Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Reineke Fuchs.

Sagt', wer soll es vertheilen? Der Wolf! versetztet ihr wieder.Isegrim freute sich sehr; er theilte, wie er gewohnt war,

Ohne Scham und Scheu, und gab euch eben ein Viertheil,Eurer Frauen das andre, und er fiel über die Hälfte,

Schlang begierig hinein, und reichte mir außer den OhrenNur die Nase noch hin und eine Halste der Lunge;

Alles andre behielt er für sich, ihr habt es gesehen.

Wenig Edelmuth zeigt' er uns da. Ihr wißt es, mein König!Euer Theil verzehrtet ihr bald, doch merkt' ich, ihr hattetNicht den Hunger gestillt, nur Isegrim wollt' es nicht sehen,

Aß und kante so fort und bot euch nicht das Geringste.

Aber da traft ihr ihn auch mit euren Tatzen gewaltigHinter die Ohren, verschobt ihm das Fell; mit blutiger GlatzeLief er davon, mit Beulen am Kopf und heulte vor Schmerzen.Und ihr rieft ihm noch zu: Komm' wieder, lerne dich schämen!Theilst du wieder, so triff mir's besser, sonst will ich dir's zeigen.Jetzt mach' eilig dich fort und bring' uns ferner zu essen!

Herr! gebietet ihr das? versetzt' ich. So will ich ihm folgen,Und ich weiß, ich hole schon was. Ihr war't es zufrieden.Ungeschickt hielt sich Isegrim damals; er blutete, seufzte,

Klagte mir vor; doch trieb ich ihn an, wir jagten zusammen,Fingen ein Kalb. Ihr liebt euch die Speise. Und als wir esbrachten,

Fand sich's fett; ihr lachtet dazu, und sagtet zu meinemLobe manch freundliches Wort; ich wäre, meintet ihr, trefflichAuszusenden zur Stunde der Noth, und sagtet darneben:

Theile das Kalb! Da sprach ich: Die Hälfte gehöret schon euer!Und die Hälfte gehört der Königin; was sich im LeibeFindet, als Herz und Leber und Lunge, gehöret, wie billig,Euren Kindern; ich nehme die Füße, die lieb' ich zu nagen,

Und das Haupt behalte der Wolf, die köstliche Speise.

Als ihr die Rede vernommen, versetztet ihr: Sage! wer hat dichSo nach Hofart theilen gelehrt? ich möcht' es erfahren.

Da versetzt' ich: Mein Lehrer ist nah; denn dieser, mit rothemKopfe, mit blutiger Glatze, hat mir das Verständniß geöffnet.Ich bemerkte genau, wie er heut frühe das FerkelTheilte, da lernt' ich den Sinn von solcher Theilung begreifen;Kalb oder Schwein, ich find' es nun leicht, und werde nicht fehlen.Schaden und Schande befiel den Wolf und seine Begierde.Seines Gleichen giebt es genug! Sie schlingen der GüterReichliche Früchte zusammt den Unterfassen hinunter.

Alles Wohl zerstören sie leicht, und keine VerschonungIst zu erwarten, und wehe dem Lande, das selbige nähret!

Seht, Herr König, so hab' ich euch oft in Ehren gehalten.Alles, was ich besitze und was ich nur immer gewinne,

Alles widm' ich euch gern und eurer Königin; sey esWenig oder auch viel, ihr nehmt das meiste von allem.

Wenn ihr des Kalbes und Schweines gedenkt, so merkt ihr dieWahrheit,

Wo die rechte Treue sich findet. Und dürste wohl etwaIsegrim sich mit Reineken messen? Doch leider im AnsetznSteht der Wolf als oberster Vogt und alle bedrängt er.

Euren Vortheil besorgt er nicht sehr; zum Halben und GanzenWeiß er den seinen zu fördern. So führt er freilich mit BraunenNun das Wort, und Reinekens Rede wird wenig geachtet.Herr! es ist wahr, man hat mich verklagt, ich werde nichtweichen;

Denn ich muß nun hindurch, und also sey es gesprochen:

Ist hier einer, der glaubt zu beweisen, so komm' er mit Zeugen,Halte sich fest an die Sache und setze gerichtlich zum PfandeSein Vermögen, sein Ohr, sein Leben, wenn er verlöre,

Und ich setze das Gleiche dagegen. So hat es zu RechteStets gegolten! so halte man's noch, und alle die Sache,

Wie man sie für und wider gesprochen, sie werde getreulichSolcherweise geführt und gerichtet; ich darf es verlangen!

Wie es auch sey, versetzte der König, am Wege des RechtesWill und kann ich nicht schmälern, ich hab' es auch niemals ge-litten.

Groß ist zwar der Verdacht, du habest an Lampens ErmordungTheil genommen, des redlichen Boten! Ich liebt' ihn besondersUnd verlor ihn nicht gern, betrübte mich über die Maaßen,

Als man sein blutiges Haupt aus deinem Ränzel heraus zog:Aus der Stelle büßt' es Bellyn, der böse Begleiter;

Und du magst die Sache nun weiter gerichtlich verfechten.

Was mich selber betrifft, vergeb' ich Reineken alles;

Denn er hielt sich zu mir in manchen bedenklichen Fällen.

Hätte weiter jemand zu klagen, wir wollen ihn hören:

Stell' er unbescholtene Zeugen, und bringe die KlageGegen Reineken ordentlich vor; hier steht er zu Rechte!

Reineke sagte: Gnädiger Herr! ich danke zum besten.

Jeden hört ihr und jeder genießt die Wohlthat des Rechtes.

Laßt mich heilig betheuern, mit welchem traurigen HerzenIch Bellyn und Lampen entließ; mir ähnele, glaub' ich,

Was den beiden sollte geschehen, ich liebte sie zärtlich.

So staffirte Reineke klug Erzählung und Worte.

Jedermann glaubt' ihm; er hatte die Schätze so zierlich beschrieben,Sich so ernstlich betragen, er schien die Wahrheit zu reden;

Ja man sucht' ihn zu trösten. Und so betrog er den König,Dem die Schätze gefielen; er hätte sie gerne besessen.

Sagte zu Reineken: Gebt euch zufrieden! ihr reiset und suchetWeit und breit, das Verlorne zu finden, das Mögliche thut ihr;Wenn ihr meiner Hülfe bedürft, sie steht euch zu Diensten.

Dankbar, sagte Reineke drauf, erkenn' ich die Gnade;

Diese Worte richten mich auf und lassen mich hoffen.

Raub und Mord zu bestrafen ist eure höchste Behörde.

Dunkel bleibt mir die Sache, doch wird sich's finden; ich seheMit dem größten Fleiße darnach, und werde des TagesEmsig reisen und Nachts, und alle Leute befragen.

Hab' ich erfahren, wo sie sich finden, und kann sie nicht selberWieder gewinnen, wär' ich zu schwach, so bitt' ich um Hülfe;Die gewährt ihr alsdann und sicher wird es gerathen.

Bring' ich glücklich die Schätze vor euch, so find' ich am EndeMeine Mühe belohnt und meine Treue bewähret.

Gerne hört' es der König und fiel in allem und jedemReineken bei, der hatte die Lüge so künstlich geflochten.

Alle die andern glaubten es auch; er durfte nun wiederReisen und gehen, wohin ihm gefiel und ohne zu fragen.

Aber Isegrim konnte sich länger nicht halten, und knirschendSprach er: Gnädiger Herr! So glaubt ihr wieder dem Diebe,Der euch zwei- und dreifach belog! wen sollt' es nicht wundern!