein ethisch-poetisches Verhältniß gegen einan-der haben, welches uns erdichtet scheinen könnte, wenn nicht ihrehinterlassenen Werke von ihrem wirklichen Daseyn das Zeugnißgäben.

Betrachten wir aber dieses Siebengestirn genauer, wie esuns aus der Ferne vergönnt seyn mag, so finden wir, daß siealle ein fruchtbares, immer sich erneuendes Talent besaßen,wodurch sie sich über die Mehrzahl sehr vorzüglicher Männer,über die Unzahl mittlerer, täglicher Talente erhoben sahen; dabeiaber auch in eine besondere Zeit, in eine Lage gelangten, wo sieeine große Ernte glücklich wegnehmen und gleich talentvollenNachkommen sogar die Wirkung auf eine Zeit lang verkümmerndurften, bis wieder ein Zeitraum verging, in welchem die Naturdem Dichter neue Schätze abermals ausschließen konnte.