Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Was wir bringen.

Vater (einigermaaßen «erlegen). Ei sieh! bist du auch da!

Mutter. Um noch in meinen alten Tagen Schläge zukriegen.

Vater (verdrießlich humoristisch). Warum gehst du nichtaus dem Wege, wann gemessen wird.

M uttcr. Was wird gemessen?

Vater (der sich gefaßt hat). Siehst du nicht? Dieser Fuß-boden, dieses Zimmer, dieses Hans.

Mutter. Und wozu solche Umstände?

Vater (nach einer Pause). Da es nun einmal nicht längerzu verheimlichen ist, da du mich belauscht hast, so mag's dennauch heraus. Kurz und gut! ich baue.

Mutter. Doch wohl Schlösser in die Luft, wie schonöfters.

Vater. Nein, nein, im Ernste. Dieses unser Haus baueich ganz neu von Grund auf, und ehe ein Paar Tage vergehn,reiße ich das alte aus der Stelle nieder.

Mutter. Das ist eine Grille, die dir schon oft gekommenund oft vergangen ist.

Vater. Dießmal soll sie ausgeführt werden.

Mutter. In deinen alten Tagen.

Vater. Eben, wenn man alt ist, muß man zeigen, daßman noch Lust zu leben hat. Mache dich gefaßt, räume aus!räume aus! Richte dich ein. Nächstens wirst du da droben dieSchindeln krachen hören.

Mutter. Ach! du lieber Gott! was soll das heißen? Dubist ja ganz verändert, Männchen. Sonst nahmst du doch ver-nünftige Vorstellungen an; jetzt willst du deiner guten Frau dasHaus iiber'm Kopfe zusammen reißen.

Vater. Ueber'm Kopfe nicht; du darfst nur hinaus gehen.

Mutter. Meine schönen Geschirre werden mir zerschlagenund verbeult.

Vater. Die trägst du zur Nachbarin.

Mutter. Und meine Kleider!

Vater. Die giebst du der Frau Pfarrin aufzuheben.

Mutter. Meine Tische, Stuhle und Betten!

Vater. Die stellen wir in die Scheune, bis alles wiederfertig ist.

Mutter. Und mein Herd, an dem ich schon dreißig Jahrekoche!

Vater. Der wird weggerissen; dafür baue ich dir eine eigneKüche, in der du wieder dreißig Jahre kochen kannst.

Mutter. Das werde ich nie gewohnt werden.

Vater. Zur Bequemlichkeit gewöhnt man sich doch auch.Aber daß mir durch das alte morsche Dach Schnee und Regenauf der Nase tanzen soll, daran kann ich mich nicht gewöhnen.

Mutter. Laß es ausflicken.

Vater. Es muß ganz herunter. Hängt doch da drobennoch der Teppich, den wir neulich aufbinden mußten, als unsder Schnee im Bett zu besuchen kam.

Mutter. Das geht vorüber.

Vater. Der Staub auch und die Unlust, die du vomBauen haben wirst.

Mutter. Soll es denn wirklich wahr werden? Läßt dudir denn gar nicht zureden?

Vater. Laß dir nur auch einmal zureden, dann ist allesgut. Unser Haus liegt an der Straße, wo so viele Leute vorbei-fahren, wo so mancher einkehrt, und nun soll ich, bis an mein

Ende, die Demüthigung erdulden, daß die Reisenden auswendigspotten und die Gäste inwendig klagen.

Mutter. Haben sie doch das Essen gelobt.

Vater. Aber die Wohnung gescholten.

Mutter. Den Kaffee gepriesen.

Vater. Und auf die niedrigen Thüren geflucht.

Mutter. Die Betten gut gefunden.

Vater. Und einen bequemen Sitz entbehrt. Nur Geduld!Was wir Gutes hatten, werden wir behalten, und was unsfehlte, muß sich finden. Gestehe ich dir's also nur: mit dem Ge-vatter Maurer, mit dem Vetter Zimmermann ist schon Abredegenommen.

Mutter. Eine Verschwörung unter den Männern! Ihrsaubern Zeisige!

Vater. Die Steine, die da draußen angefahren sind, undzugehauen werden

M utIer. Ich will nicht hoffen!

Vater. Die Zulage, an der sie eben arbeiten

Mutter. Jst's möglich! Welche Treulosigkeit!

Vater. Gehören zu unserm Hause, sind unser Hans, wiees nächstens dastehen wird.

Mutter. Und ihr macht mir weis, das Amt lasse neueScheunen bauen.

Vater. Das mußt du verzeihen.

Mutter. Und ihr habt mich zum Besten!

Vater. Freilich zu deinem Besten geschichl's.

Mutter. Nein, das ist zu arg! Hinter meinem Rücken!Ohne mein Wissen und Willen!

Vater. Beruhige dich!

Mutter. Das schöne, alte Gebälke, noch von meinemUrgroßvater her.

Vater. Schön war's zu seiner Zeit, jetzt ist es überallwurmstichig.

Mutter. Das soll ich alles vor meinen Augen nieder-reißen sehen.

Vater. Thue die Augen zu, bis es herunter ist! Siehnicht hin, bis das neue droben steht! Dann sollst du schon deineFreude haben. Eine schlechte Wohnung macht brave Leute ver-ächtlich. Gut gesessen ist halb gegessen, und wenn du künftigdeinen Gästen in bessern Zimmern, auf bequemern Sitzen deineguten Speisen aufsetzest, so werden sie ihnen gewiß besser schmeckenals bisher.

Mutter. Ich glaube es kaum! Sie werden im bessernHaus auch bessere Tafel erwarten.

Vater. Nun, das ist auch kein Unglück. Da raffmirtman, man lernt was, man geht mit der Zeit.

M uttcr. Die Zeit läuft gar zu geschwind für meine altenBeine.

Vater. Wir spannen vor.

Mutter. Nein, ich kenne dich ganz und gar nicht. Einböser Geist hat dich verblendet. Mit rechten Dingen geht's nichtzu. (Sich setzend.) Mir lst's in alle Glieder geschlagen, ich kannnicht von der Stelle.

Vater (der indessen durch's Fenster gesehen). Dasiehnnrein-mal die schwer bepackte Kutsche, mit sechs Pferden! Wahr-scheinlich was Vornehmes. Ich schäme mich zu Tode, wenn siebei uns einkehren.

Mutter (aufspringend). Laß sie nur kommen! Ist das