Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Reineke Fuchs.

Solchen Jammer sah ich mit an! Er eilte von bannen,

Aber ich konnt' es nicht lassen und flog mit traurigem HerzenAn die Stätte; da fand ich nur Blut und wenige FedernMeines Weibes. Ich bringe sie her, Beweise der Unthat.

Ach, erbarmt euch, gnädiger Herr! denn solltet ihr dießmalDiesen Verräther verschonen, gerechte Rache verzögern,

Eurem Frieden und eurem Geleite nicht Nachdruck verschaffen,Vieles würde darüber gesprochen, es würd' euch mißfallen.Denn man sagt: Der ist schuldig der That, der zu strafen Gewalthat,

Und nicht strafet; es spielet alsdann ein jeder den Herren.

Eurer Würde ging es zu nah'; ihr mögt es bedenken.

Also hatte der Hof die Klage des guten KaninchensUnd der Krähe vernommen. Da zürnte Nobel, der König,Rief: So sey es geschworen bei meiner ehlichen Treue,

Diesen Frevel bestraf' ich, man soll es lange gedenken!

Mein Geleit und Gebot zu verhöhnen! Ich will es nicht dulden.Gar zu leicht vertraut' ich dem Schelm und ließ ihn entkommen,Stattet' ihn selbst als Pilger noch aus und sah ihn von hinnenScheiden, als ging' er nach Rom. Was hat uns der Lügnernicht alles

Aufgeheftet! Wie wußt' er sich nicht der Königin VorwortLeicht zu gewinnen! Sie hat mich beredet, nun ist er entkommen;Aber ich werde der Letzte nicht seyn, den es bitter gereute,Frauenrath befolget zu haben. Und lassen wir längerUngestraft den Bösewicht laufen, wir müssen uns schämen.Immer war er ein Schalk und wird es bleiben. BedenketNun zusammen, ihr Herren, wie wir ihn sahen und richten!Greifen wir ernstlich dazu, so wird die Sache gelingen.

Isegrimen und Braunen behagte die Rebe des Königs.Werden wir am Ende gerochen! so dachten sie beide.

Aber sie getrauten sich nicht zu reden, sie sahen, der KönigWar verstörten Gemüths und zornig über die Maaßen.

Und die Königin sagte zuletzt: Ihr solltet so heftig,

Gnädiger Herr, nicht zürnen, so leicht nicht schwören; es leidetEuer Ansetzn dadurch und eurer Worte Bedeutung.

Denn wir sehen die Wahrheit noch keineswegs am Tage;

Ist doch erst der Beklagte zu hören. Und wär' er zugegen,Würde mancher verstummen, der wider Reineken redet.

Beide Parteien sind immer zu hören; denn mancher VerwegneKlagt um seine Verbrechen zu decken. Für klug und verständigHielt ich Reineken, dachte nichts Böses und hatte nur immerEuer Bestes vor Augen, wiewohl es nun anders gekommen.Denn sein Rath ist gut zu befolgen, wenn freilich sein LebenManchen Tadel verdient. Dabei ist seines GeschlechtesGroße Verbindung wohl zu bedenken. Es werden die SachenNicht durch Uebereilung gebessert, und was ihr beschließet,Werdet ihr dennoch zuletzt als Herr und Gebieter vollziehen.

Und Lupardus sagte darauf: Ihr höret so manchen;

Höret diesen denn auch! Er mag sich stellen, und was ihrDann beschließt, vollziehe inan gleich. So denken vermuthlichDiese sämmtlichen Herrn mit eurer edlen Gemahlin.

Isegrim sagte darauf: Ein jeder rathe zum Besten!

Herr Lupardus, höret mich an. Und wäre zur Stunde

Reineke hier und entledigte sich der doppelten KlageDieser beiden, so wär' es mir immer ein Leichtes zu zeigen,Daß er das Leben verwirkt. Allein ich schweige von allem,

Bis wir ihn haben. Und habt ihr vergessen, wie sehr er denKönig

Mit dem Schatze belogen? Den sollt' er in Hüsterlo nebenKrekelborn finden, und was der groben Lüge noch mehr war.Alle hat er betrogen, und mich und Braunen geschändet;

Aber ich setze mein Leben daran. So treibt es der LügnerAuf der Heide; nun streicht er herum und raubet und mordet.Däucht es dem Könige gut und seinen Herren, so mag manAlso verfahren. Doch wär' es ihm Ernst nach Hofe zu kommen,Hätt' er sich lange gefunden. Es eilten die Boten des KönigsDurch das Land, die Gäste zu laden, doch blieb er zu Hause.

Und es sagte der König darauf: Was sollen wir langeHier ihn erwarten? Bereitet euch alle, so sey es geboten!

Mir am sechsten Tage zu folgen; denn wahrlich das EndeDieser Beschwerden will ich erleben. Was sagen die Herren?Wär' er nicht fähig zuletzt ein Land zu Grunde zu richten?Macht euch fertig, so gut ihr nur könnt, und kommet im Harnisch,Kommt mit Bogen und Spießen und allen andern Gewehren,Und betragt euch wacker und brav! ,Es führe mir jeder,

Denn ich schlage wohl Ritter im Felde, den Namen mit Ehren.Malepartus, die Burg, belegen wir; was er im Haus hat,Wollen wir sehen. Da riefen sie alle: Wir werden gehorchen!

Also dachte der König und seine Genossen, die BesteMalepartus zu stürmen, den Fuchs zu strafen. Doch Grimbart,Der im Rathe gewesen, entfernte sich heimlich, und eilteReineken aufzusuchen und ihm die Nachricht zu bringen.Trauernd ging er und klagte vor sich, und sagte die Worte:Ach, was kann es nun werden, mein Oheim! Billig bedauertDich dein ganzes Geschlecht, du Haupt des ganzen Geschlechtes!Vor Gerichte vertratest du uns, wir waren geborgen:

Niemand konnte bestehn vor dir und deiner Gewandtheit.

So erreicht' er das Schloß, und Reineken fand er im FreienSitzen; er hatte sich erst zwei junge Tauben gefangen;

Aus dem Neste wagten sie sich, den Flug zu versuchen,

Aber die Federn waren zu kurz; sie fielen zu Boden,

Nicht im Stande sich wieder zu heben, und Reineke griff sie;Denn oft ging er umher zu jagen. Da sah er von weitemGrimbart kommen und wartete sein; er grüßt' ihn und sagte:Seyd mir, Neffe, willkommen, vor allen meines Geschlechtes!Warum laust ihr so sehr? Ihr keichet! bringt ihr was Neues?

Ihm erwiederte Grimbart: Die Zeitung, die ich vermelde,Klingt nicht tröstlich; ihr seht, ich komm' in Aengsten gelaufen;Leben und Gut ist alles verloren! Ich habe des KönigsZorn gesehen; er schwört euch zu sahen und schändlich zu tödten.Allen hat er befohlen, am sechsten Tage gewaffnetHierzu erscheinen mit Bogen und Schwert, mit Büchsen undWagen.

Alles fällt nun über euch her; bedenkt euch in Zeiten!

Isegrim aber und Braun sind mit dem Könige wiederBesser vertraut, als ich nur immer mit euch bin, und alles,Was sie wollen, geschieht. Den gräßlichsten Mörder und Räuber