Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Hermann und Dorothea.

Also sprach sie, und matt erhob sich vom Strohe die bleicheWöchnerin, schaute nach mir; ich aber sagte dagegen:

Guten Menschen, fürwahr, spricht oft ein himmlischer Geist zu,Daß sie fühlen die Noth, die dem armen Bruder bevorsteht;Denn so gab mir die Mutter, im Vorgefühle von EuremJammer, ein Bündel, sogleich es der nackten Nothdurst zu reichen.Und ich lös'te die Knoten der Schnur, und gab ihr den SchlafrockUnsers Vaters dahin, und gab ihr Hemden und Leintuch.

Und sie dankte mit Freuden, und rief: Der Glückliche glaubtnicht,

Daß noch Wunder geschehn; denn nur im Elend erkennt manGottes Hand und Finger, der gute Menschen zum GutenLeitet. Was er durch Euch an uns thut, thu' er Euch selber.Und ich sah die Wöchnerin froh die verschiedene Leinwand,

Aber besonders den weichen Flanell des Schlafrocks befühlen.Eilen wir, sagte zu ihr die Jungfrau, dem Dorf zu, in welchemUnsre Gemeine schon rastet und diese Nacht durch sich aufhält;Dort besorg' ich sogleich das Kinderzeug, alles und jedes.

Und sie grüßte mich noch, und sprach den herzlichsten Dank aus,Trieb die Ochsen; da ging der Wagen. Ich aber verweilte,Hielt die Pferde noch an; denn Zwiespalt war mir im Herzen,Ob ich mit eilenden Rossen das Dorf erreichte, die SpeisenUnter das übrige Volk zu spenden, oder sogleich hierAlles dem Mädchen gäbe, damit sie es weislich vertheilte.

Und ich entschied mich gleich in meinen! Herzen, und fuhr ihrSachte nach, und erreichte sie bald, und sagte behende:

Gutes Mädchen, mir haddie Mutter nicht Leinwand alleineAuf den Wagen gegeben, damit ich den Nackten bekleide,Sondern sie fügte dazu noch Speis' und manches Getränke,

Und es ist mir genug davon im Kasten des Wagens.

Nun bin ich aber geneigt, auch diese Gaben in deineHand zu legen, und so erfüll' ich am besten den Auftrag;

Du vertheilst sie mit Sinn, ich müßte dem Zufall gehorchen.Drauf versetzte das Mädchen: Mit aller Treue verwend' ichEure Gaben; der Dürftige soll sich derselben erfreuen.

Also sprach sie. Ich öffnete schnell die Kasten des Wagens,Brachte die Schinken hervor, die schweren, brachte die Brode,Flaschen Weines und Biers, und reicht' ihr alles und jedes.Gerne hätt' ich noch mehr ihr gegeben; doch leer war der Kasten.Alles Packte sie drauf zu der Wöchnerin Füßen, und zog soWeiter; ich eilte zurück mit meinen Pferden der Stadt zu.

Als nun Hermann geendet, da nahm der gesprächige NachbarGleich das Wort, und rief: O glücklich, wer in den TagenDieser Flucht und Verwirrung in seinem Haus nur allein lebt,Wem nicht Frau und Kinder zur Seite bange sich schmiegen!Glücklich fühl' ich mich jetzt; ich möcht' um vieles nicht heuteVater heißen und nicht für Frau und Kinder besorgt seyn.Oefters dacht' ich mir auch schon die Flucht, und habe die bestenSachen zusammengepackt, das alte Geld und die KettenMeiner seligen Mutter, wovon noch nichts verkauft ist.

Freilich bliebe noch vieles zurück, das so leicht nicht geschafftwird.

Selbst die Kräuter und Wurzeln, mit vielem Fleiße gesammelt,Mißt' ich ungern, wenn auch der Werth der Waare nicht groß ist.Bleibt der Provisor zurück, so geh' ich getröstet von Hause.

Hab' ich die Baarschaft gerettet und meinen Körper, so hab' ichAlles gerettet; der einzelne Mann entfliehet am leichtsten.

Nachbar, versetzte darauf der jungeHermann, mitNachdruck,Keinesweges denk' ich wie Ihr und tadle die Rede.

Ist wohl der ein würdiger Mann, der, im Glück und imUnglück,

Sich nur allein bedenkt, und Leiden und Freuden zu theilenNicht verstehet, und nicht dazu von Herzen bewegt wird?

Lieber möcht' ich, als je, mich heute zur Heirath entschließen;Denn manch gutes Mädchen bedarf des schützenden Mannes,Und der Mann des erheiternden Weibs, wenn ihm Unglück be-vorsteht.

Lächelnd sagte darauf der Vater: So hör' ich dich gerne!Solch ein vernünftiges Wort hast du mir selten gesprochen.

Aber es fiel sogleich die gute Mutter behend ein:

Sohn, fürwahr! du hast Recht; wir Eltern gaben das Beispiel.Denn wir haben uns nicht an fröhlichen Tagen erwählet,

Und uns knüpfte vielmehr die traurigste Stunde zusammen.Montag Morgens—ich weiß es genau; denn Tages vorher warJener schreckliche Brand, der unser Städtchen verzehrte —Zwanzig Jahre sind's nun; es war ein Sonntag wie heute,Heiß und trocken die Zeit, und wenig Wasser im Orte.

Alle Leute waren, spazierend in festlichen Kleidern,

Auf den Dörfern vertheilt und in den Schenken und Mühlen.Und am Ende der Stadt begann das Feuer. Der Brand liefEilig die Straßen hindurch, erzeugend sich selber den Zugwind.Und es brannten die Scheunen der reichgesammelten Ernte,Und es brannten die Straßen bis zu dem Markt, und dasHaus war

Meines Vaters hierneben verzehrt, und dieses zugleich mit.Wenig flüchteten wir. Ich saß, die traurige Nacht durch,

Vor der Stadt aus dem Anger, die Kasten und Betten be-wahrend ;

Doch zuletzt befiel mich der Schlaf, und als nun des MorgensMich die Kühlung erweckte, die vor der Sonne herabfällt,

Sah ich den Rauch und die Gluth und die hohlen Mauern undEssen.

Da war beklemmt mein Herz; allein die Sonne ging wiederHerrlicher auf als je, und flößte mir Muth in die Seele.

Da erhob ich mich eilend. Es trieb mich, die Stätte zu sehen,Wo die Wohnung gestanden, und ob sich die Hühner gerettet,Die ich besonders geliebt; denn kindisch war mein Gemüth noch.Als ich nun über die Trümmer des Hauses und Hofes daher stieg,Die noch rauchten, und so die Wohnung wüst und zerstört sah,Kamst du zur andern Seite herauf, und durchsuchtest die Stätte.Dir war ein Pferd in dem Stalle verschüttet; die glimmendenBalken

Lagen darüber und Schutt, und nichts zu sehn war vom Thiere.Also standen wir gegen einander, bedenklich und traurig:

Denn die Wand war gefallen, die unsere Höfe geschieden.

Und du faßtest darauf mich bei der Hand an, und sagtest:Lieschen, wie kommst du hieher? Geh' weg! du verbrennest dieSohlen;

Denn der Schutt ist heiß, er sengt mir die stärkeren Stiefeln.Und du hobest mich auf, und trugst mich herüber, durch deinenHof weg. Da stand noch das Thor des Hauses mit seinemGewölbe,

Wie es jetzt steht; es war allein von allem geblieben.