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Hermann und Dorothea.
Und sie irrete nicht; dort saß ihr Hermann und ruhte,
Saß mit dem Arme gestützt und schien in die Gegend zu schauenJenseits, nach dem Gebirg, er kehrte der Mutter den Rücken.Sachte schlich sie hinan, und rührt' ihm leise die Schulter.
Und er wandte sich schnell; da sah sie ihm Thränen im Auge.
Mutter, sagt'er betroffen, Ihr überrascht mich! Und eiligTrocknet' er ab die Thräne, der Jüngling edlen Gefühles.
Wie? du weinest, mein Sohn? versetzte die Mutter betroffen.Daran kenn' ich dich nicht! ich habe das niemals erfahren!
Sag', was beklemmt dir das Herz? was treibt dich, einsam zusitzen
Unter dem Birnbaum hier? was bringt dir Thränen in's Auge?
Und es nahm sich zusammen der treffliche Jüngling, undsagte:
Wahrlich, dem ist kein Herz im ehernen Busen, der jetzoNicht die Noth der Menschen, der umgetriebnen, empfindet;Dem ist kein Sinn in dem Haupte, der nicht um sein eigenesWohl sich
Und um des Vaterlands Wohl in diesen Tagen bekümmert.Was ich heute gesehn und gehört, das rührte das Herz mir;Und nun ging ich heraus, und sah die herrliche, weiteLandschaft, die sich vor uns in fruchtbaren Hügeln umher schlingt;Sah die goldene Frucht den Garben entgegen sich neigen,
Und ein reichliches Obst uns volle Kammern versprechen.
Aber, ach! wie nah ist der Feind! Die Fluthen des RheinesSchützen uns zwar; doch ach! was sind nun Fluthen und BergeJenen! schrecklichen Volke, das wie ein Gewitter daherzieht!Denn sie rufen zusammen aus allen Enden die Jugend,
Wie das Alter, und dringen gewaltig vor, und die MengeScheut den Tod nicht; es dringt gleich nach der Menge dieMenge.
Ach! und ein Deutscher wagt in seinem Hause zu bleiben?
Hofft vielleicht zu entgehen dem alles bedrohenden Unfall?
Liebe Mutter, ich sag' Euch, am heutigen Tage verdrießt mich,Daß man mich neulich entschuldigt, als man die Streitendenauslas
Aus den Bürgern. Fürwahr! ich bin der einzige Sohn nur,Und die Wirthschaft ist groß, und wichtig unser Gewerbe;
Aber wär' ich nicht besser, zu widerstehen da vorneAn der Gränze, als hier zu erwarten Elend und Knechtschaft?Ja, mir hat es der Geist gesagt, und im innersten BusenRegt sich Muth und Begier, dem Vaterlande zu lebenUnd zu sterben, und andern ein würdiges Beispiel zu geben.Wahrlich, wäre die Kraft der Deutschen Jugend beisammen,An der Gränze, verbündet, nicht nachzugeben den Fremden;
O, sie sollten uns nicht den herrlichen Boden betreten,
Und vor unseren Augen die Früchte des Landes verzehren,
Nicht den Männern gebieten und rauben Weiber und Mädchen!Sehet, Mutter, mir ist im tiefsten Herzen beschlossen,
Bald zu thun und gleich, was recht mir däucht und verständig;Denn wer lange bedenkt, der wählt nicht immer das Beste.Sehet, ich werde nicht wieder nach Hause kehren! von hier ausGeh' ich gerad' in die Stadt, und übergebe den KriegernDiesen Arm und dieß Herz, dem Vaterlande zu dienen.
Sage der Vater alsdann, ob nicht der Ehre Gefühl mirAuch den Busen belebt, und ob ich nicht höher hinauf will!
Da versetzte bedeutend die gute verständige Mutter,
Stille Thränen vergießend, sie kamen ihr leichtlich in's Auge:Sohn, was hat sich in dir verändert und deinem Gemüthe,Daß du zu deiner Mutter nicht redest, wie gestern und immer,Offen und frei, und sagst, was deinen Wünschen gemäß ist?Hörte jetzt ein dritter dich reden, er würde fürwahr dichHöchlich loben und deinen Entschluß als den edelsten preisen,Durch dein Wort verführt und deine bedeutenden Reden.
Doch ich tadle dich nur; denn sieh', ich kenne dich besser:
Du verbirgst dein Herz, und hast ganz andre Gedanken.
Denn ich weiß es, dich ruft nicht die Trommel, nicht die Trom-pete,
Richt begehrst du zu scheine» in der Montur vor den Mädchen;Denn es ist deine Bestimmung, so wacker und brav du auchsonst bist,
Wohl zu verwahren das Haus und stille das Feld zu besorgen.Darum sage mir frei: was dringt dich zu dieser Entschließung?
Ernsthaft sagte der Sohn: Ihr irret, Mutter. Ein Tag istNicht dem anderen gleich. Der Jüngling reiset zum Manne;Besser im Stillen reift er zur That oft, als im GeräuscheWilden schwankenden Lebens, das manchen Jüngling verderbthat.
Und so still ich auch bin und war, so hat in der Brust mirDoch sich gebildet ein Herz, das Unrecht hasset und Unbill,
Und ich verstehe recht gut die weltlichen Dinge zu sondern;
Auch hat die Arbeit den Arm und die Füße mächtig gestärket.Alles, fühl' ich, ist wahr; ich darf es kühnlich behaupten.
Und doch tadelt Ihr mich mit Recht, o Mutter, und habt michAuf halbwahren Worten ertappt und halber Verstellung.
Denn, gesteh' ich es nur, nicht ruft die nahe Gefahr michAus dem Hause des Vaters, und nicht der hohe Gedanke,Meinem Vaterland hülfreich zu seyn und schrecklich den Feinden.Worte waren es nur, die ich sprach: sie sollten vor Euch nurMeine Gesühle verstecken, die mir das Herz zerreißen.
Und so laßt mich, o Mutter! Denn da ich vergebliche Wünsche^ Hege im Busen, so mag auch mein Leben vergeblich dahin gehn.Denn ich weiß es recht wohl: der Einzelne schadet sich selber,Der sich hingibt, wenn sich nicht alle zum Ganzen bestreben.
Fahre nur fort, so sagte darauf die verständige Mutter,Alles mir zu erzählen, das Größte wie das Geringste;
Denn die Männer sind heftig, und denken nur immer das Letzte,Und die Hinderniß treibt die Heftigen leicht von dem Wege;Aber ein Weib ist geschickt, auf Mittel zu denken, und wandeltAuch den Umweg, geschickt zu ihrem Zweck zu gelangen.
Sage mir alles daher, warum du so heftig bewegt bist,
Wie ich dich niemals gesehn, und das Blut dir wallt in denAdern,
Wider Willen die Thräne dem Auge sich dringt zu entstürzen.
Da überließ sich dem Schmerze der gute Jüngling, undweinte,
Weinte laut an der Brust der Mutter und sprach so erweichet:Wahrlich! des Vaters Wort hat heute mich kränkend getroffen,Das ich niemals verdient, nicht heut' und keinen der Tage.Denn die Eltern zu ehren, war früh mein Liebstes, und niemandSchien mir klüger zu seyn und weiser, als die mich erzeugten,