Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Hermann und Dorothea.

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Nur zu sehr ist der Bürger beschränkt; das Gute vermag erNicht zu erlangen, wenn er es kennt; zu schwach ist sein Beutel,Das Bedürfniß zu groß; so wird er immer gehindert.

Manches hätt' ich gethan; allein wer scheut nicht die KostenSolcher Verändrung, besonders in diesen gefährlichen Zeiten!Lange lachte mir schon mein Haus im modischen Kleidchen,Lange glänzten durchaus mit großen Scheiben die Fenster;

Aber wer thut dem Kaufmann es nach, der bei seinem VermögenAuch die Wege noch kennt, aus welchen das Beste zu haben?Seht nur das Haus an da drüben, das neue! Wie Prächtig ingrünen

Feldern die Stuckatur der weißen Schnörkel sich ausnimmt!Groß sind die Tafeln der Fenster; wie glänzen und spiegeln dieScheiben,

Daß verdunkelt stehn die übrigen Häuser des Marktes!

Und doch waren die unsern gleich nach dem Brande die schönsten,Die Apotheke zum Engel so wie der goldene Löwe.

So war mein Garten auch in der ganzen Gegend berühmt, undJeder Reisende stand und sah durch die rothen StacketenNach den Bettlern von Stein, und nach den farbigen Zwergen.Wem ich den Kaffee dann gar in dem herrlichen Grottenwerkreichte,

Das nun freilich verstaubt und halb verfallen mir dasteht,

Der erfreute sich hoch des farbig schimmernden LichtesSchöngeordneter Muscheln; und mit geblendetem AugeSchaute der Kenner selbst den Bleiglanz und die Korallen.

Eben so ward in dem Saale die Malerei auch bewundert,

Wo die geputzten Herren und Damen im Garten spazierenUnd mit spitzigen Fingern die Blumen reichen und halten.

Ja, wer sähe das jetzt nur noch an! Ich gehe verdrießlichKaum mehr hinaus; denn alles soll anders seyn und geschmackvoll,Wie sie's heißen, und weiß die Latten und hölzernen Bänke,Alles ist einfach und glatt; nicht Schnitzwerk oder VergoldungWill man mehr, und es kostet das fremde Holz nun am meisten.Nun, ich wär' es zufrieden, mir auch was Neues zu schaffen,Auch zu gehn mit der Zeit und oft zu verändern den Hausrath;Aber es fürchtet sich jeder, auch nur zu rücken das Kleinste.Denn wer vermöchte wohl jetzt die Arbeitsleute zu zahlen?Neulich kam mir's in Sinn, den Engel Michael wieder,

Der mir die Officin bezeichnet, vergolden zu lassen,

Und den gräulichen Drachen, der ihm zu Füßen sich windet;Aber ich ließ ihn verbräunt, wie er ist; mich schreckte die Fordrung.

E u t e r p e.

Mutter und Sohn.

Also sprachen die Männer sich unterhaltend. Die MutterGing indessen, den Sohn erst vor dem Hause zu suchen,

Auf der steinernen Bank, wo sein gewöhnlicher Sitz war.

Als sie daselbst ihn nicht fand, so ging sie, im Stalle zu schauen,Ob er die herrlichen Pferde, die Hengste, selber besorgte,

Die er als Fohlen gekauft und die er niemand vertraute.

Und es sagte der Knecht: Er ist in den Garten gegangen.

Da durchschritt sie behende die langen doppelten Höfe,

Ließ die Ställe zurück und die wohlgezimmerten Scheunen,

Trat in den Garten, der weit bis an die Mauern des StädtchensReichte, schritt ihn hindurch, und freute sich jegliches Wachs-thums,

Stellte die Stützen zurecht, auf denen beladen die AesteRuhten des Apfelbaums, wie des Birnbaums lastende Zweige,Nahm gleich einige Raupen vom kräftig strotzenden Kohl weg;Denn ein geschäftiges Weib thut keine Schritte vergebens.

Also war sie an's Ende des langen Gartens gekommen,

Bis zur Laube mit Geisblatt bedeckt; nicht fand sie den Sohn da,Eben so wenig als sie bis jetzt ihn im Garten erblickte.

Aber nur angelehnt war das Pförtchen, das aus der Laube,

Aus besonderer Gunst, durch die Mauer des Städtchens ge-brochen

Hatte der Ahnherr einst, der würdige Burgemeister.

Und so ging sie bequem den trockenen Graben hinüber,

Wo an der Straße sogleich der wohlumzäunete WeinbergAufstieg steileren Pfads, die Fläche zur Sonne gekehret.

Auch den schritt sie hinauf, und freute der Fülle der TraubenSich im Steigen, die kaum sich unter den Blättern verbargen.Schattig war und bedeckt der hohe mittlere Laubgang,

Den man auf Stufen erstieg von unbehauenen Platten.

Und es hingen herein Gutedel und Muskateller,

Röthlich blaue darneben von ganz besonderer Größe,

Alle mit Fleiße gepflanzt, der Gäste Nachtisch zu zieren.

Aber den übrigen Berg bedeckten einzelne Stöcke,

Kleinere Trauben tragend, von denen der köstliche Wein kommt.Also schritt sie hinauf, sich schon des Herbstes erfreuendUnd des festlichen Tags, an dem die Gegend im JubelTrauben liefet und tritt, und den Most in die Fässer versammelt,Feuerwerke des Abends von allen Orten und EndenLeuchten und knallen, und so der Ernten schönste geehrt wird.Doch unruhiger ging sie, nachdem sie dem Sohne gerufenZwei-, auch dreimal, und nur das Echo vielfach zurückkam,Das von den Thürmen der Stadt, ein sehr geschwätziges, Her-klang.

Ihn zu suchen war ihr so fremd; er entfernte sich niemalsWeit, er sagt' es ihr denn, um zu verhüten die SorgeSeiner liebenden Mutter und ihre Furcht vor dem Unfall.

Aber sie hoffte noch stets, ihn doch auf dem Wege zu finden;Denn die Thüren, die untre, so wie die obre, des WeinbergsStanden gleichfalls offen. Und so nun trat sie in's Feld ein,Das mit weiter Fläche den Rücken des Hügels bedeckte.

Immer noch wandelte sie auf eigenem Boden, und freuteSich der eigenen Saat und des herrlich nickenden Kornes,

Das mit goldener Kraft sich im ganzen Felde bewegte.

Zwischen den Aeckern schritt sie hindurch, auf dem Raine, denFußpfad,

Hatte den Birnbaum im Auge, den großen, der auf dem HügelStand, die Gränze der Felder, die ihrem Hause gehörten.

Wer ihn gepflanzt, man konnt' es nicht wissen. Er war in derGegend

Weit und breit gesehn, und berühmt die Früchte des Baumes.Unter ihm pflegten die Schnitter des Mahls sich zu freuen amMittag

Und die Hirten des Viehs in seinem Schatten zu warten;

Bänke fanden sie da von rohen Steinen und Rasen.