Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Noten und Abhandlungen zum west-öftlichen Divan.

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gezogen haben. Und so mögen Minister und Günstlinge, Volks-vertreter und Volk auf ihrer Hut seyn, daß nicht auch sie, in denStrudel unbedingten Wollens hingerissen, sich und Andere un-wiederbringlich in's Verderben Hinabziehen.

Kehren wir nun zu unserem Reisenden zurück, so finden wirihn in einer unbequemen Lage. Bei aller seiner Vorliebe für denOrient muß della Balle doch endlich suhlen, daß er in einemLande wohnt, wo an keine Folge zu denken ist, und wo mit deinreinsten Willen und größter Thätigkeit kein neues Rom zu er-bauen wäre. Die Verwandten seiner Frau lassen sich nicht ein-mal durch Familienbande halten; nachdem sie eine Zeitlang zuJspahan in dem vertraulichsten Kreise gelebt, finden sie es dochgerathener, zurück au den Euphrat zu ziehen, und ihre gewohnteLebensweise dort fortzusetzen. Die übrigen Georgier zeigen wenigEifer, ja die Carmeliten, denen das große Vorhaben vorzüglicham Herzen liegen mußte, können von Rom her weder Antheilnoch Beistand erfahren.

Della Valle's Eifer ermüdet und er entschließt sich, nach Eu-ropa zurückzukehren, leider gerade zur ungünstigsten Zeit. Durchdie Wüste zu ziehen, scheint ihm unleidlich, er beschließt, über In-dien zu gehen; aber jetzt eben entspinnen sich Kriegshändel zwi-schen Portugiesen, Spaniern und Engländer wegen Ormus,dem bedeutendsten Handelsplatz, und Abbas findet seinem Vor-theil gemäß, Theil daran zu nehmen. Der Kaiser beschließt, dieunbequemen Portugiesischen Nachbarn zu bekämpfen, zu entfernenund die hülfreichen Engländer zuletzt, vielleicht durch List undVerzögerung, um ihre Absichten zu bringen und alle Vortheilesich zuzueignen.

In solchen bedenklichen Zeitläuften überrascht nun unsernReisenden das wunderbare Gefühl eigner Art, das den Menschenmit sich selbst in den größten Zwiespalt setzt, das Gefühl derweiten Entfernung vom Baterlande, im Augenblick, wo wir,unbehaglich in der Fremde, nach Hause zurückzuwandern, jaschon dort angelangt zu seyn wünschten. Fast unmöglich ist es, insolchem Fall sich der Ungeduld zu erwehren; auch unser Freundwird davon ergriffen, sein lebhafter Charakter, sein edles, tüch-tiges Selbstvertrauen täuschen ihn über die Schwierigkeiten, dieim Wege stehen. Seiner zu Wagnissen aufgelegten Kühnheit istes bisher gelungen, alle Hindernisse zu besiegen, alle Plane durch-zusetzen, er schmeichelt sich fernerhin mit gleichem Glück und ent-schließt sich, da eine Rückkehr ihm durch die Wüste unerträglichscheint, zu dem Weg über Indien, in Gesellschaft seiner schönenMaani und ihrer Pflegetochter Mariuccia.

Manches unangenehme Ereigniß tritt ein, als Vorbedeutungkünftiger Gefahr; doch zieht er über Persepolis und Schiras,wie immer aufmerkend, Gegenstände^ Sitten und Landesartgenau bezeichnend und aufzeichnend. So gelangt er an den Per-sischen Meerbusen, dort aber findet er, wie vorauszusehen gewe-sen, die sämmtlichen Häfen geschlossen, alle Schiffe, nach Kriegs-gebrauch , in Beschlag genommen. Dort am Ufer, in einer höchstungesunden Gegend, trifft er Engländer gelagert, deren Cara-vans, gleichfalls aufgehalten, einen günstigen Augenblick erpassenmöchte. Freundlich aufgenommen, schließt er sich an sie an,errichtet seine Gezelte nächst den ihrigen und eine Palmenhütte zubesserer Bequemlichkeit. Hier scheint ihm ein freundlicher Stern zuleuchten! Seine Ehe war bisher kinderlos, und zu größter Freudebeider Gatten erklärt sich Maani guter Hoffnung; aber ihn er-greift eine Krankheit, schlechte Kost und böse Lust zeigen den

