Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Noten und Abhandlungen zum west-östliche» Diva».

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bringen suchen, wobei er sich, unter großem Gelächter, nur mitSchimpfreden zu helfen und zu rächen sucht.

Indem wir nun dergleichen lustige Dinge von den innernUnterhaltungen des kaiserlichen Harems vernehmen, so dürfenwir nicht denken, daß der Fürst und sein Staatsdivan müssigoder nachlässig geblieben. Nicht der thätig-unruhige Geist Abbas'des Großen allein war es, der ihn antrieb, eine zweite Haupt-stadt am Caspischen Meer zu erbauen; Ferhabad lag zwar höchstgünstig zu Jagd-und Hoflnst, aber auch, von einer Bergkettegeschützt, nahe genug an der Gränze, daß der Kaiser jede Be-wegung der Russen und Türken, seiner Erbfeinde, zeitig ver-nehmen und Gegenanstalten treffen konnte. Von den Russen wargegenwärtig nichts zu fürchten, das innere Reich, durch Usur-patoren und Trugfürsten zerrüttet, genügte sich selbst nicht; dieTürken hingegen hatte der Kaiser, schon vor zwölfJahren, in derglücklichsten Feldschlacht dergestalt überwunden, daß er in derFolge von dort her nichts mehr zu befahren hatte, vielmehr nochgroße Landsstreckeu ihnen abgewann. Eigentlicher Friede jedochkonnte zwischen solchen Nachbarn sich nimmer befestigen, einzelneNeckereien, öffentliche Demonstrationen weckten beide Parteienzu fortwährender Aufmerksamkeit.

Gegenwärtig aber sieht sich Abbas zu ernsteren Krieges-rüstungen genöthigt. Völlig im urältesten Styl ruft er sein ganzesHeeresvolk in die Flächen von Aderbijan zusammen, es drängtsich in allen seinen Abtheilungen, zu Roß und Fuß, mit denmannichfaltigsten Waffen herbei; zugleich ein unendlicher Troß;denn jeder nimmt, wie bei einer Auswanderung, Weiber,Kinder und Gepäcke mit. Auch della Balle führt seine schöneMaani und ihre Frauen, zu Pferd und Sänfte, dem Heer undHofe nach, weßhalb ihn der Kaiser belobt, weil er sich hiedurchals einen angesehenen Mann beweist.

Einer solchen ganzen Nation, die sich massenhaft in Bewe-gung setzt, darf es nun auch an gar nichts fehlen, was sie zuHause allenfalls bedürfen könnte; weßhalb denn Kauf- und Han-delsleute aller Art mitziehen, überall einen flüchtigen Bazaraufschlagen, eines guten Absatzes gewärtig. Man vergleicht da-her das Lager des Kaisers jederzeit einer Stadt, worin dennauch so gute Policei und Ordnung gehandhabt wird, daß nie-mand, bei grausamer Strafe, weder fouragiren noch requiriren,viel weniger aber plündern darf, sondern von Großen und Klei-nen Alles baar bezahlt werden muß; weßhalb denn nicht alleinalle auf dem Wege liegenden Städte sich mit Vorräthen reichlichversehen, sondern auch aus benachbarten und entfernteren Pro-vinzen Lcbensmittel und Bedürfnisse unversiegbar zufließen.

Was aber lassen sich für strategische, was für taktische Ope-rationen von einer solchen organisirten Unordnung erwarten?besonders wenn man erfährt, daß alle Volks-, Stamm-undWaffenabtheilungen sich im Gefecht vermischen und, ohne be-stimmten Vorder-, Neben - und Hintermann, wie es der Zufallgiebt, durcheinander kämpfen; daher denn ein glücklich errunge-ner Sieg so leicht umschlagen und eine einzige Verlorne Schlachtaus viele Jahre hinaus das Schicksal eines Reiches bestimmenkann.

