Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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L36

Relncke Fuchs.

Dort ein Hirsch im Walde verborgen, den sollst du gewinnen;Fleisch und Haut und Geweih, du magst sie theuer verkaufen.Setze dich auf, wir wollen ihm nach! Das will ich wohl wagen!Sagte der Hirt, und setzte sich auf, sie eilten von dannen.

Und sie erblickten den Hirsch in kurzem, folgten behendeSeiner Spur und jagten ihm nach; er hatte den BorsprungUnd es ward dem Pferde zu sauer, da sagt' es zum Manne:Sitze was ab! ich bin müde geworden, der Ruhe bedarf ich.Nein! wahrhaftig, versetzte der Mann, du sollst mir gehorchen,Meine Sporen sollst du empfinden, du hast mich ja selberZu dem Ritte gebracht; und so bezwäng es der Reiter.

Seht, so lohnet sich der mit vielem Bösen, der andernSchaden zu bringen sich selbst mit Pein und Uebel beladet.

Ferner zeig' ich euch an, was auf dem Spiegel gebildetStand. Wie ein Esel und Hund bei einem Reichen in DienstenBeide gewesen! So war denn der Hund nun freilich der Liebling;Denn er saß beim Tische des Herrn und mit demselbenFisch und Fleisch, und ruhte wohl auch im Schooße des Gönners,Der ihm das beste Brod zu reichen Pflegte, dagegenWedelte mit dem Schwänze der Hund und leckte den Herren.Boldewyn sah das Glück des Hundes, und traurig im HerzenWard der Esel, und sagte bei sich: Wo denkt doch der Herr hin,Daß er dem faulen Geschöpfe so äußerst freundlich begegnet?Springt das Thier nicht auf ihm herum und leckt ihn am Barte!Und ich muß die Arbeit verrichten und schleppe die Säcke.

Er probir' es einmal und thu' mit fünf, ja mit zehenHunden im Jahre so viel als ich des Monats verrichte!

Und doch wird ihm das Beste gereicht, mich speis't man mitStroh ab,

Läßt auf der harten Erde mich liegen, und wo man mich hintreibtOder reitet, spottet man meiner. Ich kann und ich will esLänger nicht dulden, will auch des Herren Gunst mir erwerben.Als er so sprach, kam eben sein Herr die Straße gegangen;

Da erhub der Esel den Schwanz und bäumte sich springendUeber den Herrn, und schrie und sang und plärrte gewaltig,Leckt' ihm den Bart und wollte nach Art und Weise des HundesAn die Wange sich schmiegen, und stieß ihm einige Beulen.Aengstlich entsprang ihm der Herr und rief: O fangt mir den Esel,Schlagt ihn todt! Es kamen die Knechte, da regnet' es Prügel,Nach dem Stalle trieb man ihn fort; da blieb er ein Esel.Mancher findet sich noch von seinem Geschlechte, der andernIhre Wohlfahrt mißgönnt und sich nicht besser befindet.

Kommt dann aber einmal so einer in reichlichen Zustand,Schickt sich's grad', als äße das Schwein mit Löffeln die Suppe,Nicht viel besser fürwahr. Der Esel trage die Säcke,

Habe Stroh zum Lager und finde Disteln zur Nahrung.

Will man ihn anders behandeln, so bleibt es doch immer beimAlten.

Wo ein Esel zur Herrschaft gelangt, kann's wenig gedeihen;Ihren Vortheil suchen sie wohl, was kümmert sie weiter?

Ferner sollt ihr erfahren, mein König, und laßt euch die RedeNicht verdrießen, es stand noch auf dem Rahmen des SpiegelsSchön gebildet und deutlich beschrieben, wie ehmals mein VaterSich mit Hinzen verbündet, auf Abentheuer zu ziehen,

Und wie beide heilig geschworen, in allen GefahrenTapfer zusammen zu halten und jede Bente zu theilen.

