Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Note» und Abhandlungen zum west-östlichen Divan.

unterhalten sie sich, Charaden aufzugeben. Gar bald wirdnicht nur eine jede, wie sie vom Munde kommt, sogleich errathen,sondern zuletzt sogar das Wort, das der andere denkt und ebenzum Worträthsel umbilden will, durch die unmittelbarste Divi-nation erkannt und ausgesprochen.

Indem man dergleichen zu unsern Zeiten erzählt und be-theuert, darf man nicht fürchten, lächerlich zu werden, da solchepsychische Erscheinungen noch lange nicht an dasjenige reichen,was der organische Magnetismus zu Tage gebracht hat.

Lhiffer.

Eine andere Art aber, sich zu verständigen, ist geistreich undherzlich! Wenn bei der vorigen Ohr und Witz im Spiele war,so ist es hier ein zartliebender ästhetischer Sinn, der sich der höchstenDichtung gleich stellt.

Im Orient lernte man den Koran auswendig, und so gabendie Suren und Verse, durch die mindeste Anspielung, ein leichtesVerständniß unter den Geübten. Das Gleiche haben wir inDeutschland erlebt, wo vor fünfzig Jahren die Erziehung dahingerichtet war, die sämmtlichen Heranwachsenden bibelfest zumachen; man lernte nicht allein bedeutende Sprüche auswendig,sondern erlangte zugleich von den übrigen genügsame Kenntniß.Nun gab es mehrere Menschen, die eine große Fertigkeit hatten,auf alles, was vorkam, biblische Sprüche anzuwenden und dieheilige Schrift in der Conversation zu verbrauchen. Nicht zuläugnen ist, daß hieraus die witzigsten, an milchigsten Erwie-derungen entstanden, wie denn noch heutiges Tags gewisseewig anwendbare Hauptstellen hie und da im Gespräch vor-kommen.

Gleicherweise bedient man sich classischer Worte, wodurchwir Gefühl und Ereigniß als ewig wiederkehrend bezeichnen undaussprechen.

Auch wir vor fünfzig Jahren, als Jünglinge, die einheimi-schen Dichter verehrend, belebten das Gedächtniß durch ihre Schrif-ten, und erzeigten ihnen den schönsten Beifall, indem wir unsereGedanken durch ihre gewählten und gebildeten Worte ausdrücktenund dadurch eingestanden, daß sie besser als wir unser Innersteszu entfalten gewußt.

Um aber zu unserem eigentlichen Zweck zu gelangen, erinnernwir an eine, zwar wohlbekannte, aber doch immer geheimniß-vollc Weise, sich in Chiffern mitzutheilen: wenn nämlich zweiPersonen, die ein Buch verabreden und, indem sie Seiten- undZeilenzahl zu einem Briefe verbinden, gewiß sind, daß der Em-pfänger mit geringem Bemühen den Sinn zusammen findenwerde.

Das Lied, welches wir mit der Rubrik Chiffer bezeichnet,will aus eine solche Verabredung hindeuten. Liebende werdeneinig, Hafisens Gedichte zum Werkzeug ihres Gefühlwechsels zulegen; sie bezeichnen Seite und Zeile, die ihren gegenwärtigenZustand ausdrückt, und so entstehen zusammengeschriebene Liedervom schönsten Ausdruck; herrlich zerstreute Stellen des unschätz-baren Dichters werden durch Leidenschaft und Gefühl verbunden,Neigung und Wahl verleihen dem Ganzen ein inneres Leben,und die Entfernten finden ein tröstliches Ergeben, indem sie ihreTrauer mit Perlen seiner Worte schmücken.

Dir zu eröffnenMein Herz verlangt mich;Hört' ich von deinem,Darnach verlangt mich;Wie blickt so traurigDie Welt mich an!

In meinem SinneWohnet mein Freund nur,Und sonsten keiner.

Und keine Feindspur.

Wie SonnenaufgangWard mir ein Vorsatz!

Mein Leben will ichNur zum GeschäfteBon seiner LiebeVon heut an machen.

Ich denke seiner,

Mir blutet's Herz.

Kraft hab' ich keineAls ihn zu lieben,

So recht im Stillen.

Was soll das werden!

Will ihn umarmen,

Und kann es nicht.

Künftiger Divan.

Man hat in Deutschland zu einer gewissen Zeit mancheDruckschriften vertheilt, als Manuskript für Freunde.Wem dieses befremdlich seyn könnte, der bedenke, daß doch amEnde jedes Buch nur für Theilnehmer, für Freunde, fürLiebhaber des Verfassers geschrieben sey. Meinen Divan beson-ders möcht' ich also bezeichnen, dessen gegenwärtige Ausgabenur als unvollkommen betrachtet werden kann. In jüngerenJahren würd' ich ihn länger zurückgehalten haben, nun aberfind' ich es vortheilhafter, ihn selbst zusammenzustellen, als einsolches Geschäft, wie Hafis, den Nachkommen zu hinterlassen.Denn eben daß dieses Büchlein so da steht, wie ich es jetzt mit-theilen konnte, erregt meinen Wunsch, ihm die gebührende Voll-ständigkeit nach und nach zu verleihen. Was davon allenfalls zuhoffen seyn möchte, will ich Buch für Buch der Reihe nach an-deuten.

Buch des Dichters. Hierin, wie es vorliegt, werdenlebhafte Eindrücke mancher Gegenstände und Erscheinungen aufSinnlichkeit und Gemüth enthusiastisch ausgedrückt und dienäheren Bezüge des Dichters zum Orient angedeutet. Fährt erauf diese Weise fort, so kann der heitere Garten auf's anmuthigsteverziert werden; aber höchst erfreulich wird sich die Anlage er-weitern, wenn der Dichter nicht von sich und aus sich alleinhandeln wollte, vielmehr auch seinen Dank, Gönnern und Freun-den zu Ehren, ausspräche, um die Lebenden mit freundlichem