Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Reineke Fuchs.

L37

Meiner Frauen, der Königin, zu. Ich dachte durch solchesIhr und ihrem Gemahl mich ehrerbietig zu zeigen.

Meine Kinder betrübten sich sehr, die artigen Knaben,

Als ich den Spiegel dahin gab; sie sprangen gewöhnlich undspielten

Vor dem Glase, beschauten sich gern, sie sahen die SchwänzchenHängen vom Rücken herab und lachten den eigenen Mäulchen.Leider vermuthet' ich nicht den Tod des ehrlichen Lampe,

Da ich ihm und Bellyn auf Treu' und Glauben die SchätzeHeilig empfahl; ich hielt sie beide für redliche Leute,

Keine besseren Freunde gedacht' ich jemals zu haben.

Wehe sey über den Mörder gerufen! Ich will es erfahren,

Wer die Schätze verborgen; es bleibt kein Mörder verhohlen.Wüßte doch ein und andrer vielleicht im Kreis hier zu sagen,Wo die Schätze geblieben, und wie man Lampen getödtet!

Seht, mein gnädiger König, es kommen täglich so vieleWichtige Sachen vor euch; ihr könnt nicht alles behalten;

Doch vielleicht gedenket ihr noch des herrlichen Dienstes,

Den mein Vater dem euren an dieser Stätte bewiesen.

Krank lag euer Vater, sein Leben rettete meiner;

Und doch sagt ihr, ich habe noch nie, es habe mein VaterEuch nichts Gutes erzeigt. Beliebt mich weiter zu hören;

Sey es mit eurer Erlaubniß gesagt! Es fand sich am HofeEures Vaters der meine bei großen Würden und EhrenAls erfahrener Arzt. Er wußte das Wasser des KrankenKlug zu besehn; er half der Natur; was immer den Augen,Was den edelsten Gliedern gebrach, gelang ihm zu heilen;Kannte wohl die emetischen Kräfte, verstand auch darnebenAuf die Zähne sich gut und holte die schmerzenden spielend.Gerne glaub' ich, ihr habt es vergessen; es wäre kein Wunder;Denn drei Jahre hattet ihr nur. Es legte sich damalsEuer Vater im Winter mit großen Schmerzen zu Bette,

Ja man mußt' ihn heben und tragen. Da ließ er die AerzteZwischen hier und Rom zusammen berufen, und alleGaben ihn auf; er schickte zuletzt, man holte den Alten;

Dieser hörte die Noth und sah die gefährliche Krankheit.

Meinen Vater jammert' es sehr, er sagte: Mein König,Gnädiger Herr, ich setzte, wie gern! mein eigenes Leben,Könnt' ich euch retten, daran! Doch laßt im Glase mich euerWasser besehn. Der König befolgte die Worte des Vaters,

Aber klagte dabei, es werde je länger je schlimmer.

Auf dem Spiegel war es gebildet, wie glücklich zur StundeEuer Vater genesen. Denn meiner sagte bedächtig:

Wenn ihr Gesundheit verlangt, entschließt euch ohne Versäumniß,Eines Wolfes Leber zu speisen, doch sollte derselbeSieben Jahre zum wenigsten haben; die müßt ihr verzehren.Sparen dürft ihr mir nicht, denn euer Leben betrifft es;

Euer Wasser zeuget nur Blut, entschließt euch geschwinde!

In dem Kreise befand sich der Wolf und hört' es nicht gerne.Euer Vater sagte darauf: Ihr habt es vernommen!

Höret, Herr Wolf, ihr werdet mir nicht zu meiner GenesungEure Leber verweigern. Der Wolf versetzte dagegen:

Nicht fünf Jahre bin ich geboren! was kann sie euch nutzen?Eitles Geschwätz! versetzte mein Vater. Es soll uns nicht hindern;Au der Leber seh' ich das gleich. Es mußte zur StelleNach der Küche der Wolf, und brauchbar fand sich die Leber.Euer Vater verzehrte sie stracks; zur selbigen StundeWar er von aller Krankheit besreit und allen Gebrechen.

