Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Vorspiel zu Eröffnung des Weimarischen Theaters.

Störe nicht den holden Zug, duRoß und Reiter! Jeder freueSich des Buntgewühls. Der JägerGrüße die bekannten Zweige,

Und der Jüngling, volle FlaschenSchwenkend, wähne, seine LaubenHabe hier geschmückt der Weingott,

Und vom zartesten GelispelBis zum wildesten TumulteDrücke jeder sein Gefühl aus.

Majestät.

Des Ungestümes wilden Ausdruck lieb' ich nicht:

Die Freude kehrt sich unversehns in herben Schmerz,Wenn ohne Ziel die Lust dahin schwärmt, ohne Maaß;Doch mag ich's loben, wenn Dich, Göttliche man heutMit übermäßiger Freude wild empfängt und ehrt,Borauserblickend alles, was man wünscht und hofft.

Friede.

Wenn sich Herz und Blick entgegenDrängt an diesem frohen Tag,

Freilich bin ich's, die von allenSehnsuchtsvoll Erwartete.

Aber, unsichtbar auf ErdenSchwebend, konnt' ich meiner hohenGlückverbreitenden GesinnungWählen kein vollkommner Gleichniß,

Nicht ein ausdrucksvoller Abbild,

Als in diese FreudefülleAllbelebend sich hereinsenkt.

Tausend Blumen aus den Kränzen,

Abertausend aus GehängenBlickend, mögen Ihrer Blüthe

Lieblichkeit nicht überscheiuen;

Und wie um die frische RoseJede Blume sich bescheidet,

Sich im bunten Strauß zu fügen:

Also diese Welt von Zweigen,

Blumen, Bändern, Alten, Jungen,

Dieser Kreis von frohen Blicken,

Alles ist auf Sie gerichtet,

Sie, die lieblich Würdige!

Wie Sie an der Hand des Gatten,

Jung wie Er und Hoffnung gebend,

Für Sich selber Freude hoffend,

Segnend uns entgegen tritt.

Majestät.

Ich wünsche Dir und diesem Lande wünsch' ich Glück,

Daß deinen göttlich aufgeforderten BerufDu mit so großer Gabe gleich bethätigest.

Rückkehr, die frohe, reicher Ernte gleichet sie,

Wo scheidend herzlich stille Thränen wir gesä't.

So grüße segnend alle die Rückkehrenden,

Nach vielen Tagen froh Zusammentreffenden,

Und schütze sie und hüte sie mit meiner Kraft!

Doch aber bleibet immerfort auch eingedenkDer Abgeschied'nen, deren rühmliche Lebenszeit

(Im Hintergründe zeigt sich in Chiffern das Andenken der verewigtenHerzogin-Mutter, umgeben von Glorie und dem Kranz ihrerZurückgelassenen.)

Umwölkt zuletzt, zur Glorie Sich läuterte,

Unsterblich glänzend, keinem Zufall ausgestellt;

Um welche sich versammelt Ihr geliebt Geschlechtj Und alle, deren Schicksal Sie umwaltete.

! Sie wirkte noch wie vormals immer mütterlich.

In Leid und Freuden bleibet Ihrer eingedenk,

Genuß, Entbehrung, Hoffnung, Schmerz und ScheidetagMenschlich zu übernehmen, aber männlich auch!