Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Note» und Abhandlungen zum west-östlichen Divau.

Nachdem er nun alle heiligen Orte betreten und bebetet,wozu ihm die Empfehlung seiner Freunde von Constantinopel,am meisten aber ein ihm zur Begleitung mitgegebener Capighi,die besten Dienste thun, reis't er mit dem vollständigen Begriffdieser Zustände weiter, erreicht Damascus, sodann Aleppo,woselbst er sich in Syrische Kleidung hüllt und seinen Bart wachsenläßt. Hier nun begegnet ihm ein bedeutendes, schicksalbestimmen-des Abenthener. Ein Reisender gesellt sich zu ihm, der von derSchönheit und Liebenswürdigkeit einer jungenGeorgischenChristin,die sich mit den Ihrigen zu Bagdad aufhält, nicht genug zu er-zählen weiß, und Balle verliebt sich, nach ächt Orientalischer Weise,in ein Wortbild, dem er begierig entgegen reis't. Ihre Gegen-wart vermehrt Neigung und Verlangen, er weiß die Mutter zugewinnen, der Vater wird beredet, doch geben beide seiner un-gestümen Leidenschaft nur ungerne nach; ihre geliebte, unmuthigeTochter von sich zu lassen, scheint ein allzu großes Opfer. End-lich wird sie seine Gattin und er gewinnt dadurch für Leben undReise den größten Schatz. Denn ob er gleich mit adeligem Wissenund Kenntniß mancher Art ausgestattet die Wallfahrt angetretenund in Beobachtung dessen, was sich unmittelbar auf den Men-schen bezieht, so aufmerksam als glücklich, und im Betragen gegenjedermann in allen Fällen musterhaft gewesen; so fehlt es ihmdoch an Kenntniß der Natur, deren Wissenschaft sich damalsnur noch in dem engen Kreise ernster und bedächtiger Forscherbewegte. Daher kann er die Aufträge seiner Freunde, die vonPflanzen und Hölzern, von Gewürzen und Arzneien Nachrichtverlangen, nur unvollkommen befriedigen; die schöne Maaniaber, als ein liebenswürdiger Hausarzt, weiß von Wurzeln,Kräutern und Blumen, wie sie wachsen, von Harzen, Balsamen,Oelen, Samen und Hölzern, wie sie der Handel bringt, genug-sam Rechenschaft zu geben und ihres Gatten Beobachtung, derLandesart gemäß, zu bereichern.

Wichtiger aber ist diese Verbindung für Lebens - und Reise-thätigkeit. Maani, zwar vollkommen weiblich, zeigt sich vonresolutem, allen Ereignissen gewachsenem Charakter; sie fürchtetkeine Gefahr, ja sucht sie eher auf und beträgt sich überall edelund ruhig; sie besteigt auf Mannsweise das Pferd, weiß es zubezähmen und anzutreiben, und so bleibt sie eine muntere auf-regende Gefährtin. Eben so wichtig ist es, daß sie unterwegsmit den sämmtlichen Frauen in Berührung kommt, und ihrGatte daher von den Männern gut aufgenommen, bewirthetund unterhalten wird, indem sie sich auf Frauenweise mit denGattinnen zu bcthuu und zu beschäftigen weiß.

Nun genießt aber erst das junge Paar eines, bei den bis-herigen Wanderungen im Türkischen Reiche unbekannten Glücks.Sie betreten Persien im dreißigsten Jahre der Regierung Abbas'des Zweiten, der sich, wie Peter und Friedrich, den Namen desGroßen verdient. Nach einer gefahrvollen, bänglichen Jugendwird er sogleich beim Antritt seiner Regierung auf's deutlichstegewahr, wie er, um sein Reich zu beschützen, die Gränzen er-weitern müsse, und was für Mittel es gebe, auch innerliche Herr-schaft zu sichern; zugleich geht Sinnen und Trachten dahin, dasentvölkerte Reich durch Fremdlinge wieder herzustellen und denVerkehr der Gelingen durch öffentliche Wege- und Gastanstaltenzu beleben und zu erleichtern. Die größten Einkünfte undBegünstigungen verwendet er zu gränzenlosen Bauten. Jspahan,zur Hauptstadt gewürdigt, mit Pallästen und Gärten, Caravan-sereien und Häusern, für königliche Gäste übersäet; eine Vor-