Meinem Vater dankt' er genug, es mußt' ihn ein jederDoctor heißen am Hofe, man durft' es niemals vergessen.

Also ging mein Vater beständig dem König zur Rechten.

Euer Vater verehrt' ihm hernach, ich weiß es am besten,

Eine goldne Spange mit einem rothen Barette,

Sie vor allen Herren zu tragen; so haben ihn alleHoch in Ehren gehalten. Es hat sich aber mit seinemSohne leider geändert, nnd an die Tugend des VatersWird nicht weiter gedacht. Die allergicrigsten SchälkeWerden erhoben, und Nutz und Gewinn bedenkt man alleine,Recht und Weisheit stehen zurück. Es werden die DienerGroße Herren, das muß der Arme gewöhnlich entgelten.

Hat ein solcher Macht und Gewalt, so schlägt er nur blindlingsUnter die Leute, gedenket nicht mehr, woher er gekommen;Seinen Vortheil gedenkt er aus allem Spiele zu nehmen.

Um die Großen finden sich viele von diesem Gelichter.

Keine Bitte hören sie je, wozu nicht die GabeGleich sich reichlich gesellt, und wenn sie die Leute bescheiden,Heißt es: Bringt nur! und Bringt! zum ersten, zweiten unddritten.

Solche gierige Wölfe behalten köstliche Bissen

Genie für sich, und wär' es zu thun, mit kleinem Verluste

Ihres Herren Leben zu retten, sie trügen Bedenken.

Wollte der Wolf doch die Leber nicht lassen, dem König zu dienen!Und was Leber! ich sag' es heraus! es möchten auch zwanzigWölfe das Leben verlieren, behielte der König und seineTheure Gemahlin das ihre, so wär' es weniger Schade.

Denn ein schlechter Sanie, was kann er Gutes erzeugen?

Was in eurer Jugend geschah, ihr habt es vergessen;

Aber ich weiß es genau, als wär' es gestern geschehen.

Auf dem Spiegel stand die Geschichte, so wollt' es mein Vater;Edelsteine zierten das Werk und goldene Ranken.

Könnt' ich den Spiegel erfragen, ich wagte Vermögen nnd Leben.

Reineke, sagte der König, die Rede hab' ich verstanden,Habe die Worte gehört, nnd was du alles erzähltest.

War dein Vater so groß hier am Hofe und hat er so vieleNützliche Thaten gethan, das inag wohl lange schon her seyn.Ich erinnre mich's nicht, auch hat mir's niemand berichtet.Eure Händel dagegen, die kommen mir öfters zu Ohren;Immer seyd ihr im Spiele, so hör' ich wenigstens sagen.

Thun sie euch Unrecht damit und sind es alte Geschichten,Möcht' ich einmal was Gutes vernehmen; es findet sich selten.

Herr! versetzte Reineke drauf, ich darf mich hierüberWohl erklären vor euch; denn mich betrifft ja die Sache.

Gutes hab' ich euch selber gethan! Es sey euch nicht etwaVorgeworfen; behüte mich Gott! ich erkenne mich schuldig,

Euch zu leisten, so viel ich vermag. Ihr habt die GeschichteGanz gewiß nicht vergessen. Ich war mit Isegrim glücklich,Einst ein Schwein zu erjagen, es schrie, wir bissen es nieder.Und ihr kamt und klagtet so sehr, und sagtet, es kämeEure Frau noch hinter euch drein, und theilte nur jemandWenige Speise mit euch, so wär' euch beiden geholfen.

Gebet von euren: Gewinne was ab! so sagtet ihr damals.Isegrim sagte wohl: Ja! doch murmelt' er unter dem Barte,Daß man kaum es verstand. Ich aber sagte dagegen:

Herr! es ist euch gegönnt, und wären's der Schweine die Menge.