Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Note» »»d Abhandlungen zum west-östliche» Diran,

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gelangt bis in den fernsten Osten, führt uns in die fremdartig-ste» Verhältnisse, worüber wir, da sie beinahe fabelhaft aus-sehen, in Verwunderung, in Erstaunen gerathen. Gelangen wiraber auch nicht sogleich über das Einzelne zur Deutlichkeit, soist doch der gedrängte Vertrag dieses weitausgreifcnden Wanderershöchst geschickt, das Gefühl des Unendlichen, Ungeheuern in unsaufzuregen. Wir befinden uns an dem Hof des Cublai Chan, -der, als Nachfolger von Dschengis, gränzenlose Landstrecken be- ^herrschte. Denn was soll man von einem Reiche und dessen Aus-dehnung halten, wo es unter anderm heißt: „Persien ist einegroße Provinz, die aus neun Königreichen besteht;" und nacheinem solchen Maaßstab wird alles Uebrige gemessen. So die ^Residenz, im Norden von China, unübersehbar; das Schloß desChans, eine Stadt in der Stadt; daselbst aufgehäufte Schätzeund Waffen; Beamte, Soldaten und Hoflente unzählbar; zuwiederholten Festmahlen jeder mit seiner Gattin berufen. Ebenso ein Landaufenthalt, Einrichtung zu allem Vergnügen, be-sonders ein Heer von Jägern, und eine Jagdlust in der größtenAusbreitung. Gezähmte Leoparden, abgerichtete Falken, diethätigsten Gehülfen der Jagenden, zahllose Beute gehäuft. Da-bei das ganze Jahr Geschenke ausgespcndet und empfangen.Gold und Silber, Juwelen, Perlen, alle Arten von Kostbar-keiten im Besitz des Fürsten und seiner Begünstigten; indessensich die übrigen Millionen von Unterthanen welchselseitig miteiner Scheinmünze abzufinden haben.

Begeben wir uns aus der Hauptstadt auf die Reise, so wissenwir vor lauter Vorstädten nicht, wo die Stadt aufhört. Wirfinden sofort Wohnung an Wohnungen, Dorf an Dörfern,und den herrlichen Fluß hinab eine Reihe von Lustorten. Allesnach Tagreisen gerechnet und nicht wenigen.

Nun zieht, vom Kaiser beauftragt, der Reisende nach an-deren Gegenden; er führt uns durch unübersehbare Wüsten,dann zu heerdenreichen Gauen, Bergreihen hinan, zu Menschenvon wunderbaren Gestalten und Sitten, und läßt uns zuletzt,über Eis und Schnee, nach der ewigen Nacht des Poles hin-schauen. Dann auf einmal trägt er uns, wie auf einem Zauber-mantel, über die Halbinsel Jndien's hinab. Wir sehen Ceylonunter uns liegen, Madagascar, Java; unser Blick irrt aufwunderlich benamste Inseln, und doch läßt er uns überall vonMenschengestalten und Sitten, von Landschaft, Bäumen, Pflan-zen und Thieren so manche Besonderheit erkennen, die für dieWahrheit seiner Anschauung bürgt, wenn gleich vieles mähr-chenhaft erscheinen möchte. Nur der wohlunterrichtete Geographkönnte dieß alles ordnen und bewähren. Wir mußten uns mitdem allgemeinen Eindruck begnügen; denn unsern ersten Stu-dien kamen keine Noten und Bemerkungen zu Hülfe.

Johannes von Montevilla.