schlimmsten Einfluß auf ihn, und leider auch aus Maani, siekommt zu früh nieder und das Fieber verläßt sie nicht. Ihrstandhafter Charakter, auch ohne ärztliche Hülfe, erhält sie nocheine Zeit lang, sodann aber fühlt sie ihr Ende herannahen, er-giebt sich in frommer Gelassenheit, verlangt aus der Palmen-hütte unter die Zelte gebracht zu seyn, woselbst sie, indem Ma-riuccia die geweihte Kerze hält und della Valle die herkömmlichenGebete verrichtet, in seinen Armen verscheidet. Sie hatte dasdreiundzwanzigste Jahr erreicht.

Einem solchen ungeheuren Verlust zu schmeicheln, beschließt; er fest und unwiderruflich, den Leichnam in sein Erbbegräbniß^ mit nach Rom zu nehmen. An Harzen, Balsamen und kostbarenSpecereien fehlt es ihm; glücklicherweise findet er eine Ladungl des besten Kampfers, welcher, kunstreich durch erfahrne Personen! angewendet, den Körper erhalten soll.

Hiedurch aber übernimmt er die größte Beschwerde, indem^ er so fortan den Aberglauben der Kameeltreiber, die habsüchti-^ gen Vorurtheile der Beamten, die Aufmerksamkeit der Zollbe-! dienten auf der ganzen künftigen Reise zu beschwichtigen oder zu^ bestechen hat.

Nun begleiten wir ihn nach Lar, der Hauptstadt des Lari-stan, wo er bessere Luft, gute Aufnahme findet, und die Erobe-^ rung von Ormus durch die Perser abwartet. Aber auch ihre^ Triumphe dienen ihm zu keiner Förderniß. Er sieht sich wiedernach Schiras zurückgedrängt, bis er denn doch endlich mit einem' Englischen Schiffe nach Indien geht. Hier finden wir sein Be-i tragen dem bisherigen gleich; sein standhafter Muth, seine! Kenntnisse, seine adeligen Eigenschaften verdienen ihm überall! leichten Eintritt und ehrenvolles Verweilen; endlich aber wird er! doch nach dem Persischen Meerbusen zurück und zur Heimfahrt! durch die Wüste genöthigt.

! Hier erduldet er alle gefürchteten Unbilden. Von Stamm-häuptern decimirt, taxirt von Zollbeamten, beraubt von Arabern^ und selbst in der Christenheit überall vexirt und verspätet, bringt! er doch kndlich Curiositäten und Kostbarkeiten genug, das Selt-samste und Kostbarste aber, den Körper seiner geliebten Maani,nach Rom. Dort, auf Ära Coeli, begeht er sein herrliches Leichen-fest, und als er in die Grube hinabsteigt, ihr die letzte Ehre zuerweisen, finden wir zwei Jungfräulein neben ihm, Silvia,eine während seiner Abwesenheit anmuthig herangewachseneTochter, und Tinatin di Ziba, die wir bisher unter demNamen Mariuccia gekannt, beide ungefähr fünfzehnjährig. Letz-tere, die seit dem Tode seiner Gemahlin eine treue Reisegefährtinund einziger Trost gewesen, nunmehr zu heirathen entschließt er^ sich, gegen den Willen seiner Verwandten, ja des Papstes, die^ ihm vornehmere und reichere Verbindungen zudenken. Nun be-' thätigt er, noch mehrere Jahre glanzreich, einen heftig-kühnen! und muthigen Charakter, nicht ohne Händel, Verdruß und Ge-fahr, und hinterläßt bei seinem Tode, der im sechsundsechzigsten^ Jahre erfolgt, eine zahlreiche Nachkommenschaft.

Entschuldigung.

' Es läßt sich bemerken, daß ein jeder den Weg, auf welchem! er zu irgend einer Kenntniß und Einsicht gelangt, allen übrigenI vorziehen und seine Nachfolger gern auf denselben einleiten und