Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Hermann und Dorothea.

Der ihm zur Ehre doch auch vor anderen Bürgern sich zeigte.Und so täuschte mich früh mit leerer Hoffnung die Mutter,Wenn in der Schule das Lesen und Schreiben und Lernen dirniemals

Wie den andern gelang und du immer der unterste saßest.Freilich! das kommt daher, wenn Ehrgefühl nicht im BusenEines Jünglinges lebt, und wenn er nicht höher hinauf will.Hätte mein Bater gesorgt für mich, so wie ich für dich that,Mich zur Schule gesendet und mir die Lehrer gehalten,

Ja, ich wäre was anders als Wirth zum goldenen Löwen.

Aber der Sohn stand auf und nahte sich schweigend der ThüreLangsam und ohne Geräusch; allein der Vater, entrüstet,

Rief ihm nach: So gehe nur hin! ich kenne den Trotzkopf!

Geh' und führe fortan die Wirthschaft, daß ich nicht schelte;Aber denke nur nicht, du wollest ein bäurisches MädchenJe mir bringen in's Haus, als Schwiegertochter, die Trulle!Lange hab' ich gelebt und weiß mit Menschen zu handeln,

Weiß zu bewirthen die Herren und Frauen, daß sie zufriedenVon mir weggehn; ich weiß den Fremden gefällig zu schmeicheln.Aber so soll mir denn auch ein Schwiegertöchterchen endlichWiederbegegneu und so mir die viele Mühe versüßen;

Spielen soll sie mir auch das Clavier; es sollen die schönsten,Besten Leute der Stadt sich mit Vergnügen versammeln,

Wie es Sonntags geschieht im Hause des Nachbars. Da drückteLeise der Sohn auf die Klinke, und so verließ er die Stube.

Thalia.

Die Bürger.

Also entwich der bescheidene Sohn der heftigen Rede;

Aber der Vater fuhr in der Art fort, wie er begonnen:

Was im Menschen nicht ist, kommt auch nicht aus ihm, undschwerlich

Wird mich des herzlichsten Wunsches Erfüllung jemals erfreuen,Daß der Sohn dem Vater nicht gleich sey, sondern ein beßrcr.Denn was wäre das Haus, was wäre die Stadt, wenn nichtimmer

Jeder gedächte mit Lust zu erhalten und zu erneuen,

Und zu verbessern auch, wie die Zeit uns lehrt und das Ausland!Soll doch nicht als ein Pilz der Mensch dem Boden entwachsen,Und verfaulen geschwind an dem Platze, der ihn erzeugt hat,Keine Spur nachlassend von seiner lebendigen Wirkung!

Sieht man am Hause doch gleich so deutlich, weß Sinnes derHerr sey,

Wie man, das Städtchen betretend, die Obrigkeiten beurtheilt.Denn wo die Thürme verfallen und Mauern, wo in den GräbenUnrath sich häufet, und Unrath auf allen Gassen herumliegt,Wo der Stein aus der Fuge sich rückt und nicht wieder gesetztwird,

Wo der Balken verfault und das Haus vergeblich die neueUnterstützung erwartet: der Ort ist übel regieret.

Denn wo nicht immer von oben die Ordnung und Reinlichkeitwirket,

Da gewöhnet sich leicht der Bürger zu schmutzigem Saumsal,Wie der Bettler sich auch an lumpige Kleider gewöhnet.

Darum hab' ich gewünscht, es solle sich Hermann auf ReisenBald begeben, und sehn zum wenigsten Straßburg und Frank-furt,

Und das freundliche Mannheim, das gleich und heiter gebaut ist.Denn wer die Städte gesehn, die großen und reinlichen, ruhtnicht,

Künftig die Vaterstadt selbst, so klein sie auch sey, zu verzieren.Lobt nicht der Fremde bei uns die ausgebesserten Thore,

Und den geweißten Thurm und die wohlerneuerte Kirche?Rühmt nicht jeder das Pflaster? die wasserreichen, verdeckten,Wohlvertheilten Canäle, die Nutzen und Sicherheit bringen,Daß dem Feuer sogleich beim ersten Ausbruch gewehrt sey?

Ist das nicht alles geschehn seit jenem schrecklichen Brande?Bauherr war ich sechsmal im Rath, und habe mir Beifall,Habe mir herzlichen Dank von guten Bürgern verdienet,

Was ich angab, emsig betrieben, und so auch die AnstaltRedlicher Männer vollführt, die sie unvollendet verließen.

So kam endlich die Lust in jedes Mitglied des Rathes.

Alle bestreben sich jetzt, und schon ist der neue ChausseebauFest beschlossen, der uns mit der großen Straße verbindet.

Aber ich fürchte nur sehr, so wird die Jugend nicht handeln!Denn die Einen, sie denken auf Lust und vergänglichen Putz nur;Andere hocken zu Haus und brüten hinter dem Ofen.

Und das fürcht' ich, ein solcher wird Hermann immer mir bleiben.

Und es versetzte sogleich die gute, verständige Mutter:Immer bist du doch, Vater, so ungerecht gegen den Sohn! undSo wird am wenigsten dir dein Wunsch des Guten erfüllet.Denn wir können die Kinder nach unserm Sinne nicht formen;So wie Gott sie uns gab, so muß man sie haben und lieben,Sie erziehen auf's beste und jeglichen lassen gewähren.

Denn der eine hat die, die anderen andere Gaben;

Jeder braucht sie, und jeder ist doch nur auf eigene WeiseGut und glücklich. Ich lasse mir meinen Hermann nicht schelten;Denn, ich weiß es, er ist der Güter, die er dereinst erbt,

Werth und ein trefflicher Wirth, ein Muster Bürgern undBauern,

Und im Rathe gewiß, ich seh' es voraus, nicht der Letzte.

Aber täglich mit Schelten und Tadeln hemmst du dem ArmenAllen Muth in der Brust, so wie du es heute gethan hast.

Und sie verließ die Stube sogleich, und eilte dem Sohn nach,Daß sie ihn irgendwo fänd' und ihn mit gütigen WortenWieder erfreute; denn er, der treffliche Sohn, er verdient' es.

Lächelnd sagte darauf, sobald sie hinweg war, der Vater:Sind doch ein wunderlich Volk die Weiber, so wie die Kinder!Jedes lebet so gern nach seinem eignen Belieben,

Und man sollte hernach nur immer loben und streicheln.

Einmal für allemal gilt das wahre Sprüchlein der Alten:

Wer nicht vorwärts geht, der kommt zurücke! So bleibt es.

Und es versetzte darauf der Apotheker bedächtig:

Gerne geb' ich es zu, Herr Nachbar, und sehe mich immerSelbst nach dem Besseren um, wofern es nicht theuer, doch neu ist;Aber hilft es fürwahr, wenn man nicht die Fülle des Gelds hat,Thätig und rührig zu seyn und innen und außen zu bessern?