Dessen Reise beginnt im Jahre 1320, und ist uns die Be-schreibung derselben als Volksbuch, aber leider sehr umgestaltet,zugekommen. Man gesteht dem Verfasser zu, daß er große Reisengemacht, vieles gesehen und gut gesehen, auch richtig beschrieben.Nun beliebt es ihm aber, nicht nur mit fremdem Kalbe zu pflü-gen, sondern auch alte und neue Fabeln einzuschalten, wodurchdenn das Wahre selbst seine Glaubwürdigkeit verliert. Aus der

Lateinischen Ursprache erst in's Niederdeutsche, sodann in's Ober-deutsche gebracht, erleidet das Büchlein neue Verfälschung derNamen. Auch der Uebersetzer erlaubt sich auszulasten und ein-zuschalten, wie unser Görres in seiner verdienstlichen Schriftüber die deutschen Volksbücher anzeigt, auf welche Weise Genußund Nutzen an diesem bedeutenden Werke verkümmert worden.

Pietro dclla Volle.

Aus einem uralten Römischen Geschlechte, das seinen Stamm-baum bis auf die edlen Familien der Republik zurückführendurfte, ward Pietro della Valle geboren, im Jahre 1586,zu einer Zeit, da die sämmtlichen Reiche Europens sich einer hohengeistigen Bildung erfreuten. In Italien lebte Tasso noch, ob-gleich in traurigem Zustande; doch wirkten seine Gedichte aufalle vorzügliche Geister. Die Verskunst hatte sich so weit ver-breitet, daß schon Improvisatoren hervortraten und kein jungerMann von freiern Gesinnungen des Talents entbehren durfte,sich reimweis auszudrücken. Sprachstudium, Grammatik, Red-und Stylkunst wurden gründlich behandelt, und so wuchs inallen diesen Vorzügen unser Jüngling sorgfältig gebildet heran.

Waffenübungen zu Fuß und zu Roß, die edle Fecht- undReitkunst dienten ihm zu täglicher Entwickelung körperlicher Kräfteund der damit innig verbundenen Charakterstärke. Das wüsteTreiben früherer Kreuzzüge hatte sich nun zur Kriegskunst undzu ritterlichem Wesen herangebildet, auch die Galanterie in sichaufgenommen. Wir sehen den Jüngling, wie er mehreren Schö-nen, besonders in Gedichten, den Hof macht, zuletzt aber höchstunglücklich wird, als ihn die Eine, die er sich anzueignen, mit derer sich ernstlich zu verbinden gedenkt, hintansetzt und einem Un-würdigen sich hingiebt. Sein Schmerz ist gränzenlos, und umsich Luft zu machen, beschließt er, im Pilgerkleide, nach dem hei-ligen Lande zu wallen.

Im Jahre 1614 gelangt er nach Constantinopel, wo seinadeliges, einnehmendes Wesen die beste Aufnahme gewinnt.Nach Art seiner frühern Studien wirft er sich gleich auf dieOrientalischen Sprachen, verschafft sich zuerst eine Uebersicht derTürkischen Literatur, Landesart und Sitten, und begiebt sich so-dann, nicht ohne Bedauern seiner neu erworbenen Freunde,nach Aegypten. Seinen dortigen Aufenthalt nutzt er ebenfalls,um die alterthümliche Welt und ihre Spuren in der neueren ausdas ernstlichste zu suchen und zu verfolgen: von Cairo zieht erauf den Berg Sinai, das Grab der heiligen Catharina zu ver-ehren, und kehrt, wie von einer Lustreise, zur Hauptstadt Aegyp-ten's zurück: gelangt, von da zum zweitenmale abreisend, insechzehn Tagen nach Jerusalem, wodurch das wahre Maaß derEntfernung beider Städte sich unserer Einbildungskraft auf-drängt. Dort, das heilige Grab verehrend, erbittet er sich vomErlöser, wie früher schon von der heiligen Catharina, Befreiungvon seiner Leidenschaft; und wie Schuppen fällt es ihm von denAugen, daß er ein Thor gewesen, die bisher Angebetete für dieeinzige zu halten, die eine solche Huldigung verdiene; seine Ab-neigung gegen das übrige weibliche Geschlecht ist verschwunden,er sieht sich nach einer Gemahlin um und schreibt seinen Freun-den, zu denen er bald zurückzukehren hofft, ihm eine würdigeauszusuchen.