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Hermann und Dorothea.
Denkend schaute Hermann zur Erde, dann hob er die BlickeRuhig gegen sie auf, und sah ihr freundlich in's Auge,
Fühlte sich still und getrost. Jedoch ihr von Liebe zu sprechen,Wär' ihm unmöglich gewesen; ihr Auge blickte nicht Liebe,
Aber hellen Verstand, und gebot verständig zu reden.
Und er faßte sich schnell, und sagte traulich zum Mädchen:
Laß mich reden, mein Kind, und deine Fragen erwiedern.Deinetwegen kam ich hierher! was soll ich's verbergen?
Denn ich lebe beglückt mit beiden liebenden Eltern,
Denen ich treulich das Haus und die Güter helfe verwalten,
Als der einzige Sohn, und unsre Geschäfte sind vielfach.
Alle Felder besorg' ich; der Vater waltet im HauseFleißig; die thätige Mutter belebt im Ganzen die Wirthschaft.Aber du hast gewiß auch erfahren, wie sehr das GesindeBald durch Leichtsinn und bald durch Untreu' plaget die Hausfrau,Immer sie nöthigt, zu wechseln und Fehler um Fehler zu tauschen.Lange wünschte die Mutter daher sich ein Mädchen im Hause,Das mit der Hand nicht allein, das auch mit dem Herzen ihrhülfe
An der Tochter Statt, der leider frühe Verlornen.
Nun, als ich heut am Wagen dich sah, in froher Gewandtheit,Sah die Stärke des Arms und die volle Gesundheit der Glieder,Als ich die Worte vernahm, die verständigen, war ich betroffen,Und ich eilte nach Hause, den Eltern und Freunden die FremdeRühmend nach ihrem Verdienst. Nun komm' ich dir aber zusagen,
Was sie wünschen, wie ich. — Verzeih' mir die stotternde Rede.
Scheuet Euch nicht, so sagte sie drauf, das Weitre zu sprechen;Ihr beleidigt mich nicht, ich hab' es dankbar empfunden.
Sagt es nur g'rad heraus; mich kann das Wort nicht erschrecken:Dingen möchtet Ihr mich als Magd für Vater und Mutter,
Zu versehen das Haus, das Wohlerhalten Euch dasteht;
Und Ihr glaubet an mir ein tüchtiges Mädchen zu finden,
Zu der Arbeit geschickt und nicht von rohem Gemüthe.
Euer Antrag war kurz; so soll die Antwort auch kurz seyn.
Ja, ich gehe mit Euch, und folge dem Rufe des Schicksals.Meine Pflicht ist erfüllt, ich habe die Wöchnerin wiederZu den Ihren gebracht, sie freuen sich alle der Rettung;
Schon sind die meisten beisammen, die übrigen werden sich finden.Alle denken gewiß in kurzen Tagen zur HcimathWiederzukehren; so pflegt sich stets der Vertriebne zu schmeicheln.Aber ich täusche mich nicht mit leichter Hoffnung in diesenTraurigen Tagen, die uns noch traurige Tage versprechen:Denn gelös't sind die Bande der Welt; wer knüpfet sie wieder,Als allein nur die Noth, die höchste, die uns bevorsteht!
Kann ich im Hause des würdigen Manns mich, dienend, ernährenUnter den Augen der trefflichen Frau, so thu' ich es gerne;Denn ein wanderndes Mädchen ist immer von schwankendemRufe.
Ja, ich gehe mit Euch, sobald ich die Krüge den FreundenWiedergebracht und noch mir den Segen der Guten erbeten.Kommt, Ihr müsset sie sehen, und mich von ihnen empfangen.
Fröhlich hörte der Jüngling des willigen Mädchens Ent-schließung,
Zweifelnd, ob er ihr nun die Wahrheit sollte gestehen.
Aber es schien ihm das Beste zu seyn, in dem Wahn sie zu lassen,
In sein Haus sie zu führen, zu werben um Liebe nur dort erst.Ach! und den goldenen Ring erblickt' er am Finger des Mädchens;Und so ließ er sie sprechen, und horchte fleißig den Worten.
Laßt uns, fuhr sie nun fort, zurücke kehren! Die MädchenWerden immer getadelt, die lange beim Brunnen verweilen;Und doch ist es am rinnenden Quell so lieblich zu schwätzen.
Also standen sie auf und schauten beide noch einmalIn den Brunnen zurück, und süßes Verlangen ergriff sie.Schweigend nahm sie darauf die beiden Krüge beim Henkel,Stieg die Stufen hinan, und Hermann folgte der Lieben.
Einen Krug verlangt' er von ihr, die Bürde zu theilen.
Laßt ihn! sprach sie; es trägt sich besser die gleichere Last so.
Und der Herr, der künftig befiehlt, er soll mir nicht dienen.
Seht mich so ernst nicht an, als wäre mein Schicksal bedenklich!Dienen lerne bei Zeiten das Weib nach ihrer Bestimmung; sDenn durch Dienen allein gelangt sie endlich zum Herrschen,
Zu der verdienten Gewalt, die doch ihr im Hause gehöret.Dienet die Schwester dem Bruder doch früh, sie dienet denEltern,
Und ihr Leben ist immer ein ewiges Gehen und Kommen,
Oder ein Heben und Tragen, Bereiten und Schaffen für andre.Wohl ihr, wenn sie daran sich gewöhnt, daß kein Weg ihr zusauer
Wird, und die Stunden der Nacht ihr sind wie die Stunden desTages,
Daß ihr niemals die Arbeit zu klein und die Nadel zu fein dünkt,Daß sie sich ganz vergißt, und leben mag nur in andern!
Denn als Mutter, fürwahr, bedarf sie der Tugenden alle,Wenn der Säugling die Krankende weckt und Nahrung begehretVon der Schwachen und so zu Schmerzen Sorgen sich häufen.Zwanzig Männer verbunden ertrügen nicht diese Beschwerde,Und sie sollen es nicht; doch sollen sie dankbar es einsetzn.
Also sprach sie, und war, mit ihrem stillen Begleiter,
Durch den Garten gekommen, bis an die Tenne der Scheune,Wo die Wöchnerin lag, die sie froh mit den Töchtern verlassen,Jenen geretteten Mädchen, den schönen Bildern der Unschuld.Beide traten hinein; und von der anderen SeiteTrat, ein Kind an jeglicher Hand, der Richter zugleich ein.Diese waren bisher der jammernden Mutter verloren;
Aber gefunden hatte sie nun im Gewimmel der Alte.
Und sie sprangen mit Lust, die liebe Mutter zu grüßen,
Sich des Bruders zu freu'n, des unbekannten Gespielen!
Auf Dorotheen sprangen sie dann und grüßten sie freundlich,Brod verlangend und Obst, vor allem aber zu trinken.
Und sie reichte das Wasser herum. Da tranken die Kinder,
Und die Wöchnerin trank, mit den Töchtern, so trank auch derRichter.
Alle waren geletzt, und lobten das herrliche Wasser;
Säuerlich war's und erquicklich, gesund zu trinken den Menschen.
Da versetzte das Mädchen mit ernsten Blicken und sagte:Freunde, dieses ist wohl das letztem«!, daß ich den Krug euchFühre zum Munde, daß ich die Lippen mit Wasser euch netze:Aber wenn euch fortan am heißen Tage der Trunk labt,
Wenn ihr im Schatten der Ruh' und der reinen Quellen genießet,