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Noten und Abhandlungen zum weil-östlichen Dinan.
was sie eigentlich vorhaben? dann sprengt er auf und ab, reitethin und her, und gebietet dem Zug Ordnung und Ruhe, mitGenauigkeit, wie er seine Krieger behandelt hatte. Nach geendigterFeier sammelt er die Geistlichen und andere bedeutende Männerum sich her, bespricht sich mit ihnen über mancherlei Neligions-meinungen und Gebräuche. Doch diese Freiheit der Gesinnunggegen andere Glaubensgenossen ist nicht bloß dem Kaiser persön-lich, sie findet bei den Schiiten überhaupt statt. Diese, demAli anhängend, der, erst vom Caliphate verdrängt, und als erendlich dazu gelangte, bald ermordet wurde, können in manchemSinne als die unterdrückte Mahometanische Religionspartei an-gesehen werden; ihr Haß wendet sich daher hauptsächlich gegendie Sunniten, welche die zwischen Mahomet und Ali eingescho-beuen Caliphen mitzählen und verehren. Die Türken sind diesemGlauben zugethan, und eine sowohl politische als religiöse Spal-tung trennt die beiden Völker. Indem nun die Schiiten ihre eignenverschieden denkenden Glaubensgenossen auf's äußerste hassen, sindsie gleichgültig gegen andere Bekenner und gewähren ihnen weiteher als ihren eigentlichen Gegnern eine geneigte Aufnahme.
Aber auch, schlimm genug! diese Liberalität leidet unter denEinflüssen kaiserlicher Willkür! Ein Reich zu bevölkern oder zuentvölkern ist dem despotischen Willen gleich gemäß. Abbas,verkleidet auf dem Lande herumschleichend, vernimmt die Miß-reden einiger Armenischen Frauen und fühlt sich dergestalt belei-digt, daß er die grausamsten Strafen über die sämmtlichenmännlichen Einwohner des Dorfes verhängt. Schrecken undBekümmerniß verbreiten sich an den Ufern des Scnderud's, unddie Vorstadt Chalfa, erst durch die Theilnahme des Kaisers anihrem Feste beglückt, versinkt in die tiefste Trauer.
Und so theilen wir immer die Gefühle großer, durch denDespotismus Wechselsweise erhöhten und erniedrigten Völker.Nun bewundern wir, auf welchen hohen Grad von Sicherheitund Wohlstand Abbas, als Selbst- und Alleinherrscher, dasReich erhoben, und zugleich diesem Zustand eine solche Dauer ver-liehen, daß seiner Nachfahren Schwäche, Thorheit, sorgelosesBetragen, erst nach neunzig Jahren das Reich völlig zu Grunderichten konnten; dann aber müssen wir freilich die Kehrseite diesesimposanten Bildes hcrvorwenden.
Da eine jede Alleinherrschaft allen Einfluß ablehnet und diePersönlichkeit des Regenten in größter Sicherheit zu bewahrenhat, so folgt hieraus, daß der Despot immerfort Verrath arg-wöhnen, überall Gefahr ahnen, auch Gewalt von allen Seitenbefürchten müsse, weil er ja selbst nur durch Gewalt seinen erha-benen Posten behauptet. Eifersüchtig ist er daher auf jeden, deraußer ihm Ansehen und Vertrauen erweckt, glänzende Fertigkei-ten zeigt, Schätze sammelt und an Thätigkeit mit ihm zu wett-eifern scheint. Nun muß aber in jedem Sinn der Nachfolger ammeisten Verdacht erregen. Schon zeugt es von einem großenGeist des königlichen Vaters, wenn er seinen Sohn ohne Neidbetrachtet, dem die Natur, in kurzem, alle bisherigen Besitzthü-mer und Erwerbnisse, ohne die Zustimmung des mächtig Wollen-den, unwiderruflich übertragen wird. Anderseits wird vom Sohnverlangt, daß er, edelmüthig, gebildet und geschmackvoll, seineHoffnungen mäßige, seinen Wunsch verberge und dem väter-lichen Schicksal auch nicht dem Scheine nach vorgreife. Unddoch, wo ist die menschliche Natur so rein und groß, so gelassenabwartend, so, unter nothwendigen Bedingungen, mit Freudethätig, daß in einer solchen Lage sich der Vater nicht über den
j Sohn, der Sohn nicht über den Vater beklage! Und wären sie^ beide engelrein, so werden sich Ohrenbläser zwischen sie stellen,die Unvorsichtigkeit wird zum Verbrechen, der Schein zum Be-weis. Wie viele Beispiele liefert uns die Geschichte! wovon wirnur des jammervollen Familienlabyrinths gedenken, in welchemwir den König Herodes befangen sehen. Nicht allein die Seinigenhalten ihn immer in schwebender Gefahr, auch ein durch Weissa-gung merkwürdiges Kind erregt seine Sorgen, und veranlaßteine allgemein verbreitete Grausamkeit, unmittelbar vor seinemTode.