stadt für die Armenier erbaut, die sich dankbar zu beweisen un-unterbrochen Gelegenheit finden, indem sie, für eigne und fürkönigliche Rechnung handelnd, Profit und Tribut dem Fürstenzu gleicher Zeit abzutragen klug genug sind. Eine Vorstadt fürGeorgier, eine andere für Nachfahren der Feueranbeter, er-weitern abermals die Stadt, die zuletzt so gränzenlos als eineunserer neuen Rcichsmittelpunkte sich erstreckt. Römisch-katho-lische Geistliche, besonders Carmeliten, sind wohl aufgenommenund beschützt; weniger die Griechische Religion, die, unter demSchutz der Türken stehend, dem allgemeinen Feinde Europensund Asiens anzugehören scheint.

Ueber ein Jahr hatte sich della Valle in Jspahan aufgehaltenund seine Zeit ununterbrochen thätig benutzt, um von allen Zu-ständen und Verhältnissen genaue Nachricht einzuziehen. Wielebendig sind daher seine Darstellungen! wie genau seine Nach-richten! Endlich, nachdem er alles ausgekostet, fehlt ihm nochder Gipfel des ganzen Zustandes, die persönliche Bekanntschaftdes von ihm so hoch bewunderten Kaisers, der Begriff, wie esbei Hof, im Gefecht, bei der Armee zugehe.

In dem Lande Mazenderan, der südlichen Küste des Caspi-schen Meers, in einer, freilich sumpfigen, ungesunden Gegend,legte sich der thätige unruhige Fürst abermals eine große Stadtan, Ferhabad genannt, und bevölkerte sie mit beorderten Bür-gern; sogleich in der Nähe erbaut er sich manchen Bergsitz aufden Höhen des amphitheatralischen Kessels, nicht allzuweit vonseinen Gegnern, den Russen und Türken, in einer durch Berg-rücken geschützten Lage. Dort residirt er gewöhnlich, und dellaValle sucht ihn auf. Mit Maani kommt er an, wird wohl em-pfangen, nach einem Orientalisch klugen, vorsichtigen Zauderndem Könige vorgestellt, gewinnt dessen Gunst und wird zur Tafelund Trinkgelagen zugelassen, wo er vorzüglich von EuropäischerVerfassung, Sitte, Religion dem schon wohlunterrichteten,wissensbegierigen Fürsten Rechenschaft zu geben hat.

Im Orient überhaupt, besonders aber in Persien, findetsich eine gewisse Naivetät und Unschuld des Betragens durch alleStände bis zur Nähe des Throns. Zwar zeigt sich auf der oberenStufe eine entschiedene Förmlichkeit, bei Audienzen, Tafeln undsonst; bald aber entsteht in des Kaisers Umgebung eine Art vonCarnevalssreiheit, die sich höchst scherzhaft ausnimmt. Er-lustigt sich der Kaiser in Gärten und Kiosken, so darf niemandin Stiefeln auf die Teppiche treten, worauf der Hof sich befindet.Ein Tartarischer Fürst kömmt an, man zieht ihm den Stiefel aus;aber er, nicht geübt auf Einem Beine zu stehen, fängt an zuwanken; der Kaiser selbst tritt nun hinzu und hält ihn, bis dieOperation vorüber ist. Gegen Abend steht der Kaiser in einemHofcirkel, in welchem goldene, weingefüllte Schalen Herumkreisen;mehrere von mäßigem Gewicht, einige aber durch einen ver-stärkten Boden so schwer, daß der ununterrichtete Gast den Weinverschüttet, wo nicht gar den Becher, zu höchster Belustigungdes Herrn und der Eingeweihten, fallen läßt. Und so trinkt manim Kreise herum, bis einer, unfähig, länger sich auf den Füßenzu halten, weggeführt wird, oder zur rechten Zeit hinwegschleicht.Beim Abschied wird dem Kaiser keine Ehrerbietung erzeigt, einerverliert sich nach dem andern, bis zuletzt der Herrscher alleinbleibt, einer melancholischen Musik noch eine Zeit lang zuhörtund sich endlich auch zur Ruhe begiebt. Noch seltsamere Ge-schichten werden aus dem Harem erzählt, wo die Frauen ihrenBeherrscher kitzeln, sich mit ihm balgen, ihn auf den Teppich zu