Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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440 Reiiickl

Eine Woche mir Frist, mit meinen Freunden zn sprechen,

Was für Antwort dem Wolf und seiner Klage gebühret.

Gieremund sagte darauf: In eurem Treiben und WesenIst nur Schalkheit, wir wissen es Wohl, und Lügen und Trügen,Büberei, Täuschung und Trotz. Wer euren verfänglichen RedenGlaubt, wird sicher am Ende beschädigt; immer gebraucht ihrLose, verworrene Worte. So hab' ichs am Borne gefunden.

Denn zwei Eimer hingen daran, ihr hattet in einen,

Weiß ich warum? euch gesetzt und war't hernieder gefahren;

Nun vermochtet ihr nicht, euch selber wieder zu heben,

Und ihr klagtet gewaltig. Des Morgens kam ich zum Brunnen,Fragte: Wer bracht' euch herein? Ihr sagtet: Kommt ihr docheben,

Liebe Gevatterin, recht! ich gönn' euch jeglichen Vortheil;

Steigt in den Eimer da droben, so fahrt ihr hernieder und essetHier an Fischen euch satt. Ich war zum Unglück gekommen;Denn ich glaubt' es; ihr schwurt noch dazu, ihr hättet so vieleFische verzehrt, es schmerz' euch der Leib. Ich ließ mich beth'ören,Dumm, wie ich war, und stieg in den Eimer; da ging er hernieder,Und der andre wieder herauf, ihr kamt mir entgegen.

Wunderlich schien mir's zu seyn; ich fragte voller,Erstaunen:Sagt, wie gehet das zu? Ihr aber sagtet dawider:

Auf und ab, so geht's in der Welt, so geht es uns beiden.

Ist es doch also der Lauf: erniedrigt werden die einenUnd die andern erhöht, nach eines jeglichen Tugend.

Aus dem Eimer sprangt ihr und liest und eiltet von dannen.

Aber ich saß im Brunnen bekümmert, und mußte den Tag laugHarren, und Schläge genug am selbigen Abend erdulden,

Eh' ich entkam. Es traten zum Brunnen einige Bauern,

Sie bemerkten mich da. Von grimmigem Hunger gepeinigtSaß ich in Trauer und Angst, erbärmlich war mir zu Muthe.Unter einander sprachen die Bauern: Da sieh nur, im EimerSitzt da nuten der Feind, der unsre Schafe vermindert.

Hol' ihn herauf! versetzte der eine. Ich halte mich fertigUnd empfang' ihn am Rand; er soll uns die Lämmer bezahlen!Wie er mich aber empfing, das war ein Jammer! Es sielenSchläg' auf Schläge nur über den Pelz; ich hatte mein LebenKeinen traurigern Tag, und kaum entrann ich dem Tode.

Reineke sagte darauf: Bedenkt genauer die Folgen,

Und ihr findet gewiß, wie heilsam die Schläge gewesen.

Ich für meine Person niag lieber dergleichen entbehren,

Und wie die Sache stand, so mußte wohl eines von beidenSich mit den Schlägen beladen, wir konnten zugleich nicht ent-gehen.

Wenn ihr's euch merkt, so nutzt es euch wohl, und künftig ver-traut ihr

Keinem so leicht in ähnlichen Fällen. Die Welt ist voll Schalkheit.

Ja, versetzte der Wolf, was braucht es weiter Beweise!Niemand verletzte mich mehr, als dieser böse Berräther.

Eines erzählt' ich noch nicht, wie er in Sachsen mich einmalUnter das Affengeschlecht zu Schand' und Schaden gefllhrct.

Er beredete mich, in eine Höhle zu kriechen,

Und er wußte voraus, es würde mir Uebels begegnen.

Wär' ich nicht eilig entflohn, ich wäre um Augen und OhrenDort gekommen. Er sagte vorher mit gleißenden Worten,

Fuchs.

Seine Frau Muhme sind' ich daselbst; er meinte die Aeffin.Doch es verdroß ihn, daß ich entkam. Er schickte mich tückischIn das abscheuliche Nest; ich dacht', es wäre die Hölle.

Reineke sagte darauf vor allen Herren des Hofes:

Isegrim redet verwirrt, er scheint nicht völlig bei Sinnen.

Von der Aeffin will er erzählen; so sag' er es deutlich.

Drittehalb Jahre sind's her, als nach dem Lande zu SachsenEr mit großem Prassen gezogen, wohin ich ihm folgte.

Das ist wahr, das übrige lügt er. Es waren nicht Affen,Meerkatzen waren's, von welchen er redet; und nimmermehrwerd' ich

Diese für meine Muhmen erkennen. Martin, der Affe,

Und Frau Rückenau sind mir verwandt; sie ehr' ich als Muhme,Ihn als Vetter, und rühme mich deß. Notarius ist erUnd versteht sich aus's Recht. Doch was von jenen GeschöpfenIsegrim sagt, geschieht mir zum Hohn; ich habe mit ihnenNichts zu thun und nie sind's meine Verwandten gewesen;Denn sie gleichen dem höllischen Teufel. Und daß ich die AlteDamals Muhme geheißen, das that ich mit gutem Bedachte.Nichts verlor ich dabei, das will ich gerne gestehen;

Gut gastirte sie mich, sonst hätte sie mögen ersticken.

Seht, ihr Herren! wir hatten den Weg zur Seite gelassen,Gingen hinter dem Berg, und eine düstere Höhle,

Tief und lang, bemerkten wir da. Es fühlte sich aberIsegrim krank, wie gewöhnlich, vor Hunger. Wann hätt' ihn auchjemals

Einer so satt gesehen, daß er zufrieden gewesen?

Und ich sagte zu ihm: In dieser Höhle befindetSpeise fürwahr sich genug; ich zweifle nicht, ihre BewohnerTheilen gerne mit uns, was sie haben, wir kommen gelegen.Isegrim aber versetzte darauf: Ich werde, mein Oheim,

Unter dem Baume hier warten; ihr seyd in allem geschickter,Neue Bekannte zu machen; und wenn euch Essen gereicht wirdThut mir's zu wissen! So dachte der Schalk auf meine Gefahr erstAbzuwarten, was sich ergäbe; ich aber begab michIn die Höhle hinein. Nicht ohne Schauer durchwandert'

Ich den langen und krummen Gang, er wollte nicht enden.Aber was ich dann fand — den Schrecken wollt ich um vielesRothes Gold nicht zweimal in meinem Leben erfahren!

Welch ein Nest voll häßlicher Thiere, großer und kleiner!

Und die Mutter dabei, ich dacht', es wäre der Teufel.

Weit und groß ihr Maul mit langen häßlichen Zähnen,

Lange Nägel an Händen und Füßen und hinten ein langerSchwanz an den Rücken gesetzt; so was Abscheuliches hab' ichNicht im Leben gesehn! Die schwarzen leidigen KinderWaren seltsam gebildet wie lauter junge Gespenster.

Gräulich sah sie mich an. Ich dachte: Wär' ich von dannen!Größer war sie als Isegrim selbst, und einige KinderFast von gleicher Statur. Im faulen Heue gebettetFand ich die garstige Brüt und über und über beschlabbertBis an die Ohren mit Koth; es stank in ihrem ReviereAerger als höllisches Pech. Die reine Wahrheit zu sagen,

Wenig gefiel es mir da; denn ihrer waren so viele,

Und ich stand nur allein; sie zogen gräuliche Fratzen.

Da besann ich mich denn und einen Ausweg versucht' ich,Grüßte sie schön — ich meint' es nicht so — und wußte sofreundlich