Also erging es auch Abbas dem Großen: Söhne und Enkelmachte man verdächtig und sie gaben Verdacht; einer ward un-schuldig ermordet, der andere halb schuldig geblendet. Diesersprach: Mich hast du nicht des Lichts beraubt, aber das Reich.
Zu diesem unglücklichen Gebrechen der Despotie fügt sichunvermeidlich ein anderes, wobei noch zufälliger und unvorge-sehener sich Gewaltthaten und Verbrechen entwickeln. Ein jederMensch wird von seinen Gewohnheiten regiert, nur wird er,durch äußere Bedingungen eingeschränkt, sich mäßig verhaltenund Mäßigung wird ihm zur Gewohnheit. Gerade das Entge-gengesetzte findet sich bei dem Despoten; ein uneingeschränkterWille steigert sich selbst und muß, von außen nicht gewarnt,nach dem völlig Gränzenlosen streben. Wir finden hiedurch dasRäthsel gelöst, wie aus einem löblichen jungen Fürsten, dessenerste Regierungsjahre gesegnet wurden, sich nach und nach einTyrann entwickelt, der Welt zum Fluch, und zum Untergangder Seinen; die auch deßhalb öfters dieser Qual eine gewaltsameHeilung zu verschaffen genöthigt sind.
Unglücklicherweise nun wird jenes, dem Menschen eingeborne,alle Tugenden befördernde Streben in's Unbedingte seiner Wir-kung nach schrecklicher, wenn Physische Reize sich dazu gesellen.Hieraus entsteht die höchste Steigerung, welche glücklicherweisezuletzt in völlige Betäubung sich auflöst. Wir meinen den über-mäßigen Gebrauch des Weins, welcher die geringe Gränze einerbesonnenen Gerechtigkeit und Billigkeit, die selbst der Tyrannals Mensch nicht ganz verneinen kann, augenblicklich durchbrichtund ein gränzenloses Unheil anrichtet. Wende man das Gesagteauf Abbas den Großen an, der durch seine fünfzigjährige Re-gierung sich zum einzigen unbedingt Wollenden seines ausge-breiteten, bevölkerten Reichs erhoben hatte; denke man ihn sich infreimüthiger Natur, gesellig und guter Laune, dann aber durchVerdacht, Verdruß und, was am schlimmsten ist, durch übelverstandene Gerechtigkeitsliebe irre geführt, durch heftiges Trin-ken aufgeregt, und, daß wir das Letzte sagen, durch ein schnödes,unheilbares körperliches Uebel gepeinigt und zur Verzweiflunggebracht: so wird man gestehen, daß diejenigen Verzeihung, wonicht Lob verdienten, welche einer so schrecklichen Erscheinung aufErden ein Ende machten. Selig preisen wir daher gebildete Völ-ker, deren Monarch sich selbst durch ein edles sittliches Bewußt-seyn regiert; glücklich die gemäßigten, bedingten Regierungen,die ein Herrscher selbst zu lieben und zu fördern Ursache hat, weilsie ihn mancher Verantwortung überheben, ihm gar mancheReue ersparen.
Aber nicht allein der Fürst, sondern ein jeder, der durch Ver-trauen, Gunst oder Anmaßung Theil an der höchsten Machtgewinnt, kommt in Gefahr, den Kreis zu überschreiten, welchenGesetz und Sitte, Menschengefühl, Gewissen, Religion und Her-kommen, zu Glück und Beruhigung, um das Menschengeschlecht