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Alles <m Personen und zu festlichen Gelegenheiten Gedichtete enthaltend.
Än Fräulein Castmira Volowska.^
Dein Testament vertheilt die holden Gaben,Womit Natur Dich mütterlich vollendet,Vermächtniß nach Vermächtnis; ausgespendet,Zufrieden jeder seinen Theil zu haben.
Doch wenn Du Glückliche zu machen trachtest,So wär' es der, dem Du Dich ganz vermachtest.
Gesendet vonMarienbad
rinrr Gesellschaft versammelter Freunde
zum 28. August 1823.
In Hygiea's Form beliebt's Armiden,
Im Waldgebirg sich Schlösser aufzubauen,Verspricht dem Kranken Heil, dem LebensmüdenErwacht auf einmal hoffendes Vertrauen;
Dem halb Genesenen schnell zu heiterm FriedenEntfaltet sich ein Kreis erlcs'ner Frauen;
Dann weiß sie uns nach aller Art zu kirren,
Durch Spiel und Tanz und Neigung zu verwirren.
So wird von Tag zu Tag ein Traum gedichtet,Dem Wachen gleich, ein labyriuthisch Wesen,
Doch zu der Ferne bleibt mein Blick gerichtet,
Wo meinem Herzen sich ein Kreis erlesen,
Wo er sich mir und ich mich ihm verpflichtet:
Dort fühl' ich mich vollkommener genesen.
So trägt es mich zum ehrenvollen Feste,
Schon bin ich da! — Gesegnet alle Gäste!
Marienbild 1823/°
Du hattest längst mir's angethan,
Doch jetzt gewahr' ich neues Leben;
Ein süßer Mund blickt uns gar freundlich an,Wenn er uns einen Kuß gegeben.
Tadelt mau, daß wir uns lieben,Dürfen wir uns nicht betrüben,Tadel ist von keiner Kraft.Andern Dingen mag das gelten:Kein Mißbilligen, kein ScheltenMacht die Liebe tadelhast.
Du Schüler Howard's, wunderlichSiehst Morgens um und über Dich,Ob Nebel fallen, ob sie steigen,
Und was sich für Gewölle zeigen.
Auf Berges Ferne ballt sich aufEin Alpenheer, beeist zu Hanf,
Und oben drüber flüchtig schweifen >Gefiedert weiße luft'ge Streifen;
Doch unten senkt sich grau und grauerAus Wolkeuschicht ein Regenschauer.
Und wenn bei stillem DämmerlichtEin allerliebstes TreugesichtAuf holder Schwelle Dir begegnet,Weißt Du, ob's heitert? ob es regnet?
Wenn sich lebendig Silber neigt,
So giebt es Schnee und Regen,
Und wie es wieder aufwärts steigt,Ist blaues Zelt zugegen.
Auch sinke viel, es steige kaumDer Freude Wink, des Schmerzens,Man fühlt ihn gleich im engen RaumDes lieblebend'gen Herzens.
Du gingst vorüber? Wie! ich sah Dich nicht:
Du kamst zurück, Dich hab' ich nicht gesehen!Verlorner, nnglücksel'ger Augenblick!
Bin ich denn blind? Wie soll mir das geschehen?
Doch tröst' ich mich und Du verzeihst mir gern,Entschuldigung wirst Du mit Freude finden;
Ich sehe Dich, bist Du auch noch so fern!
Und in der Nähe kannst Du mir verschwinden.
Am heißen Quell verbringst Du deine Tage,Das regt mich auf zu innerm Zwist;
Denn wie ich Dich so ganz im Herzen trage,Begreif' ich nicht, wie Du wo anders bist.
Än Madame Marie Szymanowska/'
Die Leidenschaft bringt Leiden! — Wer beschwichtigtBeklommnes Herz, das allzuviel verloren?
Wo sind die Stunden, überschnell verflüchtigt?Vergebens war das Schönste dir erkoren!
Trüb ist der Geist, verworren das Beginnen;
Die hehre Welt, wie schwindet sie den Sinnen!
Da schwebt hervor Musik mit Engelsschwingeu,Verflicht zu Millionen Tön' um Töne,
Des Menschen Wesen durch und durch zu dringen,Zu überfüllen ihn mit ew'ger Schöne:
Das Auge netzt sich, fühlt im höhern SehnenDen Göttcrwerth der Töne wie der Thränen.