Hermann und Dorothea.
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Wer gelang es denn auch, so war der Freiersmann immerIn dem Hause der Erste bei jedem häuslichen Feste;
Denn es erinnerte sich durch's ganze Leben das Ehpaar,
Daß die geschickte Hand den ersten Knoten geschlungen.
Jetzt ist aber das alles, mit anderen guten Gebräuchen,
Aus der Mode gekommen, und jeder freit für sich selber.
Nehme denn jeglicher auch den Korb mit eigenen Händen,
Der ihm etwa bescheert ist, und stehe beschämt vor dem Mädchen!
Sey es, wie ihm auch sey! versetzte der Jüngling, der kaum aufAlle die Worte gehört, und schon sich im Stillen entschlossen.Selber geh' ich und will mein Schicksal selber erfahrenAus dem Munde des Mädchens, zu dem ich das größte VertrauenHege, das irgend ein Mensch nur je zu dem Weibe gehegt hat.Was sie sagt, das ist gut, es ist vernünftig, das weiß ich.
Soll ich sie auch zum letztenmal sehn, so will ich noch einmalDiesem offenen Blick des schwarzen Auges begegnen;
Drück' ich sie nie an das Herz, so will ich die Brust und dieSchultern
Einmal noch sehn, die mein Arm so sehr zu umschließen begehret;Will den Mund noch sehen, von dem ein Kuß und das Ja michGlücklich macht auf ewig, das Nein mich auf ewig zerstöret.Aber laßt mich allein! Ihr sollt nicht warten. BegebetEuch zu Vater und Mutter zurück, damit sie erfahren,
Daß sich der Sohn nicht geirrt, und daß es werth ist, dasMädchen.
Und so laßt mich allein! Den Fußweg über den HügelAn den Birnbaum hin, und unsern Weinberg hinunter,
Geh' ich näher nach Hause zurück. O, daß ich die TrauteFreudig und schnell heimführte! Vielleicht auch schleich' ich alleineJene Pfade nach Haus, und betrete froh sie nicht wieder.
Also sprach er und gab dem geistlichen Herren die Zügel,Der verständig sie faßte, die schäumenden Rosse beherrschend,Schnell den Wagen bestieg und den Sitz des Führers besetzte.
Aber du zaudertest noch, vorsichtiger Nachbar, und sagtest:Gerne vertrau' ich, mein Freund, Euch Seel' und Geist undGemüth an;
Aber Leib und Gebein ist nicht zum Besten verwahret,
Wenn die geistliche Hand der weltlichen Zügel sich anmaßt.
Doch du lächeltest drauf, verständiger Pfarrer, und sagtest:Sitzet nur ein, und getrost vertraut mir den Leib, wie die Seele!Denn geschickt ist die Hand schon lange, den Zügel zu führen,Und das Auge geübt, die künstlichste Wendung zu treffen.
Denn wir waren in Straßburg gewohnt den Wagen zu lenken,Als ich den jungen Baron dahin begleitete; täglichRollte der Wagen, geleitet von mir, das hallende Thor durch,Staubige Wege hinaus, bis fern zu den Auen und Linden,Mitten durch Schaaren des Volks, das mit Spazieren den Tag lebt.
Halbgetröstet bestieg darauf der Nachbar den Wagen,
Saß wie einer, der sich zum weislichen Sprunge bereitet;
Und die Hengste rannten nach Hause, begierig des Stalles.
Aber die Wolke des Staubes quoll unter den mächtigen Hufen.Lange noch stand der Jüngling, und sah den Staub sich erheben,Sah den Staub sich zerstreuen; so stand er ohne Gedanken.
E r a t o.
Dorothea.
Wie der wandernde Mann, der vor dem Sinken der SonneSie noch einmal in's Auge, die schnellverschwindende, faßte,Dann im dunkeln Gebüsch und an der Seite des FelsensSchweben siehet ihr Bild; wohin er die Blicke nur wendet,
Eilet es vor und glänzt und schwankt in herrlichen Farben:
So bewegte vor Hermann die liebliche Bildung des MädchensSanft sich vorbei, und schien dem Pfad in's Getreide zu folgen.Aber er fuhr aus dem staunenden Traum auf, wendete langsamNach dem Dorfe sich zu, und staunte wieder; denn wiederKam ihm die hohe Gestalt des herrlichen Mädchens entgegen.Fest betrachtet' er sie; es war kein Scheinbild, sie war esSelber. Den größeren Krug und einen kleinern am HenkelTragend in jeglicher Hand: so schritt sie geschäftig zum Brunnen.Und er ging ihr freudig entgegen. Es gab ihm ihr AnblickMuth und Kraft; er sprach zu seiner Verwunderten also:
Find' ich dich, wackeres Mädchen, so bald auf's neue beschäftigt,Hlllfreich andern zu seyn und gern zu erquicken die Menschen?Sag', warum kommst du allein zum Quell, der doch so entferntliegt,
Da sich andere doch mit dem Wasser des Dorfes begnügen?Freilich ist dieß von besonderer Kraft und lieblich zu kosten.Jener Kranken bringst du es wohl, die du treulich gerettet?
Freundlich begrüßte sogleich das gute Mädchen den Jüngling,Sprach: So ist schon hier der Weg mir zum Brunnen belohnet,Da ich finde den Guten, der uns so vieles gereicht hat;
Denn der Anblick des Gebers ist, wie die Gaben, erfreulich.Kommt und sehet doch selber, wer Eure Milde genossen,
Und empfanget den ruhigen Dank von allen Erquickten.
Daß Ihr aber sogleich vernehmet, warum ich gekommen,
Hier zu schöpfen, wo rein und unablässig der Quell fließt,
Sag' ich Euch dieß: es haben die unvorsichtigen MenschenAlles Wasser getrübt im Dorfe, mit Pferden und OchsenGleich durchwatend den Quell, der Wasser bringt den Bewohnern.Und so haben sie auch mit Waschen und Reinigen alleTröge des Dorfes beschmutzt und alle Brunnen besudelt;
Denn ein jeglicher denkt nur, sich selbst und das nächste BedürfnißSchnell zu besried'gen und rasch, und nicht des Folgendendenkt er.
Also sprach sie und war die breiten Stufen hinunterMit dem Begleiter gelangt; und auf das Mäuerchen setztenBeide sich nieder des Quells. Sie beugte sich über, zu schöpfen;Und er faßte den anderen Krug, und beugte sich über,
Und sie sahen gespiegelt ihr Bild in der Bläue des HimmelsSchwanken, und nickten sich zu, und grüßten sich freundlich imSpiegel.
Laß mich trinken, sagte daraus der heitere Jüngling;
Und sie reicht' ihm den Krug. Dann ruhten sie beide, vertraulichAuf die Gefäße gelehnt; sie aber sagte zum Freunde:
Sage, wie find' ich dich hier? und ohne Wagen und PferdeFerne vom Ort, wo ich erst dich gesehn? wie bist du gekommen?