Dießmal aber kommt es zu keinem solchen furchtbaren Faust-und Waffengemenge. Zwar dringt man mit undenkbarer Be-schwerniß durch's Gebirge; aber man zaudert, weicht zurück,macht sogar Anstalten, die eigenen Städte zu zerstören, damit derFeind in verwüsteten Landstrecken umkomme. Panischer Alarm,

leere Siegesbotschaften schwanken durch einander; freventlich ab-gelehnte, stolz verweigerte Friedensbedingungen, verstellte Kampf-lust, hinterlistiges Zögern verspäten erst und begünstigen zuletzt! den Frieden. Da zieht nun ein jeder, auf des Kaisers Befehlund Strafgebot, ohne weitere Noth und Gefahr, als was er vonWeg und Gedränge gelitten, ungesäumt wieder nach Hause.

Auch della Valle finden wir zu Casbin in der Nähe desHofes wieder, unzufrieden, daß der Feldzug gegen die Türkenein so baldiges Ende genommen. Denn wir haben ihn nicht bloßals einen neugierigen Reisenden, als einen vom Zufall hin undwieder getriebenen Abentheurer zu betrachten; er hegt vielmehrseine Zwecke, die er unausgesetzt verfolgt. Persien war damalseigentlich ein Land für Fremde; Abbas' vieljährige Liberalitätzog manchen munteren Geist herbei; noch war es nicht die Zeitförmlicher Gesandtschaften; kühne, gewandte Reisende machensich geltend. Schon hatte Sherley, ein Engländer, früher sichselbst beauftragt und spielte den Vermittler zwischen Osten undWesten: so auch della Valle, unabhängig, wohlhabend, vornehm,gebildet, empfohlen, findet Eingang bei Hofe und sucht gegendie Türken zu reizen. Ihn treibt eben dasselbe Christliche Mit-gefühl, das die ersten Kreuzfahrer aufregte; er hatte die Miß-handlungen frommer Pilger am heiligen Grabe gesehen, znmTheil mit erduldet, und allen westlichen Nationen war darangelegen, daß Constantinopel von Osten her beunruhigt werde:aber Abbas vertraut nicht den Christen, die, auf eignen Vortheilbedacht, ihm zur rechten Zeit niemals von ihrer Seite Leigestan-den. Nun hat er sich mit den Türken verglichen; della Valleläßt aber nicht nach und sucht eine Verbindung Persien's mit denKosaken am schwarzen Meer anzuknüpfen. Nun kehrt er nachJspahan zurück, mit Absicht, sich anzusiedeln und die Römisch-! katholische Religion zu fordern. Erst die Verwandten seiner Frau,dann noch mehr Christen aus Georgien zieht er an sich, eine^ Georgianische Waise nimmt er an Kindesstatt an, hält sich mit' den Carmeliten, und führt nichts weniger im Sinne, als vom^ Kaiser eine Landstrecke, zu Gründung eines neuen Rom's, zuerhalten.

Nun erscheint der Kaiser selbst wieder in Jspahan, Gesandtevon allen Weltgegenden strömen herbei. Der Herrscher zu Pferd,auf dem größten Platze, in Gegenwart seiner Soldaten, derangesehensten Dienerschaft, bedeutender Fremden, deren Vor-nehmste auch alle zu Pferd niit Gefolge sich einsinken, ertheilter launige Audienzen; Geschenke werden gebracht, großer Prunkdamit getrieben, und doch werden sie bald hochfahrend ver-^ schmäht, bald darum Jüdisch gemarktet, und so schwankt diei Majestät immer zwischen dem Höchsten und Tiefsten. Sodann,i bald geheimnißvoll verschlossen im Harem, bald vor aller Augen! handelnd, sich in alles Oeffentliche einmischend, zeigt sich der! Kaiser in unermüdlicher, eigenwilliger Thätigkeit.

Durchaus auch bemerkt man einen besondern Freisinn in! Neligionssachen. Nur keinen Mahometaner darf man zum Chri-stenthum bekehren; an Bekehrungen zum Islam, die er früher. begünstigt, hat er selbst keine Freude mehr. Uebrigens mag man! glauben und vornehmen, was man will. So feiern z. B. die! Armenier gerade das Fest der Krenzestaufe, die sie in ihrer, prächtigen Vorstadt, durch welche der Fluß Senderud läuft,i seierlichst begehen. Dieser Function will der Kaiser nicht allein' mit großem Gefolge beiwohnen, auch hier kann er das Befehlen,I das Anordnen nicht lassen. Erst bespricht er sich mit den Pfaffen,