Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Noten und Abhandlungen zm» west. östlichen Divan.

einweihen möchte. In diesem Sinne hab' ich Peter della Balleumständlich dargestellt, weil er derjenige Reisende war, durchden mir die Eigenthümlichkeiten des Orients am ersten und klar-sten aufgegangen, und meinem Vornrthcil will scheinen, daß ichdurch diese Darstellung erst meinem Divan einen eigenthümlichenGrund und Boden gewonnen habe. Möge dieß Anderen znr Auf-munterung gereichen, in dieser Zeit, die so reich an Blätternund einzelnen Heften ist, einen Folianten durchzulesen, durch densie entschieden in eine bedeutende Welt gelangen, die ihnen inden neuesten Reisebeschreibungen zwar oberflächlich umgeändert,im Grund aber als dieselbe erscheinen wird, welche sie dem vor-züglichen Manne zu seiner Zeit erschien.

Wer den Dichter will verstehen,

Muß in Dichters Lande gehen;

Er im Orient sich freue,

Daß das Alte sey das Neue.

Clearing.

Die Bogenzahl unserer, bis hieher abgedruckten Arbeitenerinnert uns, vorsichtiger und weniger abschweifend von nun anfortzufahren. Deßwegen sprechen wir von dem genannten treff-lichen Manne nur im Vorübergehen. Sehr merkwürdig ist es,verschiedene Nationen als Reisende zu betrachten. Wir findenEngländer, unter welchen wir Sherley und Herbert ungernvorbeigingen; sodann aber Jtaliäner; zuletzt Franzosen. Hiertrete nun ein Deutscher hervor in seiner Kraft und Würde. Lei-der war er auf seiner Reise nach dem Persischen Hof an einenMann gebunden, der mehr als Abentheurer, denn als Gesandtererscheint, in beidem Sinne aber sich eigenwillig, ungeschickt, jaunsinnig benimmt. Der Geradsinn des trefflichen Olearius läßtsich dadurch nicht irre machen; er giebt uns höchst erfreuliche undbelehrende Reiseberichte, die um so schätzbarer sind, als er nurwenige Jahre nach della Balle und kurz nach dem Tode Abbas'des Großen nach Persien kam, und bei seiner Rückkehr die Deut-schen mit Saadi dem Trefflichen durch eine tüchtige und erfreu-liche Uebersetzung bekannt machte. Ungern brechen wir ab, weilwir auch diesem Manne für das Gute, das wir ihm schuldigsind, gründlichen Dank abzutragen wünschten. In gleicher Stel-lung finden wir uns gegen die Leiden folgenden, deren Verdienstewir auch nur oberflächlich berühren dürfen.

Tavernier und Lhardin.

Ersterer, Goldschmied und Juwelenhändler, dringt mit Ver-stand und klugem Betragen, kostbar kunstreiche Waaren zu seinerEmpfehlung vorzeigend, an die Orientalischen Höfe und weiß sichüberall zu schicken und zu finden. Er gelangt nach Indien zuden Demantgrubcn, und, nach einer gefahrvollen Rückreise,wird er im Westen nicht zum freundlichsten aufgenommen. Dessenhinterlassene Schriften sind höchst belehrend, und doch wird er vonseinem Landsmann, Nachfolger und Rival Chardin nicht so-wohl im Lebensgange gehindert, als in der öffentlichen Meinungnachher verdunkelt. Dieser, der sich gleich zu Anfang seiner Reise

durch die größten Hindernisse durcharbeiten muß, versteht dennauch die Sinnesweise Orientalischer Macht- und Geldhaber, diezwischen Großmuth und Eigennutz schwankt, trefflich zu benutzen,und ihrer, beim Besitz der größten Schätze, nie zu stillendenBegier nach frischen Juwelen und fremden Goldarbeiten vielfachzu dienen; deßhalb er denn auch nicht ohne Glück und Vortheilwieder nach Hause zurückkehrt.

An diesen beiden Männern ist Verstand, Gleichmuth, Ge-wandtheit, Beharrlichkeit, einnehmendes Betragen und Stand-haftigkeit nicht genug zu bewundern, und könnte jeder Weltinannsie auf seiner Lebensreise als Muster verehren. Sie besaßen aberzwei Vortheile, die nicht einem jeden zu Statten kommen; siewaren Protestanten und Franzosen zugleich — Eigenschaften,die, zusammen verbunden, höchst fähige Individuen hervorzu-bringen im Stande sind.

Neuere und neueste Keilende.

Was wir dem achtzehnten und schon dem neunzehnten Jahr-^ hundert verdanken, darf hier gar nicht berührt werden. Die! Engländer haben uns in der letzten Zeit über die unbekanntesteni Gegenden aufgeklärt. Das Königreich Kabul, das alte Gedrosien! und Caramanien sind uns zugänglich geworden. Wer kann seinei Blicke zurückhalten, daß sie nicht über den Indus hinüberstreifenI und dort die große Thätigkeit anerkennen, die täglich weiter um! sich greift; und so muß sich denn, hiednrch gefördert, auch im Oc-! cident, die Lust nach ferner und tieferer Sprachkenntniß sich immer^ erweitern. Wenn wir bedenken, welche Schritte Geist und Fleiß^ Hand in Hand gethan haben, um aus dem beschränkten Hebräisch-! rabbinischen Kreise bis znr Tiefe und Weite des Sanscrit zu ge-langen; so erfreut man sich, seit so vielen Jahren Zeuge diesesFortschreitens zu seyn. Selbst die Kriege, die, so manches hin-dernd, zerstören, haben der gründlichen Einsicht viele Vortheilegebracht. Von den Himalajagebirgen herab sind uns die Län-dereien zu beiden Seiten des Indus, die bisher noch mährchen-haft genug geblieben, klar, mit der übrigen Welt im Zusam-menhang erschienen. Ueber die Halbinsel hinunter bis Javakönnen wir nach Belieben, nach Kräften und Gelegenheit unsereUebersicht ausdehnen und uns im Besondersten unterrichten; und^ so öffnet sich den jüngcrn Freunden des Orients eine Pforte nach^ der andern, um die Geheimnisse jener Urwelt, die Mängel einerl seltsamen Verfassung und unglücklichen Religion, so wie die^ Herrlichkeit der Poesie kennen zu lernen, in die sich reine Mensch-heit, edle Sitte, Heiterkeit und Liebe flüchtet, um uns über Ka-! stenstreit, phantastische Religionsungeheuer und abstrusen My-z fticismus zu trösten und zu überzeugen, daß doch zuletzt in ihr! das Heil der Menschheit aufbewahrt bleibe.

Lehrer;

Abgeschiedene, Mitlebende.

Sich selbst genaue Rechenschaft zu geben, von wem wir, ausunserm Lebens-und Studiengange, dieses oder jenes gelernt,wie wir nicht allein durch Freunde und Genossen, sondern auch