Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Reineke Fuchs.

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Und bekannt mich zu stellen. Frau Muhme! sag!' ich zur Alten,Vettern hieß ich die Kinder, und ließ es an Worten nicht fehlen.Spar' euch der gnädige Gott auf lange glückliche Zeiten!

Sind das eure Kinder? Fürwahr! ich sollte nicht fragen;

Wie behagen sie mir! Hilf Himmel! wie sie so lustig,

Wie sie so schön sind! Man nähme sie alle für Söhne des Königs.Seyd mir vielmal gelobt, daß ihr mit würdigen SprossenMehret unser Geschlecht; ich freue mich über die Maaßen.Glücklich find' ich mich nun, von solchen Oehmen zu wissen;Denn zu Zeiten der Noth bedarf man seiner Verwandten.

Als ich ihr so viel Ehre geboten, wiewohl ich es andersMeinte, bezeigte sie mir von ihrer Seite deßgleichen,

Hieß mich Oheim, und that so bekannt, so wenig die NärrinAuch zu meinem Geschlechte gehört. Doch konnte für dießmalGar nicht schaden sie Muhme zu heißen. Ich schwitzte dazwischenUeber und über vor Angst; allein sie redete freundlich:

Reineke, werther Verwandter, ich heiß' euch schönstens will-kommen !

Seyd ihr auch wohl? Ich bin euch mein ganzes Leben ver-bunden,

Daß ihr zu mir gekommen. Ihr lehret kluge GedankenMeine Kinder fortan, daß sie zu Ehren gelangen.

Also hört' ich sie reden; das hatt' ich mit wenigen Worten,

Daß ich sie Muhme genannt und daß ich die Wahrheit geschonet,Reichlich verdient. Doch wär' ich so gern im Freien gewesen.Aber sie ließ mich nicht fort und sprach: Ihr dürfet, mein Oheim,Unbewirthet nicht weg! Verweilet, laßt euch bedienen!

Und sie brachte mir Speise genug; ich wüßte sie wahrlichJetzt nicht alle zu nennen; verwundert war ich zum höchsten,Wie sie zu allem gekommen. Von Fischen, Rehen und andermGuten Wildpret, ich speiste davon, es schmeckte mir herrlich.Als ich zur Gniige gegessen, belud sie mich über das alles,Bracht' ein Stück vorn Hirsche getragen; ich sollt' es nach HauseZu den Meinigen bringen, und ich empfahl mich zum besten.Reineke, sagte sie noch, besucht mich öfters! Ich hätte,

Was sie wollte, versprochen; ich machte, daß ich herauskam.Lieblich war es nicht da für Augen und Nase, ich hätteMir den Tod beinahe geholt; ich suchte zu fliehen,

Lief behende den Gang bis zu der Oeffnung am Baume.Isegrim lag und stöhnte daselbst; ich sagte: Wie geht's euch,Oheim? Er sprach: Nicht wohl! ich muß vor Hunger verderben.Ich erbarmte mich seiner und gab ihm den köstlichen Braten,Den ich mit mir gebracht. Er mit großer Begierde,

Vielen Dank erzeigt' er mir da; nun hat er's vergessen!

Als er nun fertig geworden, begann er: Laßt mich erfahren,Wer die Höhle bewohnt. Wie habt ihr's drinne gefunden?

Gut oder schlecht? Ich sagt' ihm darauf die lauterste Wahrheit,Unterrichtet' ihn wohl. Das Nest sey böse, dagegenFinde sich drin viel köstliche Speise. Sobald er begehreSeinen Theil zu erhalten, so mög' er kecklich hineingehn,

Nur vor allem sich hüten die grade Wahrheit zu sagen.

Soll es euch nach Wünschen ergehn, so spart mir die Wahrheit!Wiederholt' ich ihm noch. Denn führt sie jemand beständigUnklug im Mund, der leidet Verfolgung, wohin er sich wendet;Ueberall steht er zurück, die andern werden geladen.