Als sie nun vorwärts zogen, bemerkten sie Jäger und HundeNicht gar ferne vom Wege; da sagte Hinze der Kater:

Guter Rath scheint theuer zu werden! Mein Alter versetzte:Wunderlich sieht es wohl aus, doch hab' ich mit herrlichem RatheMeinen Sack noch gefüllt, und wir gedenken des Eides,

Halten wacker zusammen; das bleibt vor allen das Erste.

Hinze sagte dagegen: Es gehe, wie es auch wolle,

Bleibt mir doch ein Mittel bekannt, das denk' ich zu brauchen.Und so sprang er behend auf einen Baum, sich zu rettenVor der Hunde Gewalt, und so verließ er den Oheim.

Aengstlich stand mein Vater nun da; es kamen die Jäger.

Hinze sprach: Nun, Oheim, wie steht's? so öffnet den Sackdoch!

Ist er voll Rathes, so braucht ihn doch jetzt! die Zeit ist gekommen.Und die Jäger bliesen das Horn und riefen einander.

Lief mein Vater, so liefen die Hunde, sie folgten mit Bellen,Und er schwitzte vor Angst und häufige Losung entfiel ihm;Leichter fand er sich da, und so entging er den Feinden.Schändlich, ihr habt es gehört, verrieth ihn der nächste Ver-wandte ,

Dem er sich doch am meisten verkant. Es ging ihm an's Leben:Denn die Hunde waren zu schnell, und hätt' er nicht eiligEiner Höhle sich wieder erinnert, so war es geschehen;

Aber da schlupft' er hinein und ihn verloren die Feinde.

Solcher Bursche giebt es noch viel, wie Hinze sich damalsGegen den Vater bewies; wie sollt' ich ihn lieben und ehren?Halb zwar hab' ich's vergeben, doch bleibt noch etwas zurücke.All dieß war auf dem Spiegel geschnitten mit Bildern undWorten.

Ferner sah man daselbst ein eignes Stückchen vom Wolfe,Wie er zu danken bereit ist für Gutes, das er empfangen.

Auf dem Anger fand er ein Pferd, woran nur die KnochenUebrig waren; doch hungert' ihn sehr, er nagte sie gierig,

Und es kam ihm ein spitziges Bein die Quer' in den Kragen.Aengstlich stellt' er sich an, es war ihm übel gerathen.

Boten auf Boten sendet' er fort, die Aerzte zu rufen;

Niemand vermochte zu helfen, wiewohl er große BelohnungAllen geboten. Da meldete sich am Ende der Kranich,

Mit dem rothen Barett auf deni Haupt. Ihm flehte der Kranke:Doctor, helft mir geschwind von diesen Nöthen! ich geb' euch,Bringt ihr den Knochen heraus, so viel ihr immer begehret.Also glaubte der Kranich den Worten und steckte den SchnabelMit dem Haupt in den Rachen des Wolfes und holte den Knochen.Weh mir! heulte der Wolf, du thust mir Schaden! Es schmerzet!Laß es nicht wieder geschehn! Für heute sey es vergeben!

Wär' es ein andrer, ich hätte das nicht geduldig gelitten.

Gebt euch zufrieden! versetzte der Kranich, ihr seyd nun genesen;Gebt mir den Lohn! ich hab' ihn verdient, ich hab' euch geholfen.Höret den Gecken! sagte der Wolf. Ich habe das Uebel,

Er verlangt die Belohnung, und hat die Gnade vergessen,

Die ich ihm eben erwies. Hab' ich ihm Schnabel und Schädel,Den ich im Munde gefühlt, nicht unbeschädigt entlassen?

Hat mir der Schäker nicht Schmerzen gemacht? Ich könntewahrhaftig,

Ist von Belohnung die Rede, sie selbst am ersten verlangen.Also Pflegen die Schälke mit ihren Knechten zu handeln.

Diese Geschichten und mehr verzierten, künstlich geschnitten,Rings die Fassung des Spiegels, und mancher gegrabene Zierrath,Manche goldene Schrift. Ich hielt des köstlichen KleinodsMich nicht werth, ich bin zu gering, und sandt' es deßwegen