Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Was ir

Mutter. Nun, nun! die Frauenzimmer haben auch vomVerjüngen gesprochen. Wenn sich das so thun ließe! Zum neuenGasthof eine neue Wirthin, ein neuer Wirth! das ließe sichhören.

Vater. Laß das gut seyn! Daran, fürcht' ich, möcht'eshapern.

Pathos. Sprecht nicht mehr vom Gasthof! es ist vonganz andern Dingen die Rede.

Zehnter Auftritt.

Die Vorige». Reisender.

keifender (draußen). He! Wirthshaus! Wirthshaus!Warum ist das Thor zu? Warum ist die Thüre verschlossen?Laßt mich ein! Ich muß hinein.

Pathos. Wer ist der Unverschämte, der unsere heiligenCirkel zu stören droht?

Vater (gegen das Fenster». Es ist ein Fußreisender.

Phone (gegen das Fenster». Ein hübscher, junger Mensch.

Nymphe (gegen das Fenster». Ach, gewiß einer von denLiebenswürdigen, die sich's so sauer werden lassen, überall dieholden Naturscenen aufzusuchen. Der Himmel hat sich auf ein-mal überzogen, ich fürchte ein Gewitter. Laßt mir den Gutennicht weiter gehen, laßt ihn herein.

Pathos. Habt ihr ein ander Zimmer, gute Leute, daßich allein seyn kann?

Vater. Was ihr seht, ist das ganze Haus.

Pathos. So muß er draußen bleiben! ich kann ihm nichthelfen.

(Das Fenster geht auf, Reisender springt herein, im Eostüui derbessern deutschen Fußrclscnden.)

keifender. Was sehe ich? Einen leeren, verlaßnenRaum glaubte ich zu betreten, und finde die vortrefflichste Ge-sellschaft. Seyen sie mir gegrüßt, meine Damen, gegrüßt,Herr und Frau Wirthin! Manchen Wald habe ich durchwan-delt, manch Gebirg durchstiegen, manche Aussicht bewundert,manche Ruine durchkochen, in mancher Mühle durchnachtet;aber solch ein glückliches Abentheuer ist mir nirgends aufgestoßen.

phonc (leise zu den andern». Er gefällt mir gar nicht Übel.

tl y m p h c. Er hat was sehr Interessantes.

Pathos. Gute Sitten und Lebensart läßt er hoffen.

Keifender. Wo soll ich anfangen? wo soll ich aufhören?Soll ich geistreicher Anmuth, soll ich edler Natürlichkeit, soll ichder Majestät, dem Biedersinn, der Treuherzigkeit opfern?

phonc. Das scheint ein Phyfiognomist zu seyn; er machtuns Complimente, die wir gern annehmen. Wenn er mir nurnicht, um sichrer zugehen, nach der neuen Methode den Kopfbefühlen will!

Vater. Woinit kann man dienen?

Mutter. Was steht zu Befehl?

Nymphe. Vielleicht verschmähen Sie unser Frühstücknicht? Kann ich aufwarten? (Sie reicht ihm cinm Becher »

Keifender. Aus so schönen Händen einen Labetrunk, werkönnte den verschmähen! aber beschämen Sie mich nicht! Aninir ist zu fragen: womit ich aufwarten, womit ich dienen kann?

phonc. Was haben Sie uns denn anzubieten?

bringen. 535

Keifender. Ohne Prahlerei, die kunstreichste Unterhal-tung.

phonc. Uns! Eine kunstreiche Unterhaltung! Schwester,wir wollen doch sehen, wie er das ansängt.

Nymphe. Nun ist meine ganze Freude hin! Ich hielt ihnfür einen zarten, feinfühlenden Sohn der Natur und wolltemich eben mit ihm über Berg und Hügel, über Aussichten,Thäler und verfallene Schlösser unterhalten, und am Ende istder gute Mensch ein Taschenspieler!

Pathos. Und wenn es wäre, so hätte es nichts zusagen. Ich kann dergleichen wohl mit ansehen, wenn ich nurweiter nichts damit zu schaffen haben soll.

phone (zum Reisenden). Nun! und so wären Sie alsodenn doch, was man einen Taschenspieler heißt?

Keifender. Keineswegs, meine Damen! Für eine jedeKunst, für ein jedes Handwerk hat die Welt einen Spitznamen,ja für das Edelste und Beste einen Ekelnamen gefunden. Dochwenn ich mich selbst ankündigen soll, so bin ich ein Physicus, derwunderliche Dinge hervorzubringen und darzustellen weiß. EinPhysicus ist verwandt mit dem höchsten Ernst, da mag er einPhilosoph heißen, und mit dem gemeinsten Spaß, da kann erfür einen Taschenspieler gelten.

Nymphe. Mit allen solchem Zeuge mag ich eben gar nichtszu thun haben.

Phone. Und warum nicht? Ich werde immer heiter,wenn man mich auf eine unschuldige Weise zum Besten hat.

Pathos. So laßt ihn denn doch nur gewähren und sehtseinen Scherzen mit Vergnügen zu. Immer ist es besser, daßer eure Augen, eure Sinne betrügt, als wenn er euer Herz odereuren Geschmack verführen wollte.

keifender. Sie scheinen, meine Damen, diese geringenVerdienste, die ich Ihnen anzubieten habe, wenn ich aufrichtigseyn soll, auch etwas gar zu gering zu schätzen. Es möchtenwohl Späße seyn, »vas ich im Sinn habe; aber so ganz purspaßhaft sind sie nicht; denn ich spaße zum Beispiel nicht allein.Wollen Sie nicht Theil daran nehmen, und zwar persönlichenTheil, so läßt sich gar nichts ausrichten. Fangen wir zum Bei-spiel gleich davon an, daß Sie sich hier nicht zum besten be-finden.

Nymphe. Und warum nicht?

phone. So ganz übel könnt' ich doch auch nicht sagen.

Pathos. Wir »vollen gestehen, daß es wohl besser seynkönnte.

Keifender. Viel zu umständlich wäre es, hier ain Orteeine Veränderung abzuwarten.

Vater. Nun freilich! und ich müßte noch dazu Sie ersu-chen, das Haus zu räumen, ehe ich das neue ausstellen könnte.

Keifender. Deßhalb hielte ich es für das Sicherste, wirveränderten selbst den Ort, welches mit keinen gar zu großenSchwierigkeiten verbunden seyn möchte.

phonc. Freilich, wenn wir uns in den Wagen setzen und,in schlechtem oder gutem Wetter, noch so viele Meilen weiterfahren wollten.

Nymphe. Ja wohl! und mir gefällt es hier; für dießmallaß uns eben bleiben.

Pathos. So hört doch wenigstens, was er zu sagen hat.Die Art, wie er es vorbringt, läßt mich hoffen, daß er dabei»vas Eignes denken »nag.