Also hieß ich ihn gehn; ich lehrt' ihn, was er auch fände,

Sollt' er reden, was jeglicher gerne zu hören begehret,

Und man werd' ihn freundlich empfangen. Das waren die Worte,

Gnädiger König und Herr, nach meinem besten Gewissen.

Aber das Gegentheil that er hernach, und kriegt' er darüberEtwas ab, so hab' er es auch! er sollte mir folgen.

Grau sind seine Zotteln fürwahr, doch sucht man die WeisheitNur vergebens dahinter. Es achten solche GesellenWeder Klugheit noch feine Gedanken; es bleibet dem groben,Tölpischen Volke der Werth von aller Weisheit verborgen.Treulich schärft' ich ihm ein, die Wahrheit dießmal zu sparen.Weiß ich doch selbst, was sich ziemt! versetzt' er trotzig dagegen,Und so trabt' er die Höhle hinein; da hat er's getroffen.

Hinten saß das abscheuliche Weib; er glaubte den TeufelVor sich zu sehn! die Kinder dazu! Da rief er betroffen:

Hülfe! Was für abscheuliche Thiere! Sind diese GeschöpfeEure Kinder? Sie scheinen fürwahr ein Höllengesindel.

Geht, ertränkt sie, das wäre das Beste! damit sich die Brütnicht

Ueber die Erde verbreite! Wenn es die Meinigen wären,

Ich erdrosselte sie. Man finge wahrlich mit ihnenJunge Teufel, man brauchte sie nur in einem MorasteAuf das Schilf zu binden, die garstigen, schmutzigen Rangen!Ja Mooraffen sollten sie heißen, da paßte der Name!

Eilig versetzte die Mutter und sprach mit zornigen Worten:Welcher Teufel schickt uns den Boten? Wer hat euch gerufenHier uns grob zu begegnen? Und meine Kinder! Was habt ihr,Schön oder häßlich, mit ihnen zu thun? So eben verläßt unsReineke Fuchs, der erfahrene Mann, der muß es verstehen;Meine Kinder, betheuert' er hoch, er finde sie sämmtlichSchön und sittig, von guter Manier; er mochte mit FreudenSie für seine Verwandten erkennen. Das hat er uns allesHier an diesem Platz vor einer Stunde versichert.

Wenn sie euch nicht, wie ihm, gefallen, so hat euch wahrhaftigNiemand zu kommen gebeten. Das mögt ihr, Isegrim, wissen.Und er forderte gleich von ihr zu essen, und sagte:

Holt herbei, sonst helf' ich euch suchen! Was wollen die RedenWeiter helfen? Er machte sich dran und wollte gewaltsamIhren Vorrath betasten; das war ihm übel gerathen!

Denn sie warf sich über ihn her, zerbiß und zerkratzt' ihmMit den Nägeln das Fell und klaut' und zerrt' ihn gewaltig;Ihre Kinder thaten das Gleiche, sie bissen und krammtenGräulich auf ihn; da heult' er und schrie mit blutigen Wangen,Wehrte sich nicht und lief mit hastigen Schritten zur Oeffnung.Uebel zerbissen sah ich ihn kommen, zerkratzt, und die FetzenHingen herum; ein Ohr war gespalten und blutig die Nase;Manche Wunde kneipten sie ihm und hatten das Fell ihmGarstig zusammen geruckt. Ich fragt' ihn, wie er heraustrat:Habt ihr die Wahrheit gesagt? Er aber sagte dagegen:

Wie ich's gefunden, so hab' ich gesprochen. Die leidige HexeHat mich übel geschändet; ich wollte, sie wäre hier außen;Theuer bezahlte sie mir's! Was dünkt euch, Reineke? habt ihrJemals solche Kinder gesehn? so garstig, so böse?

Da ich's ihr sagte, da war es geschehn, da fand ich nicht weiterGnade vor ihr und habe mich übel im Loche befunden.

Seyd ihr verrückt? versetzt' ich ihm drauf. Ich hab' es euchanders

Weislich geheißen. Ich grüß' euch zum Schönsten (so solltet ihrsagen),

Liebe Muhme, wie geht es mit euch? Wie geht es den liebenArtigen Kindern? Ich freue mich sehr, die großen und kleinen